Volume 16 (2004) – Issue 1

16. Jahrgang (2004) – Heft 1

Content | Inhalt

Claus Wendt & Mathias Maucher: Wege des Wiedereinstiegs. Strategien der Vereinbarkeit von Familie und Berufstätigkeit in Dänemark, Deutschland und Frankreich

Arne Dekker & Silja Matthiesen: Beziehungsformen im Lebensverlauf dreier Generationen. Sequenzmusteranalyse von Beziehungsbiographien 30-, 45- und 60-jähriger Männer und Frauen in Hamburg und Leipzig

Una M. Röhr-Sendlmeier & Stefanie Greubel: Die Alltagssituation von Kindern in Stieffamilien und Kernfamilien im Vergleich

Gert Hullen: Was verursachte die Zunahme der Mehrlingsgeburten?
Familiensurvey 2000 und Perinatalstatistik: Mütter von Mehrlingen unterscheiden sich von anderen Frauen


Abstracts and keywords | Zusammenfassungen und Schlagwörter

Claus Wendt und Mathias Maucher (pp. 5-37)

Wege des Wiedereinstiegs. Strategien der Vereinbarkeit von Familie und Berufstätigkeit in Dänemark, Deutschland und Frankreich

Im Rahmen dieses Artikels wird untersucht, welche Handlungsspielräume sozialrechtliche Bestimmungen und infrastrukturelle Angebote für Strategien der Vereinbarkeit von Erwerbs- und Familienarbeit bieten. Wir stellen die These auf, dass in erster Linie dann Vertrauen in eine parallele und nicht nur sequenzielle Realisierbarkeit erwerbs- und familienbezogener Tätigkeiten entstehen kann, wenn sich institutionelle Regelungen und Angebote zur Kinderbetreuung über einen längeren Zeitraum in eine eindeutig erkennbare Richtung entwickeln. Diese These wird anhand eines Vergleichs von Dänemark, Deutschland und Frankreich überprüft. Auf der Basis von Interviews wird gezeigt, dass sowohl im zentralisierten und koordinierten französischen System als auch im dezentralen dänischen System Eltern bzw. Mütter eine hohe Verlässlichkeit der Kinderbetreuungsinfrastruktur und auf dieser Grundlage eine Planbarkeit des beruflichen Wiedereinstiegs wahrnehmen. Eine vergleichbare Vertrauensbasis konnte sich in Deutschland bisher nicht entwickeln, da sich je nach Alter der Kinder das Vereinbarkeitsproblem von neuem stellt. Politische Maßnahmen mit dem Ziel einer Reduzierung der Barrieren bei einem beruflichen Wiedereinstieg hätten in Deutschland – neben der allgemeinen Anforderung eines erhöhten Angebots einschließlich flexiblerer Öffnungszeiten – demzufolge die Aufgabe, die Verlässlichkeit von Betreuungseinrichtungen für Kinder aller Altersgruppen zu verbessern und bestehende Brüche an den Übergängen zwischen unterschiedlichen Einrichtungen abzubauen.

Schlagworte: Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Kinderbetreuung, Wiedereinstiegsstrategien

Re-entry strategies. Strategies toward the compatibility of family and professional work in Denmark, Germany, and France

The purpose of this article is to analyse how social legislation and childcare institutions contribute to strategies to combine family and working life. Our hypothesis is that trust in these services and institutions requires an observed development of institutional regulations and childcare provision in a clear-cut direction over an extended period. This assumption is tested by comparing the cases of Denmark, France, and Germany. On the basis of interviews we show that parents (or just mothers) within the centralised and coordinated French system as well as within the decentralised Danish system perceive childcare institutions to be highly reliable and feel able to dependably plan re-entry into the labour market. In Germany, however, a similar level of trust has not yet developed because options for combining family and work change with the age of the child. In the German context, therefore, policy measures focused on lowering the job re-entry barriers would have to improve the reliability of childcare institutions for all age groups and fill the gaps between the various childcare facilities; in addition to the meeting the general request of extended services, including more flexible opening hours.

Key words: compatibility of family and work, childcare, barriers and strategies for re-entry into labour market


Arne Dekker und Silja Matthiesen (pp. 38-55)

Beziehungsformen im Lebensverlauf dreier Generationen. Sequenzmusteranalyse von Beziehungsbiographien 30-, 45- und 60-jähriger Männer und Frauen in Hamburg und Leipzig

Der soziale Wandel von Beziehungsformen und die zunehmende Verbreitung nichtkonventioneller Lebensformen wird von vielen – meist auf Querschnittsdaten beruhenden – familiensoziologischen Untersuchungen gegenwärtig nur unzureichend abgebildet. Vor diesem Hintergrund untersucht der vorliegende Aufsatz die Lebensverläufe 30-, 45-, und 60-jähriger Männer und Frauen mittels einer Optimal-MatchingAnalyse im Längsschnitt. Im Jahr 2002 wurden in Hamburg und Leipzig 776 quantitative computergestützte Interviews (CAPI) durchgeführt, die u.a. die gesamte Beziehungsbiographie der Befragten in Form retrospektiver Längsschnittdaten erfassten. Eine Vergleich der unterschiedlichen Biographietypen bis zum Alter von 30 Jahren und bis zum Alter von 45 Jahren zeigt eine deutliche Zunahme der nichtkonventionellen Beziehungsmodelle des „living-apart-together“ und der nichtehelichen Lebensgemeinschaft.

