Volume 27 (2015) – Issue 2

27. Jahrgang (2015) – Heft 2

Content | Inhalt

Sabine Walper
Einführung in das Schwerpunktthemenheft “Eltern, Kind, Schule – ein kompliziertes Verhältnis?”

Michael Feldhaus: Familiale Einflussfaktoren auf das elterliche Schulinteresse aus der Sicht von Grundschulkindern 

Sabine Walper, Carolin Thönissen & Philipp Alt: Einflüsse von akademischer Sozialisation und der Verbundenheit mit den Eltern auf die schulischen Leistungen von Kindern und Jugendlichen

Mariana Grgic & Michael Bayer: Eltern und Geschwister als Bildungsressourcen? Der Beitrag von familialem Kapital für Bildungsaspirationen, Selbstkonzept und Schulerfolg von Kindern

Katharina Kohl, Julia Jäkel & Birgit Leyendecker: Schlüsselfaktor Elterliche Beteiligung: Warum Lehrkräfte türkischstämmige unddeutsche Kinder aus belasteten Familien häufig als verhaltensauffällig einstufen

Bettina Arnoldt & Christine Steiner: Perspektiven von Eltern auf die Ganztagsschule

Daniel Baron & Caroline Schulze-Oeing: Elternschaftsabsichten in Deutschland unter dem Einfluss von Modernisierungs- und Prekarisierungsprozessen


Abstracts and keywords | Zusammenfassungen und Schlagwörter

Michael Feldhaus (pp. 135-151)

Familiale Einflussfaktoren auf das elterliche Schulinteresse aus der Sicht von Grundschulkindern

Der vorliegende Beitrag fokussiert das Verhältnis zwischen Elternhaus und Schule an einer entscheidenden Schnittstelle beider Kontexte, dem elterlichen Schulinteresse. Betrachtet werden Einflüsse auf das schulbezogene Interesse der Eltern, insbesondere im Übergang von der Grundschule zu den weiterführenden Schulen. Hierbei liegt der Schwerpunkt auf der Frage, inwieweit Veränderungen in der familialen Beziehungsdynamik mit Veränderungen des Schulinteresses korrespondieren. Das elterliche Schulinteresse wird aus der Perspektive der Kinder erfasst. Auf der Basis der Daten des Beziehungs- und Familienentwicklungspanels (pairfam) und der darin durchgeführten Kinderbefragung wurden Angaben der Kinder (N= 342) aus Welle 2 und 4 herangezogen. Die 2-Wellen-Panelregressionsanalysen bestätigen, dass das elterliche Interesse an schulischen Leistungen in der Grundschulphase ein sehr hohes Niveau hat, unabhängig vom Bildungsstand und den Bildungsaspirationen der Eltern, dass es sich aber in den Zeiten des Übergangs zwischen Grundschule und den weiterführenden Schulen bereits signifikant reduziert. Es zeigt sich ferner, dass ein Anstieg des kindlichen Problemverhaltens und eine Verschlechterung der Beziehungsqualität zu den Eltern mit einer Reduktion des Schulinteresses der Eltern korrespondiert.

Schlagwörter: elterliches Schulinteresse, Grundschule, Eltern-Kind-Beziehung

Factors of family impact on the parental school involvement as seen by primary school children

This article focuses on a decisive interface in the relationship between parents and school: parents’home-based school involvement. By observing the transition from primary to secondary, school we investigate to what extent changes in the family’s situation and relationship dynamics are associated with changes in parental school involvement, which, in turn, is measured from the child’s perspective. Using data from the children’s survey within the Panel Analysis of Intimate Relationships and Family Dynamics (pairfam), two observation points can be employed (N=342). The analyses confirm that parental involvement is at a high level during primary school, independently of parents’ educational level and aspirations, but drops significantly during the transition from primary to secondary school. Furthermore, it can be shown that an increase in children’s challenging behaviour and a worsening quality of parentchild relationship corresponds with a reduction of parental school involvement.

Key words: parental school involvement, primary school, parent-child relationships.


