Volume 29 (2017) – Issue 1

29. Jahrgang (2017) – Heft 1

Content | Inhalt

Claudia Zerle-Elsäßer & Xuan Li: Väter im Familienalltag – Determinanten einer aktiven Vaterschaft

Lena Hipp, Friederike Molitor, Janine Leschke & Sonja Bekker: Teilzeitväter? Deutschland, Schweden, Irland und die Niederlande im Vergleich

Janine Bernhardt & Mareike Bünning: Arbeitszeiten von Vätern: Welche Rolle spielen betriebskulturelle und betriebsstrukturelle Rahmenbedingungen?

Annette von Alemann, Sandra Beaufaӱs & Mechtild Oechsle: Aktive Vaterschaft in Organisationen – Anspruchsbewusstsein und verborgene Regeln in Unternehmenskulturen

Almut Peukert: „Involvierte“ Väter zwischen Beruf und Familie Zur Re/Produktion von Männlichkeiten in paarinternen Aushandlungen

Kathrin Peltz, Luisa Antonie Streckenbach, Dagmar Müller, Johanna Possinger & Barbara Thiessen: „Die Zeit kommt nicht wieder“: Elterngeldnutzung erwerbstätiger Väter in Bayern


Abstracts and keywords | Zusammenfassungen und Schlagwörter

Claudia Zerle-Elsäßer & Xuan Li (pp. 11-31)

Väter im Familienalltag – Determinanten einer aktiven Vaterschaft

Von den ‚neuen‘ oder auch ‚aktiven Vätern‘ wird heute viel gesprochen, wenngleich oft unklar bleibt, was diese kennzeichnet und von welchen Determinanten die Ausübung einer solchen aktiven Vaterschaft abhängt. Mit dem DJI-Survey AID:A II liegen nun aktuelle Daten vor, anhand derer für den vorliegenden Beitrag Alltagsaktivitäten von Vätern für und mit ihren Kindern in den Blick genommen und daraus ein Index ‚aktiver Vaterschaft‘ erstellt werden konnten. Anschließend konnten so die wichtigsten Determinanten einer aktiven Vaterschaft untersucht werden. Wie die Befunde zeigen, spielt dabei die Erwerbstätigkeit beider Partner eine bedeutende Rolle: Je mehr Überstunden die Väter über ihre normale Vollzeitwoche hinaus leisten müssen, desto geringer sind die Chancen, sich aktiv in Betreuung und Erziehung der Kinder einbringen zu können. Ein höherer Erwerbsumfang der Mütter sowie ein größerer Anteil am erwirtschafteten Haushaltseinkommen hingegen fördern eine ‚aktive Vaterschaft‘. Deutlich wird darüber hinaus die große Bedeutung der Partnerschaftsqualität sowie der Genderkonzepte beider Partner.

Schlagwörter: Vaterschaft, Arbeitsteilung, Genderkonzept, Paarbeziehung, elterliche Erwerbstätigkeit

Fathers in every-day family life – Determinants of an ‘active fatherhood’

“New” or “active” fatherhood is increasingly discussed in the family research literature, yet it is unclear what these terms entail, and which factors associate with the practice of such “active fatherhood”. With the “AID:A II” survey (Growing Up in Germany: Everyday Life, Wave 2) the present paper uses the most up-to-date data that chart fathers’ everyday activities for and with their children. A composite indicator for “active fatherhood” was built and the key determinants of father involvement were then explored. The results suggest that the employment of both parents play an important role: The more hours the father has to work beyond full-time working hours, the less likely the father is to be actively involved in childcare. Longer maternal working hours and greater proportional contribution of the mother to the family income, instead, make an active fatherhood more likely. In addition, the satisfaction with couple relationship as well as the gender concept of both parents are significant predictors of father involvement.

Key words: fatherhood, division of work and care, father involvement, gender concept, couple relationship, parental employment


Lena Hipp, Friederike Molitor, Janine Leschke & Sonja Bekker (pp. 32-48)

