Volume 24 (2012) – Issue 2

24. Jahrgang (2012) – Heft 2

Content | Inhalt

Hans-Peter Blossfeld & Hans-Günther Roßbach: Einführung in das Schwerpunktthemenheft Frühe Förderung in der Familie

Simone Lehrl, Susanne Ebert, Hans-Günther Roßbach & Sabine Weinert: Die Bedeutung der familiären Lernumwelt für Vorläufer schriftsprachlicher Kompetenzen im Vorschulalter

Frank Niklas & Wolfgang Schneider: Einfluss von “Home Numeracy Environment” auf die mathematische Kompetenzentwicklung vom Vorschulalter bis Ende des 1. Schuljahres

Julia Jäkel, Dieter Wolke & Birgit Leyendecker: Resilienz im Vorschulalter: Wie stark kann die familiäre Leseumwelt biologische und sozio-kulturelle Entwicklungsrisiken kompensieren?

Jenny Goff, Maria Evangelou & Kathy Sylva: Enhancing parents’ ways of supporting their childrens’s early learning through participation in a small-scale early intervention project in the UK: The Early Learning Partnership Project

Lena Friedrich & Adelheid Smolka: Konzepte und Effekte familienbildender Angebote für Migranten zur Unterstützung frühkindlicher Förderung

Hans-Peter Blossfeld & Hans-Günther Roßbach: Neue Herausforderungen für die Kindertagesstätten: Professionalisierung des Personals in der Frühpädagogik


Abstracts and keywords | Zusammenfassung und Schlagwörter

Simone Lehrl, Susanne Ebert, Hans-Günther Roßbach & Sabine Weinert (pp. 115-133)

Die Bedeutung der familiären Lernumwelt für Vorläufer schriftsprachlicher Kompetenzen im Vorschulalter

Der Erwerb von Lesen, als eine der zentralen Kulturtechniken unserer Gesellschaft, wird bereits früh angebahnt und durch die sozialen Interaktionen des Kindes mit seiner Umwelt gefördert. Als bedeutsamste Umwelt kann wohl die Familie angesehen werden, welche als erste Sozialisationsinstanz die Kinder entscheidend prägt. Doch welche Praktiken genau für die verschiedenen Vorläufer des Lesens von Bedeutung sind, ist bislang, vor allem im deutschsprachigen Raum, recht wenig erforscht. Vor diesem Hintergrund wird im vorliegenden Beitrag die Bedeutsamkeit unterschiedlicher Facetten der familiären Anregung bei 554 Kindern der Längsschnittstudie BiKS-3-10 im Alter von ca. 3-4 Jahren für verschiedene Kompetenzen, die als Vorläufer des Lesens gelten können, untersucht. Es werden drei Dimensionen der familiären Lernumwelt unterschieden: Qualität der Interaktion, formelle Instruktion in Schriftsprache und Erfahrungen mit Büchern. Mit Hilfe eines Pfadmodells wird der Zusammenhang zwischen diesen verschiedenen Dimensionen der familiären Lernumwelt, unter Kontrolle des Ausgangsniveaus kindlicher Kompetenzen und familiärer Hintergrundvariablen (sozioökonomischer Status und sprachlicher Hintergrund), mit schriftsprachlichen Vorläuferfähigkeiten (Wortschatz, Grammatik, inhaltliches Wissen und Buchstabenkenntnis) analysiert. Die Ergebnisse zeigen, dassdie verschiedenen Dimensionen der familiären Anregung mit unterschiedlichen Vorläufern schriftsprachlicher Fähigkeiten assoziiert sind. Die Befunde werden vor dem Hintergrund theoretischer und praktischer Implikationen diskutiert.

Schlagwörter: Familiäre Lernumwelt, Emergent Literacy, Lesen, Sprache, Kindergartenalter, Längsschnittstudie

Effects of the home learning environment on children’s emerging literacy

The acquisition of reading competencies as a significant cultural skill of our society is initiated early on and supported by a child’s interaction with its social surroundings. The family, as probably the most important agent of socialization, decisively affects children and their competencies. However, which forms of activities are meaningful for the development of precursors to reading, known as emergent literacy, has rarely been investigated in Germany yet. Therefore, the present paper explores the importance of different facets of the home learning environment on children’s emergent literacy, using data of 554 children, age 3 to 4 years, from the longitudinal study BiKS-3-10. Three dimensions of the home learning environment are distinguished: quality of interaction, formal instruction in literacy, and exposure to books. Through path modeling the associations between these dimensions of the home learning environment were analyzed, controlling for children’s level of competencies at the beginning of the study and family background variables (socioeconomic status and parental native language), and emergent literacy (vocabulary, grammar, content knowledge, knowledge of letters). Results show that specific dimensions of the home learning environment are associated with specific facets of emergent literacy. The findings are discussed with regard to theoretical and practical implications.