Sabine Walper, Carolin Thönnissen & Philipp Alt (pp. 152-172)

Einflüsse von akademischer Sozialisation und der Verbundenheit mit den Eltern auf die schulischen Leistungen von Kindern und Jugendlichen

Mit Blick auf die Bildungsbedeutung der Familie untersucht diese Studie längsschnittliche Einflüsse des elterlichen Schulengagements und der Verbundenheit mit den Eltern auf die schulische Leistungsentwicklung im 2-Jahres-Zeitraum. Im Mittelpunkt stehen zwei Aspekte akademischer Sozialisation: die Bildungsorientierung der Eltern und deren Interesse an schulischen Belangen der Kinder. Die Daten für 469 Kinder im Alter zwischen 8 und 16 Jahren stammen aus dem Deutschen Beziehungs- und Familienpanel pairfam. In multiplen Regressionen, die zahlreiche Hintergrundfaktoren, den früheren Leistungsstand sowie das Problemverhalten der Kinder kontrollieren, erweist sich lediglich die Bildungsorientierung der Eltern als relevant. Während das Alter der Kinder keinen moderierenden Einfluss auf die Bedeutung akademischer Sozialisation und die Verbundenheit mit den Eltern hat, trägt die Bildungsorientierung nur bei hoher Verbundenheit der Kinder mit den Eltern zu besseren schulischen Leistungen bei. Die Befunde unterstreichen die Bedeutung elterlicher Bildungsaspirationen, vor allem im Kontext einer positiven Eltern-Kind-Beziehung.

Schlagwörter: elterliches Schulengagement, Erziehung, Schulleistungen, soziale Herkunft, Geschlecht

Effects of academic socialization and emotional closeness to parents on children’s and adolescents’ school achievement

Focusing family influences on children’s academic development, the present study investigated longitudinal effects of parental school involvement as well as children’s closeness to parents as predictors of school achievement across two years. Two aspects of academic socialization were of particular interest: parents’ aspirations for higher education and their interest in children’s schooling. Data for 469 children (age 8 to 16 years) came from the German Family Panel pairfam. Multiple regression analyses controlling for a variety of background factors, children’s previous grades, and their problem behavior revealed significant effects of parents’ educational aspirations only. Whereas children’s age did not moderate the effects of closeness to parents or those of academic socialization, higher closeness to parents proved to facilitate effects of parents’ educational aspirations. The findings emphasize the role of parental aspirations, particularly in the context of a positive parent-child relationship.

Key words: parental school involvement, parenting, academic achievement, socio-economic resources, gender


Mariana Grgic & Michael Bayer (pp. 173-192)

Eltern und Geschwister als Bildungsressourcen? Der Beitrag von familialem Kapital für Bildungsaspirationen, Selbstkonzept und Schulerfolg von Kindern

Die zunehmende Bedeutsamkeit von Bildung für den Lebensverlauf und die sozialstrukturelle Abhängigkeit von Bildungschancen rückt die Familie als Ort der Entstehung und Reproduktion sozialer Ungleichheit immer mehr ins Blickfeld. In diesem Beitrag werden die bisher in der quantitativempirischen Familien- und Bildungsforschung zugrunde gelegten Indikatoren familialen Geschehens diskutiert und erweitert. Hierbei wird vor allem auf die elterliche Unterstützung bei schulischen Angelegenheiten sowie die Bildungserfahrungen von Geschwistern fokussiert. Diese werden im Rahmen eines pfadanalytischen Modells auf Basis der NEPS-Daten der Startkohorte 3 hinsichtlich ihrer Erklärungskraft für den bildungsbezogenen Habitus sowie die schulischen Leistungen von Schülerinnen und Schülern der fünften Klasse untersucht (n=4.661). Dabei kann gezeigt werden, dass sowohl bei bereits vorhandenen Erfahrungen höherer Bildung bei älteren Geschwistern als auch bei einer vermehrten schulbezogenen elterlichen Unterstützung die Bildungsaspirationen sowie das schulische und allgemeine Selbstkonzept der Heranwachsenden stärker ausgeprägt ist. Damit kann die Abhängigkeit von Bildungserwartungen und –orientierungen von familialen Ressourcen und bildungsbezogenen Praktiken in der Familie differenzierter bestimmt werden, womit ein erster Schritt in Richtung einer längsschnittlich orientierten Analyse zentraler innerfamilialer Vermittlungsmechanismen der Reproduktion von Bildungsungleichheit formuliert wird.

Schlagwörter: familiales Kapital, Geschwister, Bildungsaspirationen des Kindes, Selbstkonzept, Habitus

Do parents and siblings serve as educational resources? How and what extent family capital contributes to children’s educational aspirations, self-concept and educational attainment

Due to both the growing importance of education for life trajectories and the social structural dependency, the family comes to the fore as the place where social inequalities emerge and are being reproduced. In this contribution, the indicators of family life events – on which quantitative empirical family and education research has been based so far – will be discussed and extended. The focus will be primarily placed on parental support in school issues and on the educational attainment experience of siblings. Based on NEPS data of starting cohort 3, these events will be investigated within the framework of a path analytical model with regard to their explanatory power for the education-related habitus and the school achievements of 5th graders (N=4,661). It can be demonstrated that both aspirations for educational attainment and the school-related as well as the general self-concept of the students are more pronounced when older siblings already had experiences in higher education as well as in the case of parental school-related support of children’s aspirations for educational attainment. Thereby, the dependency of expectations of educational attainment and orientations on family resources and family practices related to education can be determined more precisely. This, in turn,
serves as a first step aiming at the longitudinally oriented analysis of central intermediation mechanisms of the reproduction of educational inequality within the family.