Teilzeitväter? Deutschland, Schweden, Irland und die Niederlande im Vergleich

In der aktuellen Debatte um eine verbesserte Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht es zunehmend auch um kürzere Arbeitszeiten von Vätern. Trotz eines leichten Anstiegs teilzeitarbeitender Männer in den letzten Jahren hat sich die sozialwissenschaftliche Forschung bislang vornehmlich mit Teilzeitarbeit von Frauen beschäftigt. Erkenntnisse darüber, unter welchen Bedingungen Männer, insbesondere Väter, Teilzeit arbeiten, gibt es kaum. Unsere Studie will zur Schließung dieser Forschungslücke mittels einer Analyse von Individualdaten der Europäischen Arbeitskräfteerhebung (EU AKE) für Deutschland, Schweden, Irland und die Niederlande aus dem Jahr 2014 beitragen. Wir können zeigen, dass Väter, die geringere Verdienstmöglichkeiten als ihre Partnerinnen haben, in keinem der Länder mit einer höheren Wahrscheinlichkeit Teilzeit arbeiten als Väter mit ähnlichen oder höheren Verdienstmöglichkeiten. Ungeachtet beruflicher Statusunterschiede innerhalb der Paarbeziehung arbeiten Väter mit drei oder mehr Kindern in Deutschland und Irland eher in Teilzeit; außerdem arbeiten verheiratete Väter in beiden Ländern seltener in Teilzeit als unverheiratete. Während in den Niederlanden Väter mit geringeren Verdienstmöglichkeiten als ihre Partnerinnen häufiger in Teilzeit arbeiten, wenn ein kleines Kind zu versorgen ist, arbeiten diese Väter in Irland seltener in Teilzeit.

Schlagwörter: Teilzeitarbeit, Väter, Paarebene, internationaler Vergleich, Europäische Arbeitskräfteerhebung

Working part-time? A comparison of part-time employment among fathers in Germany, Sweden, Ireland and the Netherlands

In the current discussions on combining work and family life, the idea of shorter working hours for fathers is becoming ever more popular. Although the proportion of part-time working men has somewhat increased in the last few years, parttime employment has been largely studied for women and mothers. Much less is known about men’s, and particularly fathers’, part-time employment. This study seeks to fill this gap by analysing part-time work among fathers in Germany, Sweden, Ireland, and the Netherlands using data from the European Labour Force Survey (LFS) from the year 2014. We show that fathers’ lower earning capacity within couples is not associated with a higher probability of working part-time in any of the four countries. Irrespective of the occupational status differences within couples, fathers in Germany and Ireland with three or more children are more likely to work part-time than fathers with fewer children; moreover, in both countries, married fathers are less likely to work part-time than unmarried fathers. While fathers of small children in the Netherlands are more likely to work part-time if they have a lower occupational status than their female partners, these fathers are less likely to work part-time in Ireland.

Key words: Part-time employment, fathers, couples, international comparison, European Labour Force Survey


Janine Bernhardt & Mareike Bünning (pp. 49-71)

Arbeitszeiten von Vätern: Welche Rolle spielen betriebskulturelle und betriebsstrukturelle Rahmenbedingungen?

Viele Väter wünschen sich kürzere Arbeitszeiten, setzen diesen Wunsch jedoch nicht um. Studien zur Rolle von Arbeitsorganisationen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf lassen ungünstige betriebliche Rahmenbedingungen als einen wichtigen Hinderungsgrund vermuten. Quantitative Studien stehen mangels Datengrundlage jedoch bislang weitgehend aus. Basierend auf einer AID:A-Zusatzbefragung von 878 Elternpaaren aus dem Jahr 2015 untersucht dieser Beitrag Zusammenhänge zwischen betriebskulturellen und -strukturellen Faktoren und den Arbeitszeiten von Vätern. Dabei differenzieren wir zwischen Teilzeitarbeit, vertraglichen und tatsächlichen Arbeitszeiten. Die Ergebnisse zeigen einen robusten Zusammenhang zwischen dem Ausmaß an formellen, allgemeingültigen und transparenten Regelungen im Betrieb und kürzeren Arbeitszeiten von Vätern. Verfügbarkeits- und Vertretungskulturen sind offenbar besonders dafür relevant, ob vertragliche Arbeitszeiten auch eingehalten werden. Überraschend haben Väter umso längere vertragliche Arbeitszeiten, je stärker sie sich von ihren Vorgesetzten unterstützt fühlen. Die Ergebnisse weisen auch darauf hin, dass günstige kulturelle Rahmenbedingungen für kürzere Arbeitszeiten von Vätern in vielen Branchen und Betrieben unterschiedlicher Größe möglich sind.

Schlagwörter: Väter, Arbeitszeiten, Teilzeit, Betriebskultur, Betriebsstruktur

Fathers’ working times: What role do cultural and structural workplace conditions play?