Key words: Home learning environment, emergent literacy, reading, language, preschool age, longitudinal study, early childhood education


Frank Niklas & Wolfgang Schneider (pp. 134-147)

Einfluss von „Home Numeracy Environment“ auf die mathematische Kompetenzentwicklung vom Vorschulalter bis Ende des 1. Schuljahres

Mathematische Kompetenzen sind nicht nur für schulischen Erfolg, sondern auch später für viele Berufe wichtig. Während zahlreiche Untersuchungen zur sprachlichen Kompetenzentwicklung und deren Zusammenhang mit der familiären Lernumwelt vorliegen, wurde der Bereich Mathematik bislang nur randständig untersucht. Dabei weisen ersten Studien auf die Bedeutsamkeit der mathematischen Lernumwelt in Familien, der sogenannten „Home Numeracy Environment“ (HNE), für die mathematische Kompetenzentwicklung hin. Befunde der vorliegenden Längsschnittstudie mit etwa 600 Kindern vom Kindergarten bis Ende der ersten Klasse zeigen den Einfluss mathematischer Aktivitäten der Eltern wie z.B. Würfel- oder Zahlenspiele auf die mathematischen Fähigkeiten der Kinder. Die positiven Effekte bleiben auch unter Kontrolle der Intelligenz der Kinder bestehen. Weiterhin sagt die HNE nicht nur die mathematischen Kompetenzen beim Schuleintritt vorher, sondern beeinflusst darüber hinaus auch die weitere mathematische Kompetenzentwicklung. Die Befunde werden in einem Strukturgleichungsmodell dargestellt und hinsichtlich ihrer praktischen Implikationen diskutiert.

Schlagwörter: Home Numeracy Environment, mathematische Kompetenzentwicklung, familiäre Lernumwelt, Würfel- und Zahlenspiele, Kindergarten- und Schulkinder

The impact of Home Numeracy Environment on the development of mathematical competencies from pre-school until the end of Grade 1

Mathematical competencies are important not only for academic achievement at school, but also for several professions later in life. Although plenty of research has focused on the development of linguistic competencies and the impact of learning environments in families, mathematics has mostly been neglected so far. However, a few initial studies indicate that the mathematical learning environment in families, the so-called “Home Numeracy Environment” (HNE), is important for the development of mathematical abilities. The present longitudinal study was carried out from kindergarten until the end of Grade 1, using a sample of about 600 children. Results show the impact of family-related mathematical activities such as playing dice or number games on the development of mathematical competencies. The positive effects remained even after intelligence had been controlled for. Moreover, HNE was not only a significant predictor of mathematical abilities at the end of kindergarten, but it also tical competencies above and beyond its initial impact. Results are shown in a structural equation model, and are discussed with regard to their practical implications.

Key words: Home Numeracy Environment, development of mathematical competencies, learning environments in families, dicing and number games, preschool and school children


Julia Jäkel, Dieter Wolke & Birgit Leyendecker (pp. 148-159)

Resilienz im Vorschulalter: Wie stark kann die familiäre Leseumwelt biologische und soziokulturelle Entwicklungsrisiken kompensieren?

Erfolgreiche kindliche Entwicklung kann durch biologische und soziokulturelle Risiken behindert werden. Zugleich zeigen zahlreiche Studien, dass die familiäre Leseumwelt einen protektiven Faktor für die Entwicklung im Vorschulalter darstellen kann. Wir verglichen Daten aus zwei Längsschnittstudien um zu untersuchen, wie stark die familiäre Leseumwelt biologische (Frühgeburtlichkeit) und soziokulturelle Risiken (niedriger sozioökonomischer Status und Migrationshintergrund) in der kognitiven und sprachlichen Entwicklung von Vorschulkindern kompensieren kann. Unsere Ergebnisse zeigten, dass die häusliche Leseumwelt positive Effekte auf die Entwicklung sowohl türkischstämmiger als auch sehr früh und/oder sehr leicht geborener Kinder ausübt. Dies bedeutet, dass Eltern von Vorschulkindern mit soziokulturellem oder biologischem Risiko Resilienz fördern können, indem sie ihnen eine reichhaltige Leseumwelt zur Verfügung stellen. Wir benötigen mehr Informationen über die spezifischen Bedürfnisse von Kindern, die mit unterschiedlichen Entwicklungsrisiken aufwachsen, um diesen eine bessere Förderung zu ermöglichen. Schlagwörter: biologische und soziokulturelle Risiken, Resilienz, kognitive und sprachliche Entwicklung, familiäre Leseumwelt

Resilience in preschool children: To what degree can a stimulating home literacy environment compensate biological and socio-cultural adversity?