Key words: family capital, siblings, children’s aspirations for educational attainment, self-concept, habitus


Katharina Kohl, Julia Jäkel und Birgit Leyendecker (pp. 193-207)

Schlüsselfaktor Elterliche Beteiligung: Warum Lehrkräfte türkischstämmige und deutsche Kinder aus belasteten Familien häufig als verhaltensauffällig einstufen

Kindliches Problemverhalten beeinflusst unabhängig von individuellen kognitiven Fähigkeiten stark den langfristigen Schulerfolg. Türkischstämmige Mütter berichten im Vergleich zu deutschen Müttern über erhöhte familiäre Belastung und beteiligen sich nach Auskunft der Lehrkräfte weniger am schulischen Alltag ihrer Kinder. Erhöhte Belastung führt zu einer stärkeren Delegation von Erziehungsverantwortung und erhöhtem kindlichen Problemverhalten. In der vorliegenden Studie untersuchten wir die Zusammenhänge zwischen familiärer Belastung, elterlicher Beteiligung in der Schule und der Beurteilung von Verhaltensproblemen türkischstämmiger (n = 148) und deutscher (n = 54) Kinder durch deutsche Lehrkräfte (N = 202). Wir fanden einen Zusammenhang zwischen Verhaltensproblemen im Lehrerurteil und geringer elterlicher Beteiligung, während ein türkischstämmiger Migrationshintergrund keinen signifikanten Effekt hatte.

Mediationsanalysen zeigten, dass der Zusammenhang zwischen hoher familiärer Belastung und wahrgenommenen Verhaltensproblemen durch elterliche Beteiligung in der Schule vermittelt wurde. Dies legt nahe, dass Lehrer diejenigen Kinder und Jugendlichen als problematischer wahrnahmen, deren Eltern sich bedingt durch ihre hohe familiäre Belastung weniger schulisch engagierten. Weitere Analysen zeigten, dass gute deutsche Sprachfähigkeiten bei den türkischstämmigen Müttern mit höherer elterlicher Beteiligung in der Schule und so indirekt einer positiveren Beurteilung kindlichen Verhaltens durch deutsche Lehrkräfte einhergingen. Unsere Studie bestätigt die herausragende Bedeutung elterlicher Beteiligung für die kindliche Schullaufbahn und zeigt Ansatzpunkte für potenzielle Präventionsmöglichkeiten.

Schlagwörter: Verhaltensprobleme, Stärken und Schwächen (SDQ), türkischstämmige Kinder, Jugendliche und Mütter, familiäre Belastung, elterliche Beteiligung in der Schule, Lehrerurteil, deutsche Sprachfähigkeiten

Parental involvement in school is the key to teacher judgments of Turkish immigrant and German children’s behavior problems

Childhood behavior problems affect long-term school success. Turkish immigrant mothers report higher levels of family adversity and are less involved in their children’s school matters than German mothers. High family adversity is associated with delegation of parenting responsibilities and with elevated levels of behavior problems in childhood and adolescence. This study examined associations between family adversity, parental involvement in school matters, and Turkish immigrant (n = 148) and German (n = 54) students’ teacher-rated behavior problems. Results showed that children whose parents were less involved in school were rated as more difficult by their teachers, whereas a Turkish immigrant background had no significant effect. Effects of high family adversity on teacher-rated behavior problems were fully mediated by parental involvement in school matters: teachers rated those children and adolescents as more difficult whose parents were less involved in school matters because
they were living under adverse circumstances. In addition, analyses on the subsample of Turkish immigrant mothers showed that good German language abilities predicted higher involvement in school matters and were thus indirectly associated with more positive teacher judgments of children’s behavior. Our study confirms the unique importance of parental involvement for children’s school success and also points to potential avenues to prevent academic underachievement.