Many fathers would like to work less, but they do not reduce their working hours. Studies on the role of workplace organizations for work-family balance point to adverse working conditions as a major obstacle. Quantitative studies, however, are still rare due to the lack of data resources. This paper uses an AID:A add-on survey of 878 parenting couples from 2015 to study the relationships between cultural and structural workplace conditions and fathers’ working times. We differentiate between part-time work, contractual and actual working hours. The results show a robust relationship between fathers’ inclination to work reduced hours and the extent to which formal, universal and transparent policies exist in their workplaces. Perceptions of a strong ideal-worker norm and a supportive culture of temporary replacement are particularly relevant for whether fathers manage to comply with their contractual working hours. Surprisingly, fathers tend to have longer contractual hours, the more they feel supported by their supervisors. The results also indicate that cultural workplace conditions that support shorter working hours of fathers can be found in many economic sectors and companies of different sizes.

Key words: fathers, working time, part-time, workplace culture, workplace structure


Annette von Alemann, Sandra Beaufaӱs & Mechtild Oechsle (pp. 72-89)

Aktive Vaterschaft in Organisationen – Anspruchsbewusstsein und verborgene Regeln in Unternehmenskulturen

Das Verständnis von Vaterschaft hat in den letzten Jahren einen Wandel erfahren, der sich u.a. in veränderten Leitbildern aktiver Vaterschaft und entsprechenden politischen Maßnahmen äußert. Viele Arbeitsorganisationen weiten ihre Vereinbarkeitsprogramme auf Väter aus. Organisationskulturen enthalten jedoch immer noch latente Verfügbarkeitserwartungen und an traditionellen hegemonialen Männlichkeiten orientierte Karrierenormen, die sich negativ auf die Verwirklichung aktiver Vaterschaft auswirken. Wir nehmen an, dass verborgene Regeln im Unternehmensalltag wirksam sind, die offiziellen Unternehmenspolitiken zuwider laufen (können). Unser Beitrag fragt danach, in welcher Weise Organisationskulturen das Anspruchsbewusstsein von Vätern beeinflussen und wie diese Faktoren mit Geschlechternormen interagieren. Empirische Grundlage sind sieben Unternehmensfallstudien aus unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen.

Schlagwörter: Väter, aktive Vaterschaft, Arbeitsorganisationen, Vereinbarkeit Beruf und Familie, Vereinbarkeitsmaßnahmen, Organisationskulturen, verborgene Regeln, Anspruchsbewusstsein, Geschlechternormen, Neoinstitutionalismus, Fallstudien

Involved fatherhood in work organizations Sense of entitlement and hidden rules in organizational cultures

The social understanding of fatherhood is currently changing. This transition becomes visible not only in cultural concepts of ‘active’ fatherhood but also in new policies and an increasing number of work organizations that address fathers in their offers to reconcile family and a career. In real life, though, employees are still expected to be constantly available and to consent to career norms that reproduce hegemonic masculinities. This is a strong indicator of organizational norms that limit fathers’ capabilities to get involved in the family. In our paper, we argue that hidden rules in organizational culture may counteract official organizational policies of family friendliness. We ask how organizational contexts influence fathers’ sense of entitlement and to what extend these factors are gendered. In our argumentation, we refer to case studies of seven work organizations of different economic sectors.

Key words: fathers, involved fatherhood, work organizations, work-family balance, family-friendly policies, organizational cultures, hidden rules, sense of entitlement, gender norms, neo-institutionalism, case studies


Almut Peukert (pp. 90-112)

„Involvierte“ Väter zwischen Beruf und Familie Zur Re/Produktion von Männlichkeiten in paarinternen Aushandlungen

Ausgehend von der in der Männlichkeitsforschung diskutierten These, ‚involvierte‘ Väterlichkeit stehe im Widerspruch zum Leitbild erwerbszentrierter hegemonialer Männlichkeit, werden im vorliegenden Beitrag Kontinuitäten und Wandel in der Relationierung von Erwerbs- und Familienarbeit bei Vätern untersucht. Mit dem interaktionstheoretischen Ansatz zu ‚un/doing masculinity‘ liegt der Fokus auf der Her- und Darstellung von Geschlechterdifferenzen sowie der hierarchisierenden Abgrenzung zu Weiblichkeiten und nicht-hegemonialer Männlichkeiten im Paarkontext. Anhand von 27 qualitativen Paar- und Einzelinterviews werden – entlang der Dimensionen Berufs-/Karrierekonzept, finanzielle Versorgung der Familie und Elternzeitarrangement – drei Re/Produktionsformen erwerbszentrierter hegemonialer Männlichkeit rekonstruiert und diskutiert. Im Ergebnis zeigt sich, dass die Re/Produktion von Männlichkeiten in paarinternen Aushandlungen zu Erwerbs- und Familienarbeit fragil, herausgefordert oder episodisch ausgesetzt wird. Dies impliziert, dass auch die Aushandlungen auf der Paarebene zur Relationierung von Erwerbs- und Familienarbeit, neben wohlfahrtsstaatlichen Rahmungen und Arbeitsorganisationen, signifikante un/gleichheitsrelevante Folgen haben.