Positive child development may be impeded by biological and socio-cultural adversity. However,a cognitively stimulating environment may compensate these risks. Studies have confirmed positive effects of preschool children’s home literacy environments for their school readiness. We compared data of two longitudinal studies to investigate to what degree a stimulating home literacy environment can compensate biological (premature birth) and socio-cultural adversity (low SES and migration background). Results showed that a more stimulating home literacy environment predicted better cognitive and language development of both Turkish immigrant and very preterm /very low birth weight preschool children. Thus, parents of biological or socio-cultural at-risk children can promote resilience by providing a stimulating home literacy environment. We need more data on the specific developmental needs of different groups of at-risk children to facilitate their academic achievement.

Keywords: biological and socio-cultural adversity, resilience, cognitive and language development, home literacy environment


Jenny Goff, Maria Evangelou & Kathy Sylva (pp. 160-177)

Die Ansichten der Eltern über ihre Teilnahme an einem kleineren Frühinterventionsprogramm in Großbritannien, das das Lernverhalten ihrer Kinder unterstützt: The Early Learning Partnership Project

In diesem Beitrag werden die Auswirkungen eines aufwändigen Frühinterventionsprogramms namens Early Learning Partnership Project (ELPP), das während einer Reformperiode der Regierung bei neun Institutionen der Freiwilligenund Gemeinwesenarbeit im Vereinigten Königreiches eingeführt wurde, beschrieben. Im Mittelpunkt des Programmes standen die Eltern von Kindern im Alter von ein bis drei Jahren, die dem Risiko von Lernverzögerungen ausgesetzt waren. Es zielte darauf ab, die elterliche Beteiligung am Lernen ihrer Kinder zu erhöhen, um so einer Verringerung späterer Benachteiligungseffekte den Weg zu bereiten. Der Einfluss des ELPP wurde mithilfe einer Mixed-Methods-Evaluation untersucht. Im vorliegenden Beitrag wird über eine Elternstichprobe an 20 „exemplarischen“ Standorten berichtet. Dabei nahmen die Eltern zu zwei Messzeitpunkten an einer Auswahl strukturierter Beobachtungen (HOME und Booksharing Observation) und strukturierten Fragebogeninterviews (Home Learning Environment, Parental Feelings Questionnaire und Father Involvement Questionnaire) teil. Es zeigte sich, dass kurze Interventionen gegenüber den Eltern deren Erziehungsverhalten, persönlichen Überzeugungen und die affektive Beziehung zu Kindern beeinflussen konnten. Die Ergebnisse legen nahe, dass es mit dem britischen Interventionsprogramm ELPP möglich ist, innerhalb von mindestens drei Monaten das Niveau der elterlichen Beteiligung zu erhöhen und die Qualität des häuslichen Lernumfeldes auf eine breitere Grundlage zu stellen.

Schlagwörter: Elterliche Beteiligung, Unterstützung kindlichen Lernens, Selbsteinschätzung, frühe Intervention, frühe Kindheit, Evaluation

Parental views of participating in a small-scale early intervention project to support their children’s learning in the UK: The Early Learning Partnership Project

This paper describes the impact of a complex intervention programme entitled the ‘Early Learning Partnership Project’ (ELPP) which was rolled out across nine voluntary and community sector (VCS) agencies within the United Kingdom during a period of Government reform. It focused on parents of children aged between 1-3 who were at risk of learning delay, and aimed to increase parental involvement within children’s learning as a precursor to reducing the later effects of disadvantage. A mixed methods evaluation examined the influence of ELPP. This paper reports specifically on a sample of parents from twenty ‘exemplar’ sites participating in the programme. Parents took part in a selection of structured observations (HOME and Book-sharing Observation) and structured questionnaires (Home Learning Environment, Parental Feelings Questionnaire and Father Involvement Questionnaire) across two time points. This paper shows that a short intervention with parents can influence parenting practices, personal beliefs and affective relationships with children. The findings suggest that through ELPP, a UK-based intervention, it is possible to improve levels of parental involvement and broaden the quality of the home learning environment via an early intervention project in a minimum of three months.

Key words: Parental involvement, support child’s learning, self-report, early intervention, early years, evaluation


Lena Friedrich & Adelheid Smolka (pp. 178-198)

Konzepte und Effekte familienbildender Angebote für Migranten zur Unterstützung frühkindlicher Förderung

Im Kontext des Diskurses über den Abbau der Bildungsbenachteiligung von Kindern und Jugendlichen aus Familien mit Migrationshintergrund wird der Blick verstärkt auch auf die Möglichkeiten der Familienbildung gerichtet. Hier wurden in den letzten Jahren zahlreiche Konzepte entwickelt bzw. aus dem Ausland adaptiert. Im vorliegenden Aufsatz werden solche Programme anhand eines mehrdimensionalen Kategorienschemas systematisiert. Als Unterscheidungskriterien wurden die Anzahl der Programmmodule, die Adressaten sowie die Konzeptstruktur herangezogen. Ergänzende Analysen verdeutlichen, dass sich die meisten Programme sehr um Niedrigschwelligkeit bemühen und auch kurzfristig zu positiven Effekten führen. Inwieweit durch Familienbildung tatsächlich langfristige Effekte auf den Bildungserfolg der Kinder erzielt werden können, lässt sich auf Grundlage vorliegender empirischer Untersuchungen jedoch nicht beurteilen, da diese in der Regel weder ein Kontrollgruppen- noch ein Längsschnittdesign aufweisen.

