Volume 15 (2003) – Issue 1

15. Jahrgang (2003) – Heft 1

Content | Inhalt

Teresa Lankuttis & Hans-Peter Blossfeld: Determinanten der Wiederheirat nach der ersten Scheidung in der Bundesrepublik Deutschland

Peter Noack & Bärbel Kracke: Elterliche Erziehung und Problemverhalten bei Jugendlichen – Analysen reziproker Effekte im Längsschnitt

Stefan Hradil: Vom Leitbild zum “Leidbild” – Singles, ihre veränderte Wahrnehmung und der “Wandel des Wertewandels”

Clemens Sedmak: Gerechtigkeitstheorien und Familienbegriff

David de Vaus & Ann Sanson: The Australian Institute of Family Studies (AIFS)


Abstracts and keywords | Zusammenfassungen und Schlagwörter

Teresa Lankuttis, Hans-Peter Blossfeld (pp. 5-24)

Determinanten der Wiederheirat nach der ersten Scheidung in der Bundesrepublik Deutschland

Der vorliegende Beitrag untersucht das Heiratsverhalten nach einer Scheidung vor allem aus seiner Lagerung im Familienzyklus. Er zeigt, dass sich in Abhängigkeit von der Phase im Familienzyklus, in der die erste Scheidung auftritt, unterschiedliche Konsequenzen für die Wahrscheinlichkeit und den Zeitpunkt einer weiteren Heirat ergeben. Die Wiederheiratsneigung ist insbesondere im Zeitraum von zwei bis fünf Jahren nach der Trennung vom ersten Ehepartner am stärksten, sofern Kinder im Vorschulalter im Haushalt leben. Darüber hinaus werden im vorliegenden Beitrag verschiedene bekannte Determinanten von Eheschließung und – scheidung auf ihre Wirkungen auf die Wiederheirat empirisch überprüft. Dabei zeigt sich beispielsweise, dass vor allem Männer mit höherem Bildungsniveau nach einer Scheidung vermehrt heiraten, während das Bildungsniveau bei den Frauen keinen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit hat, eine zweite Ehe einzugehen. Geschiedene Frauen haben dennoch bei Kontrolle wichtiger Einflussgrößen insgesamt gesehen, eine höhere Grundneigung zur Wiederheirat als geschiedene Männer.

Schlagworte: Wiederheirat, Zweitehe, Scheidungsursachen, Familienzyklus

Determinants of remarriage after a first divorce in Germany

Second marriages have rarely been investigated in Germany. However, high rates of divorce and rising successive marriages make it increasingly important to study the determinants of remarriage. In this article, remarriage is analysed from a family-cycle perspective. Depending on the family-cycle phase in which a first divorce occurs, there are a number of consequences for the probability and timing of a second marriage. When there are preschool children in the household, the inclination to remarry is highest in the period from two to five years after separation from the first marital partner. In addition, various established determinants of marriage are empirically examined for their influence on the decision to remarry. This investigation shows, for example, than men with a higher level of education are more likely to remarry, while the probability of remarriage is independent of a woman’s level of education. However, when significant variables are controlled for, divorced women generally have a higher basic inclination to remarry than divorced men.

Key words: remarriage, second marriage, causes of divorce, family cycle


Peter Noack & Bärbel Kracke (pp. 25-37)

Elterliche Erziehung und Problemverhalten bei Jugendlichen. Analysen reziproker Effekte im Längsschnitt

Anknüpfend an die Diskussion um die Wirksamkeit elterlicher Erziehung wurde die wechselseitige Beeinflussung zwischen elterlichem Erziehungsstil und Problemverhalten bei Jugendlichen untersucht. In die Auswertungen gingen längsschnittliche Daten von 95 Jugendlichen zu vier Messzeitpunkten (Alter Mp 1: M = 16.8 Jahre) ein, die jeweils die Ausprägung autoritativen und autoritären Erziehungsverhaltens der Eltern sowie die eigene Delinquenz sowie Gewaltbereitschaft betrafen. Die Ergebnisse geben sowohl Hinweise auf gerichtete Effekte des elterlichen Erziehungsstils auf das Problemverhalten der Jugendlichen als auch auf Veränderungen in der elterlichen Erziehung als Reaktion auf das Verhalten der Söhne und Töchter.

