Volume 27 (2015) – Issue 1

27. Jahrgang (2015) – Heft 1

Content | Inhalt

Michaela Schier & Sandra Hubert: Alles eine Frage der Opportunität, oder nicht? Multilokalität und Wohnentfernung nach Trennung und Scheidung

Michael Feldhaus & Andreas Timm: Der Einfluss der elterlichen Trennung im Jugendalter auf die Depressivität von Jugendlichen

Jessica Schreyer: Teilzeiterwerbstätigkeit während des Bezugs von Elterngeld

Corinna Frodermann: Wer arbeitet wie viel? Entscheidungen über den Erwerbsumfang im Partnerschaftskontext

Simona Gagliardi, Guy Bodenmann und Nina Heinrichs: Dyadisches Coping und Partnerschaftszufriedenheit bei verschiedenen Liebesstilen


Abstracts and keywords | Zusammenfassungen und Schlagwörter

Michaela Schier & Sandra Hubert (pp. 3-31)

Alles eine Frage der Opportunität, oder nicht? Multilokalität und Wohnentfernung nach Trennung und Scheidung

Arrangements mit intensiven Kontakten zwischen Kindern und beiden Elternteilen nach einer Trennung sind deutlich häufiger geworden. Bekannt ist: Räumliche Nähe zwischen den elterlichen Wohnstandorten begünstigt eine multilokale Lebensführung, aber determiniert sie nicht. Über diesen Opportunitätsstruktureffekt hinausgehende Analysen fehlen bislang. An dieser Forschungslücke ansetzend prüft dieser Artikel einerseits die Faktoren, die eine multilokale Lebensführung fördern sowie den negativen Zusammenhang zwischen der Wohnentfernung und einer multilokalen Lebensführung schwächen. Andererseits wird gefragt, wie die Wohnentfernung die Beziehung zwischen Multilokalität und diesen Merkmalen moderiert. Bezugnehmend auf familienökonomische, ressourcentheoretische sowie zeit-geografische Überlegungen zeigen Regressionsanalysen auf Basis des DJISurvey AID:A, dass die Opportunitätsstrukturthese einen hohen Erklärungsgehalt besitzt, aber zu kurz greift. Gemeinsames Sorgerecht, eine höhere Bildung der Mutter, ein höheres Alter der Kinder bei der Trennung sowie ein junges aktuelles Alter stehen in einem stark positiven Zusammenhang mit einer multilokalen Lebensführung, geringe ökonomische Ressourcen in einem negativen. Eine Mediation ist nicht identifizierbar. Die Wohnentfernung moderiert jedoch teilweise die Bedeutung der Merkmale für Multilokalität.

Schlagwörter: Multilokalität von Familie nach Trennung, Nachtrennungsfamilien, Wohnentfernung, face-to-face-Kontakte, Vater-Kind-Beziehung, haushaltsübergreifende Lebensführung, Deutschland, AID:A

It’s all a question of opportunity, isn’t it? Multi-locality and residential distance in post-separation families

The occurrence of arrangements within which the children keep in close contact with both parents after their parents split up has strongly risen. It is well known that spatial proximity between the parental homes facilitates multi-locality, but it does not determine it. However, there is a shortage of analyses going beyond the opportunity structure effect. Hence, our article, on the one hand, tries to identify factors promoting multi-local everyday life as well as mediating the negative correlation between spatial distance and multi-local life. On the other hand, we ask how residential distance moderates the relation between multi-locality and these characteristics. Referring to family economics, the theory of resources, and time-geographical considerations regressions using the DJI-survey AID:A show that the opportunity structure thesis possesses high explanatory power, but does not go far enough. Shared legal custody, higher maternal education, a higher age of the children at parental separation as well as a young current age are strongly positively correlated with multi-locality, whereas low economic resources are negatively correlated. Mediating effects could not be detected. Spatial distance, however, partially moderates the meaning of diverse factors for multi-locality.

Key words: multi-locality of families after separation, post-separation families, residential distance, face-to-face contacts, father-child-relationship, conduct of everyday life across households, Germany, AID:A


Michael Feldhaus & Andreas Timm (pp. 32-52)

Der Einfluss der elterlichen Trennung im Jugendalter auf die Depressivität von Jugendlichen

Der vorliegende Beitrag untersucht mit aktuell verfügbaren Längsschnittdaten den Zusammenhang zwischen elterlichen Trennungen und der Depressivität von Jugendlichen. Hierbei werden insbesondere die zugrundeliegenden Beziehungsdynamiken zwischen Eltern und ihren Kindern berücksichtigt. Ziel ist es, mit aktuellen, repräsentativen Daten, die überwiegend aus dem angloamerikanischen Raum stammenden Ergebnisse zum Zusammenhang zwischen elterlichen Trennungen und der Depressivität von Jugendlichen für Deutschland zu untersuchen. Für die empirischen Analysen wird die Jugendkohorte des Beziehungs- und Familienpanels (pairfam) und hierbei die Daten der ersten vier Wellen aufbereitet. Es werden erstmals für den deutschen Kontext sowohl fixed-effects-Modelle als auch sogenannte Hybrid-Modelle gerechnet, um stärker unverzerrte, intraindividuelle Veränderungen zu erfassen. Die Ergebnisse bestätigen den Befund, dass eine elterliche Trennung während des Jugendalters trotz der hohen Verbreitung und allgemeinen Akzeptanz von Trennungen und Scheidungen die Depressivität von Jugendlichen signifikant erhöht.