Schlagwörter: Frühkindliche Förderung, Familienbildung, Migranten, Wirksamkeit

Concepts and effects of parent education programs for supporting early childhood education in immigrant families

As a consequence of the discourse on the ways and means of reducing educational disadvantages of immigrant children and youth in Germany, family education and parent education programs have increasingly drawn attention as possible solutions to these problems. During recent years, in this field numerous programs have been either developed domestically or adapted from other programs originating outside of Germany. In this article, some of these programs are systematically classified by employing a multi-dimensional scheme. As criteria of distinction, the number of program modules, target groups and program structures are taken into account. Further analyses indicate that most programs care a lot about a low- threshold access and that they do produce positive short-term effects. Based on existent empirical studies, it is, however, not feasible to assess long-term effects on the children’s scholastic advancement, since these studies neither involved a control group nor did they include longitudinal research.

Key words: early childhood education, family education programs, immigrants, effectiveness


Hans-Peter Blossfeld & Hans-Günther Roßbach (pp. 199-225)

Neue Herausforderungen für die für die Kindertagesstätten: Professionalisierung des Personals in der Frühpädagogik

Die meisten Experten sind sich heute weitgehend einig, dass das entscheidende Fundament für spätere erfolgreiche Bildungs- und Berufskarrieren im Lebenslauf bereits in der frühkindlichen Entwicklung gelegt wird. Qualitativ hochwertige Bildungsangebote in den Kindertagesstätten sind deswegen auch ein wichtiges Ziel. Allen Kindern muss dort ein Zugang zu vielfältigen Bildungsangeboten und Lerninhalten eröffnet werden. Eine Schlüsselrolle kommt in diesem Zusammenhang der Qualität des frühpädagogischen Personals zu. Der vorliegende Beitrag fasst die Ergebnisse des Gutachtens des Aktionsrats Bildung aus dem Frühjahr 2012 zur Professionalisierung des pädagogischen Personals in der frühkindlichen Bildung zusammen. Er skizziert zunächst die gestiegenen gesellschaftlichen Erwartungen und Anforderungen an die frühpädagogischen Einrichtungen als Bildungseinrichtungen. Dann diskutiert er die Rolle der Qualität frühpädagogischer Einrichtungen. Dabei zeigt sich, dass dort die entscheidenden Qualitätsmerkmale das Ausbildungsniveau und die Kompetenzen des frühpädagogischen Personals sind. Der Beitrag fragt auch, wer auf welcher Ebene ausgebildet wird und welche Ausbildungskapazitäten dem Personalbedarf gegenüberstehen. Dabei stellt sich heraus, dass das frühpädagogische Personal noch auf längere Zeit sowohl auf Fachschul- als auch auf Hochschulebene ausgebildet werden muss. Auf beiden Ebenen werden im vorliegenden Beitrag Handlungsbedarfe für die Politik identifiziert, wobei auch die Fort- und Weiterbildung mit einbezogen wird.

Schlagwörter: Professionalisierung, Qualität des pädagogischen Personals, frühkindliche Erziehung und Bildung

New challenges for pre-school day-care institutions: Professionalization of personnel in early childhood education

Most experts would agree that early education is an important foundation for later school achievements and employment prospects over the life course. One way of achieving this goal is to provide high quality education in the early years which gives young children access to diverse learning opportunities. The practitioners in early childhood institutions play a key role in this process. This paper summarizes the most important recommendations of a 2012 report published by Aktionsrat Bildung (Action Counsel for Education) on the professionalization of educators in early childhood institutions. Following a brief outline of the increased societal expectations in terms of the educational role of early childhood provision, a research review focuses on issues of quality. The formal level of staff qualification and staff competences are shown to be central dimensions of overall quality. Relating these research findings to the situation in Germany, the paper asks what kind of professional workers are needed in early childhood institutions, and at what level and with what particular focus these practitioners should be educated and trained, bearing in mind the current capacities. It seems that in the intermediate future, the majority of personnel will continue to be trained at vocational school level, with a (growing) minority following a higher education course of studies. The paper identifies priorities for policy makers relating to these different levels of initial training and to the continuing professional development of the early years workforce.

Key words: professionalization, educational staff qualification, early childhood education