Key words: Turkish immigrant children and adolescents, mental health, strengths and difficulties (SDQ), family adversity, parental school involvement, German language comprehension


Bettina Arnoldt & Christine Steiner (pp. 208-227)

Perspektiven von Eltern auf die Ganztagsschule

Ganztagsschulen sollen nicht nur eine bessere Förderung der Schülerinnen und Schüler ermöglichen, sondern Eltern auch bei der Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit unterstützen. Untersuchungen zur Akzeptanz von Ganztagsschulen konzentrieren sich allerdings in erster Linie auf die Vereinbarkeitsproblematik. Die Einschätzungen der Eltern im Hinblick auf das Unterstützungspotenzial von Ganztagsschulen für die individuelle Entwicklung und den schulischen Erfolg ihrer Kinder wurden demgegenüber bisher kaum aufgegriffen. In diesem Beitrag untersuchen wir, welche Teilnahmemotive Eltern mit der Ganztagsschule verbinden und ob diese Erwartungen eingelöst werden. Hierbei wird der Frage nachgegangen, welche Rolle dabei die Bildungsstrategien und der sozio-ökonomische Hintergrund der Eltern spielen. Für unsere Analysen verwenden wir in erster Linie die Daten einer Befragung von Eltern von Schülerinnen und Schülern an Ganztagsschulen (N=16.261), die im Jahr 2009 im Rahmen der „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG) durchgeführt wurde. Unsere Befunde zeigen zunächst einmal, dass Ganztagsschulen vor allem von ostdeutschen Doppelverdiener-Hauhalten akzeptiert werden. Diese Eltern verbinden mit der Ganztagsschule in gleicher Weise Betreuungs- und Förderungsmöglichkeiten. Das gilt insbesondere auch für Eltern mit weniger günstigen sozialen Voraussetzungen.

Schlagwörter: Ganztagsschule, Bildungsungleichheit, individuelle Förderung

Perspectives of parents on the all-day school

All-day schools are not only meant to improve the individual development of their students, they are also supposed to support parents in reconciling family and work. However, studies on parental acceptance of all-day schools focus primarily on the issue of work-life balance. The opinions of parents with regard to the potential support of allday schools for individual development and educational success of their children have hardly been examined. In this paper, we investigate whether parents regard all-day schools as an opportunity for improving the individual development of their children. For our analyses, we use mainly the data of a survey of parents of students at all-day schools (N=16,261), which was conducted in 2009 within the “Study on the development of all-day schools” (StEG). First of all, our findings show that all-day schools are accepted particularly by East German parents in dual income households. These parents see all-day schools as an opportunity for both goals, i.e. for a better care as well as a way of enhancing the personal development of their children. This is especially true for parents with a less privileged social background.

Key words: all-day schools, educational inequality, personal development


Daniel Baron und Caroline Schulze-Oeing (pp. 228-250)

Elternschaftsabsichten in Deutschland unter dem Einfluss von Modernisierungs- und Prekarisierungsprozessen

Während die Einflüsse der Partnerschaftsqualität von sozioökonomischen Faktoren auf die Elternschaftsabsichten junger Erwachsener in Deutschland inzwischen empirisch gut erforscht sind, ist vergleichsweise wenig bekannt über die konkurrierenden Auswirkungen subjektiv verarbeiteter Modernisierungs- und Prekarisierungsfolgen. Basierend auf austauschtheoretischen Ansätzen, führen egalitäre Geschlechterrollenbilder zu einer signifikanten Abschwächung von Elternschaftsabsichten. Dieser Effekt verschwindet sobald nach Geschlechtergruppen getrennte Modelle berechnet werden. Für Männer zeigt sich zudem, dass schwächere subjektive Prekaritätswahrnehmungen mit erhöhten Elternschaftsabsichten einhergehen, während ein hoher Anteil befristeter Beschäftigung im Lebenslauf ebenfalls zur Verstärkung von Elternschaftsintentionen führt. Bei Frauen spielen hingegen weder Prekarisierungs- noch Modernisierungseffekte eine Rolle – hier zeitigt lediglich die Partnerschaftszufriedenheit einen signifikant positiven Effekt auf Elternschaftsabsichten.

Schlagwörter : Kinderwunsch, Elternschaftsabsichten, Modernisierung, Prekarisierung, Partnerschaftsqualität, Austauschtheorie

The impact of modernization processes of life forms and precarious work on fertility intentions in Germany

Although pluralization of life forms and effects of precarious work have recently been matters of debate among scholars in the social sciences, only little is known about the impact of both processes on fertility intentions. Focusing individual attitudes of young German adults towards these issues, this paper investigates whether pluralization of life forms or effects of precarious work lead to lower rates of fertility intentions. Based on social exchange theory, empirical results show a significantly negative impact of modern gender role attitudes on fertility intentions. When conducting separate analyses for each gender group, this effect vanishes. Controlling for males, subjective precariousness exerts a negative effect, whereas a high amount of fixed-term contracts during professional career exerts a positive effect on fertility intentions. However, females’ fertility intentions are positively affected in a significant manner by a high degree of satisfaction with partnership.

Key words: Fertility intentions, pluralization of life forms, precarious work, relationship quality, family economics, social exchange theory