Dieser Befund trifft jedoch vor allem für konflikthafte Familienbeziehungen zu, während Beziehungen, die auf Intimität und Geborgenheit ausgerichtet sind, den Effekt der Scheidung deutlich reduzieren und eine erfolgreichere Anpassung bewirken.

Schlagwörter: elterliche Trennungen, Scheidungen, Depressivität, Jugendliche, Panelregression

The impact of parental separation on adolescents’ depressive symptoms

This paper investigates the relationship between parental divorce and the occurrence of depressive symptoms in adolescents, with a particular focus on the quality of parent-child relationships. We use data from the youth cohort (15-17 years old at the time of the first interview) of the first four waves of the Panel Analysis of Intimate Relationships and Family Dynamics (abbreviated as pairfam). Panel regressions models, such as fixed-effects models and so-called hybrid models are applied to analyze the causal effects of parental divorce. Our results confirm previous research, in particular from English-speaking countries, that parental divorce or separation increase depressive symptoms significantly. This effect is particularly relevant in high-conflict relationships between children and their mother and father, respectively, while in parent-child relations characterized by high levels of intimacy the negative effects are considerably reduced.

Key words: parental divorce, depression, youth, panel regression


Jessica Schreyer (pp. 53-77)

Teilzeiterwerbstätigkeit während des Bezugs von Elterngeld

Im vorliegenden Beitrag wird auf Basis der Daten der ifb-Berufsrückkehrstudie untersucht, welche Mütter noch während des Bezugs von Elterngeld eine Teilzeiterwerbstätigkeit aufnehmen und was ihre Gründe hierfür sind. Hypothesen hierzu beziehen sich auf die Vermeidung negativer Konsequenzen für die berufliche Entwicklung und thematisieren das Streben nach Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ein früher Wiedereinstieg ist signifikant häufiger mit der Rückkehr auf den alten Arbeitsplatz beim vorherigen Arbeitgeber verbunden und ist vor allem hinsichtlich der Vermeidung beruflicher Nachteile durch eine Erwerbsunterbrechung von Bedeutung. Außerdem arbeiten Selbstständige nach der Geburt ihres Kindes signifikant häufiger im Rahmen einer Teilzeiterwerbstätigkeit noch während des Elterngeldbezugs. Zum einen erfordert der im Vergleich zu Beschäftigten weniger abgesicherte Erwerbsstatus eine schnelle Wiederaufnahme der Erwerbstätigkeit. Zum anderen ermöglichen flexiblere Arbeitszeiten, häufig in reduziertem Umfang, die Vereinbarkeit beruflicher und familialer Anforderungen. In den Daten lassen sich Hinweise für die Opportunitätskostenhypothese, die Bedeutung beruflicher Zwänge sowie für die Hypothese zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie finden. Die Gründe für eine Teilzeiterwerbstätigkeit während des Bezugs von Elterngeld sind demnach vielschichtig.

Schlagwörter: Teilzeiterwerbstätigkeit, Elterngeld, Elternzeit, Erwerbstätigkeit von Müttern, Berufsrückkehr, Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Part-time employment while receiving parental leave benefits

Based on data collected in the “ifb-Berufsrückkehrstudie”, I examine what characteristics mothers have that take on part-time work while still receiving parental leave benefits as well as their reasons for doing so. Hypotheses for explaining this behavior refer to the avoidance of negative consequences for mothers’ careers and their aspirations for reconciling work and family. An early return to work is significantly more often interconnected with the reappointment to the previous workplace which, in turn, is meaningful for the avoidance of negative consequences for their careers. Moreover, self-employed women significantly more often resume part-time work after child birth during the period of the provision of parental leave benefits. On one hand, in comparison to employed women, self-employed women’s employment is less secure and thus requires an early return to work. On the other hand, the former’s flexible work schedule and the often reduced work hours allow them to reconcile work and family tasks. The data hint to evidence for the opportunity cost hypothesis, for the importance of professional constraints and also for the family-work reconciliation hypothesis. In sum, the reasons of part-time employment while receiving parental leave benefits are multifaceted.