Schlagworte: Beziehungsbiographien, Beziehungsformen und Generation, empirische Sexual- und Familienforschung

Three generations’ forms of relationships. A sequential analysis of the biographies of 30-, 45- and 60-year old men and women.

The striking changes in the organization of family relationships and the emergence of unconventional patterns of partnerships are usually underestimated in sociological empirical research. This is due in part to the methodological restriction of using only cross-sectional data. This paper contributes to the debate with a longitudinal analysis (optimal matching analysis) of the biographies of 30-, 45-, and 60-year old men and women. A sample of 776 men and women from Hamburg and Leipzig were interviewed in 2002. The computer assisted personal interviews (CAPI) included the retrospective recall of every steady relationship and every single period during the subjects’ adulthood. A comparative analysis of different types of biographies up to the age of 30 versus up to the age of 45 reveals a significant increase in unconventional patterns of relationships such as living-aparttogether or cohabiting.

Key words: relationship histories, intimate relationships and generational differences, empirical sexuality and family research


Una M. Röhr-Sendlmeier und Stefanie Greubel (pp. 56-71)

Die Alltagssituation von Kindern in Stieffamilien und Kernfamilien im Vergleich

Wie unterscheidet sich die Lebenssituation von Kindern in Stieffamilien im Vergleich mit Kindern in Kernfamilien? Wie erleben die Familien ihren Alltag? Wer wird als Familienmitglied betrachtet? Diesen Fragen geht eine systematische Untersuchung von acht Kern- und acht vergleichbaren Stieffamilien mit insgesamt 75 Personen nach; mindestens ein Kind war jeweils im Alter von acht Jahren oder älter; kein Familienmitglied befand sich in einer psychologischen Beratung. Es zeigten sich im Alltagsleben der beiden Familienformen überwiegend Gemeinsamkeiten. Unterschiede ergaben sich in der Familiendefinition und im Konfliktverhalten. Personen in Kernfamilien nannten Eltern und Kinder als Teile ihrer Familie, in Stieffamilien differierten die Familiendefinitionen sehr. Mitglieder in Stieffamilien stritten sich seltener. Als einflussreiche Faktoren für ein gelingendes Zusammenleben in Stieffamilien erwiesen sich vor allem die Zeit des Zusammenlebens als Familie und das Vorhandensein eines gemeinsamen Familiennamens und gemeinsamer Kinder.

Schlagworte: Stieffamilie, Stiefkinder, ver- änderte Lebensbedingungen, Familienverständnis

Children in step families versus biological families: A comparison of their daily lives

How does the situation of children living in step families differ from that of children in biological families? How do the families experience their daily lives? Who is regarded as a family member? Eight families of each type, a total of 75 family members, were interviewed. Each family had at least one child aged eight years or older and no family member was in psychological counselling. The daily lives of the two types of families show vast similiarities. Differences were found in the way the family was defined and in how they dealt with conflict. Whereas all members of biological families saw parents and children as familiy constituents, adults and children in step families had widely differing concepts of who belonged to their family. They reported less quarrelling than members of biological families. Factors contributing to the success of stepfamilies were: the length of time lived together, sharing a last name, and having common children.

Key words: step families, step children, changing living conditions, family definition


Gert Hullen (pp. 72-88)

Was verursachte die Zunahme der Mehrlingsgeburten? Familiensurvey 2000 und Perinatalstatistik: Mütter von Mehrlingen unterscheiden sich von anderen Frauen

In den beiden letzten Jahrzehnten kamen Drillingsgeburten in Deutschland sechs mal so häufig vor wie vor einem halben Jahrhundert. Die Relation der Drillingsgeburten zu Zwillingsgeburten hat sich vervierfacht. Die Zunahme ist vor allem auf die Verfahren der „assistierten Reproduktion” zurückzuführen, mit der kinderlose Paare ihren Kinderwunsch zu erfüllen suchen. Die Perinatalstatistik zeigt, dass Mehrlingsgeburten häufiger die ersten Geburten einer Frau waren und dass diese ein höheres Gebäralter hatten. Auf der Suche nach weiteren Unterschieden wird der Vermutung nachgegangen, dass Paare mit vergleichsweise besseren materiellen Ressourcen auch mehr Mittel zur Verwirklichung des Kinderwunsches haben. Dem Familiensurvey 2000 zufolge hatten Mütter von Mehrlingen eine längere Ehedauer und ein höheres Bildungsniveau. Für gesicherte Aussagen ist die Zahlenbasis indessen sehr schmal.

Schlagworte: Fertilität, Mehrlingsgeburten, Kinderwunsch

What has caused the increase in multiple births? Familiensurvey 2000 and Perinatalstatistik: Mothers of multiple births differ from other women

In the two last decades, triple births in Germany have occurred six times more frequently than they did half a century ago. The ratio of triple births to twin births has quadrupled. This increase is mainly due to “assisted reproduction”, used to help childless couples conceive. The “Perinatalstatistik” shows that multiple births were more likely to be first births to older women. In the search for additional differences, the hypothesis that wealthier couples have more access to reproductive assistance was tested. According to the “Familiensurvey 2000”, mothers with multiple births had been married longer and had a higher level of education. However, conclusions are limited by the small sample size.

Key words: fertility, multiple births, child desire