Schlagwörter: Väterforschung, Hegemoniale Männlichkeit, geschlechterdifferenzierende Arbeitsteilung, Aushandlungen, Paar, Erwerbsarbeit, Familienarbeit

Involved fathers between work and family life Re/production of masculinity in negotiations within couples

Starting from the hypothesis discussed in research on masculinities and fathering that ‘involved’ fathering is incompatible with hegemonic masculinity, this paper examines continuity and change in interrelating work and family life by German fathers. Within the sociological frame of interaction theory on un/doing masculinity I focused on the production and presentation of gender differences and the hierarchizing demarcation against femininity and non-hegemonic masculinities within the couple. Based on 27 qualitative couples’ and individual interviews, three forms of re/production of masculinity were constructed and discussed along the dimensions of vocational/career concepts, financial care of the family, and parental leave arrangements within the couple. The results show that the re/production of masculinities within negotiations of the couples regarding paid and family work are fragile, challenged, or episodically undone. This implies that in addition to welfare state policies and work organizations, the negotiations within the couple about their division of paid and unpaid work have significant consequences for the un/equality between the parents.

Key words: involved fathering, hegemonic masculinity, un/doing gender, negotiation, couple, paid work, family work


Kathrin Peltz, Luisa Antonie Streckenbach, Dagmar Müller, Johanna Possinger & Barbara Thiessen (pp. 113-135)

„Die Zeit kommt nicht wieder“: Elterngeldnutzung erwerbstätiger Väter in Bayern

Das Elterngeld erfreut sich bei Vätern zunehmender Beliebtheit. Am Beispiel Bayerns – einem Bundesland, in dem die Nutzung der ‚Vätermonate‘ besonders hoch ist und gleichzeitig regional variiert – wird mithilfe eines multimethodischen Designs untersucht, welche Bedeutung die Erwerbsarbeit für den Elterngeldbezug von Vätern hat. Auf der Grundlage aggregierter Regionaldaten wird zunächst mittels linearer Regression analysiert, welche Kontextfaktoren die Väterbeteiligung auf Kreisebene beeinflussen. Dabei zeigt sich, dass vor allem eine geringe Arbeitslosigkeit, das Arbeitsplatzangebot für hoch qualifizierte Beschäftigte und eine ausgewogene Erwerbsbeteiligung von Frauen und Männern mit einer höheren Väterbeteiligung am Elterngeld einhergehen. Zudem werden auf Grundlage problemzentrierter Interviews mit Vätern und Paaren individuelle Begründungen für den Elterngeldbezug des Vaters rekonstruiert. Neben finanziellen Erwägungen bestimmt eine emotionale Verwobenheit mit der Erwerbsarbeit die Elterngeld-Entscheidung. Insgesamt zeigt sich, wie bedeutsam die Erwerbsarbeit und das Einkommen beider Elternteile für die Elterngeldentscheidung sind, auch wenn das hohe bayerische Einkommensniveau nicht ausschlaggebend für die hohe Nutzung der Partnermonate ist.

Schlagwörter: Elterngeld, Väter, Erwerbstätigkeit, Geschlechterrollen, Vereinbarkeit Familie- Beruf, regionale Kontextfaktoren, Bayern

“Time that never returns”: Working fathers taking parental leave benefits in Bavaria

The popularity of the ‘Elterngeld’ – the current parental allowance legislation in Germany – is considerably growing among fathers. By means of a multiple-method research approach, the influence of employment on paternity leave is investigated through the example of Bavaria – a federal state that has a particularly high rate of fathers taking parental leave. Contextual factors that might influence fathers’ involvement at the district level are investigated based on aggregated regional data using linear regression. It shows that a low rate of unemployment, job opportunities for highly qualified workers and an equitable balance in the participation of women and men in working life correlate with a higher rate of paternity leave. Individual rationales for taking parental leave are reconstructed on the basis of problem-focused interviews with Bavarian fathers and couples during paternity leave. The analysis revealed that, besides financial considerations, the emotional attachment to working life is of great importance for the decision of fathers taking parental leave. Even though the high income level in Bavaria is not – differently than previously assumed – crucial for the extensive use of ‘father months’, the findings confirm the overall importance of employment and the income level of both parents for the fathers’ decision on taking parental leave.

Key words: parental leave, fathers, fathers’ involvement, employment, gender roles, work-family balance, regional context factors, Bavaria