Schlagworte: Erziehungsstil, Problemverhalten, Jugendalter

Parenting and problem behavior among adolescents – Longitudinal analyses of reciprocal effects

Taking the discussion of parental influence on adolescent development as the point of departure, mutual effects linking childrearing practices and problem behavior among adolescents were examined. The analyses was based on four-wave longitudinal data from 95 adolescents (age at t1: M = 16.8 years) on authoritative and authoritarian parenting, on the one hand, and adolescent delinquency and violence proneness, on the other hand. Findings suggest directed effects of parenting on problem behavior as well as changes in parenting in response to sons’ and daughters’ behavior.

Key words: Parenting, problem behavior, adolescence


Stefan Hradil (pp. 38-54)

Vom Leitbild zum „Leidbild“. Singles, ihre veränderte Wahrnehmung und der „Wandel des Wertewandels“

Die seit jeher ambivalente Bewertung der Singles wurde in den 1990er Jahren immer negativer. Singles werden heute durchweg als defizitäre Figuren wahrgenommen. Der Hauptgrund hierfür liegt im „Wandel des Wertewandels“: Neben die zuvor dominierenden Entfaltungs- und Selbstverwirklichungswerte sind immer mehr Gemeinschafts-, Sicherheits- und Ordnungswerte getreten. Die Ursachen dafür sind in den schlechten Erfahrungen vor allem junger Menschen mit überzogenen Individualisierungs- und Selbstverwirklichungsaktivitäten (z.B. ihrer Eltern) sowie mit der unsicheren wirtschaftlichen Situation zu finden. Fraglich ist indessen, inwieweit die „neuen alten“ Gemeinschafts- und Sicherheitswerte angesichts künftiger Zwänge des Arbeitsmarkts etc. auch praktisch gelebt werden können.

Schlagworte: Singles, Wertewandel, Jugend

From admiration to pity: Changes in how singles are perceived and the re-emergence of traditional values

Singles have always been viewed with ambivalence. In the 1990’s, negative perceptions of singles gained prevalence. Today, singles are considered deficient. This trend is mainly due to changes in values: values relating to community, security, and order have re-emerged to challenge the previously dominant values of individual development and self-actualisation. This reemergence is due to disillusionment, especially among young adults, with efforts (e.g. of their own parents) to achieve individualization and self-actualisation, and is also related to economic insecurity. It is uncertain how practicable these ‘new old’ values of community and security will be in light of future conditions, such as labour-market demands.

Key words: Singles, value change, youth


Clemens Sedmak (pp.  55-73)

Gerechtigkeitstheorien und Familienbegriff

Ich gehe in diesem Beitrag der Frage nach, wie das Verhältnis von Familienbegriff und Gerechtigkeitstheorien bestimmt werden kann. Ich zeige auf, welche Probleme diskutiert werden, welche Stellung der Familienbegriff im Rahmen einer Gerechtigkeitstheorie haben kann. Ich zeige an zwei Klassikern der modernen Gerechtigkeitstheorie (dem Buch „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ von John Rawls und dem Buch „Sphä- ren der Gerechtigkeit“ von Michael Walzer) beispielhaft auf, welche Einwände gegen die Idee der Familie erhoben werden, welche Rolle aber dennoch der Familie zugewiesen wird. Auf diese Weise kann gezeigt werden, dass der Familienbegriff für die Konzeption von sozialer Gerechtigkeit eine wichtige Rolle spielt und spielen soll. Dies mache ich auch anhand von utopischen Szenarien (Huxley, Orwell) deutlich. Die Kluft zwischen den aufgezeigten Spannungen zwischen Familienbegriff und Gerechtigkeitsbegriff kann durch eine Ethik der Gemeinschaft geschlossen werden, wie ich am Ende des Beitrags aufzeige.

Schlagworte: Familienbegriff, Gerechtigkeit, Gerechtigkeitstheorien, Rawls, Walzer, Orwell, Huxley

Theories of justice and the concept of family

In this article, I explore the question of how to determine the relationship between the concept of family and theories of justice. I present issues of concern and the position the concept of family can have within a theory of justice. I analyze the concept of family in two prominent theories of justice (Rawl’s “A Theory of Justice” and Walzer’s “Spheres of Justice”). The analysis shows that there is some doubt regarding the compatibility of justice with family structure, although both theories assign an important role to families. I hereby demonstrate that the concept of family can and should play an important role in the conceptualization of social justice. After that, I try to show that the concept of family can also be reconsidered by using alternative scenarios (“utopias”) that show a destruction of our understanding of family. I draw on utopias by Huxley (“Brave New World”) and Orwell (“1984”). In conclusion I discuss how an ethics of community can close the gap between the concepts of family and justice.

Key words: concept of family, justice, theories of justice, Rawls, Walzer, Orwell, Huxley