Key words: part-time employment, parental leave benefits, parental leave, maternal employment, return to work, reconciliation of work and family


Corinna Frodermann (pp. 78-104)

Wer arbeitet wie viel? Entscheidungen über den Erwerbsumfang im Partnerschaftskontext

Um die Entscheidung über den Erwerbsumfang im Partnerschaftskontext anhand zweier konkurrierender mikroökonomischer Theorien zu untersuchen, muss die derzeitige Erwerbskonstellation berücksichtigt werden. Denn je nach theoretischem Ansatz kann sie einerseits die aktuelle Spezialisierungslogik vorgeben, die fortgeschrieben werden soll (Neue Haushaltsökonomie), oder andererseits die paarinternen Machtverhältnisse bestimmen, die möglichst zugunsten der eigenen Position verändert werden sollen (Verhandlungstheorie). Im vorliegenden Beitrag wird die Frage nach dem Einfluss der bisherigen Erwerbskonstellation auf die Entscheidung für zukünftige Erwerbskonstellationen untersucht. Dazu wird auf ein Faktorielles Survey-Design im Panel „Arbeitsmarkt und soziale Sicherung“ (PASS) zur Erfassung der Stellenannahmebereitschaft zurückgegriffen. Es zeigt sich, dass Personen in Paarhaushalten vor allem an einem Ausgleich der Machtstruktur interessiert sind und sich nicht für eine Fortschreibung bestehender Spezialisierungen entscheiden.

Schlagwörter: Familiensoziologie, Neue Haushaltsökonomie, Verhandlungstheorie, Partnerschaft, Faktorielles Survey

How is the work split? Decisions about the scope of employment in partnerships

Investigating employment decisions in couples by two competing microeconomic theories requires attention to the current employment situation. Depending on the theoretical approach, the current employment constellation either prescribes current specialization strategies by the partners which have to be constantly updated (new home economics). Or it determines the bargaining power structure that each partner wants to optimize for his or her own benefit (bargaining theory). In this paper, the influence of the current employment constellation on desired future constellation is analyzed. A factorial survey module was implemented in the panel study “Labour Market and Social Security” (PASS). In this module, respondents evaluated the willingness to accept hypothetical job offers. Results support hypotheses from bargaining theory: People are interested in achieving an equal power structure in their relationships. They do not favor to continue existing specializations as new home economics would predict.

Key words: sociology of the family, new home economics, bargaining theory, partnership, factorial survey


Simona Gagliardi, Guy Bodenmann und Nina Heinrichs (pp. 105-121)

Dyadisches Coping und Partnerschaftszufriedenheit bei verschiedenen Liebesstilen

In den letzten vierzig Jahren wurden viele Versuche unternommen, sich der Komplexität des Forschungsgegenstandes „Liebe“ anzunähern. Lee entwickelte 1973 ein Klassifikationssystem und unterschied sechs Liebesstile: Eros (die romantische Liebe), Ludus (die spielerische Liebe), Storge (die freundschaftliche Liebe), Mania (die besitzergreifende Liebe), Pragma (die pragmatische Liebe) und Agape (die altruistische Liebe). In dieser Studie wurde der Zusammenhang zwischen Liebesstilen und der gemeinsamen Stressbewältigung analysiert. 154 Paare wurden zu ihrer Partnerschaft befragt. Die Resultate zeigten, dass Eros am stärksten mit dem dyadischen Coping assoziiert ist und prädiktiv sowohl für das positive als auch für das negative dyadische Coping ist. Bei den Männern erwies sich zudem Agape prädiktiv für das positive dyadische Coping und Pragma als Prädiktor für das negative dyadische Coping, während sich einzig bei den Frauen Ludus prädiktiv für das negative dyadische Coping und Pragma prädiktiv für das positive dyadische Coping erwies. Implikationen für die Beratung, Paartherapie und zukünftige Forschung werden diskutiert.

Schlagwörter: Partnerschaft, dyadisches Coping, Liebesstile, Partnerschaftszufriedenheit

Dyadic coping and relationship satisfaction in different love styles

In the last forty years, many attempts were made to approach the complexity of “love” as a research topic. In 1973, Lee developed a typology of six different love styles: Eros (passionate love), Ludus (game-playing love), Storge (friendship love), Pragma (logical, “shopping list” love), Mania (possessive, dependent love) and Agape (all-giving, selfless love). The present study examines the association between love styles and dyadic coping. 154 couples were assessed on a variety of relationship measures. Our findings indicated that Eros is most strongly associated with dyadic coping and predictive both for the positive and for the negative dyadic coping. For men Agape turned out to be predictive for the positive dyadic coping and Pragma appeared as a predictor for the negative dyadic coping. Only for women, Ludus proved to be predictive for negative dyadic coping and Pragma turned out to be predictive for positive dyadic coping. Implications for counselling, couple therapy and future research are being discussed.

Key words: close relationship, dyadic coping, love styles, relationship satisfaction