Volume 28 (2016) – Issue 2

28. Jahrgang (2016) – Heft 2

Content | Inhalt

Laszlo A. Vaskovics: Das Recht und der Wandel der Familie: ein Spannungsverhältnis? Einführung in das Schwerpunktthemenheft

Marina Wellenhofer: Regelungsaufgabe Paarbeziehungen: Was kann, was darf, was will der Staat?

Nina Dethloff: Neue Familienformen. Herausforderungen für das Recht

Ludwig Salgo: Die Beziehung zwischen Familienrecht und Human-/Sozialwissenschaften am Beispiel des Kindschaftsrechts

Dieter Schwab: Fragen zwischen Sozial- und Rechtswissenschaften bei familienbezogener Forschung ‒ aus rechtswissenschaftlicher Sicht

Laszlo A. Vaskovics & Johannes Huinink: Werden die Regelungen des Familienrechts heutigen Familien und Kindern gerecht? Reflexionen aus sozialwissenschaftlicher Perspektive

Forschungsbeiträge
Beate Collet & Emmanuelle Santelli: Endogamy versus homogamy. Marital choice among descendants of North African, Sahelian African and Turkish immigrants in France


Abstracts and keywords | Zusammenfassungen und Schlagwörter

Marina Wellenhofer (pp. 162-177)

Regelungsaufgabe Paarbeziehungen: Was kann, was darf, was will der Staat?

Was kann, was darf, was will der Staat? Er kann noch einiges tun, um im Recht der Paarbeziehungen für mehr Einzelfallgerechtigkeit zu sorgen. Die Härteklausel des Zugewinnausgleichsrechts müsste neu gefasst werden, um mehr Spielraum für einzelfallgerechte Lösungen zu lassen. Die Anwendung des geltenden Rechts führt in vielen
Fällen zu ungerechten Ergebnissen. Für die nichteheliche Lebensgemeinschaft sollte ein gesetzlicher Unterhaltsanspruch im Trennungsfall eingeführt werden, denn das Schutzbedürfnis ist hier ganz ähnlich wie bei Ehegatten nach Scheidung. Die eherechtlichen Normen über die Schlüsselgewalt und die Beschränkung der Vermögensverfügung sollten gestrichen werden. Genehmigungsabhängig sollten allein Geschäfte betreffend die Ehewohnung sein. Entsprechendes gilt für die parallelen Normen bei der eingetragenen Lebenspartnerschaft.

Schlagwörter: Gesetzgebungsbedarf, Eherecht, Zugewinnausgleich, Härteklausel, Einzelfallgerechtigkeit, nichteheliche Lebensgemeinschaft, Unterhalt für Unverheiratete, Schlüsselgewalt, Verfügung über das Vermögen im Ganzen, Schutz des Familienheims.

Marriage, civil partnership and cohabitation: What can, what should, what does the state do?

What can, what should, what does the state do? The legislator still can do a lot in law of marriage and cohabitation to serve up more justice in the individual case. Regarding the estate acquired in the course of a marriage the hardship clause of sec. 1378 German Civil Code should be revised in order to allow better reactions to the specifics of the single case. In many cases, the application of existing legislation leads to unfair results. With regard to separation of cohabitees, a legal maintenance obligation should be established because their need for legal protection is partially the same as for married couples. In marriage law, sec. 1357 German Civil Code about the power conferred upon the spouse in the interest of the household should be abolished. In the same way, there is no more need for the rule that the disposal of more than ninety percent of the property of a spouse is subject to the other spouse’s approval. Only ransactions concerning the home of the spouses should depend on his or her approval. The same goes for the parallel rules in the law of registered same-sex partnerships.

Key words: need for legislation, law of marriage, hardship clause, justice in the individual case, cohabitation, maintenance for unmarried couples, power conferred upon the spouse in the interest of the household, disposal of the entire estate, protection of the family home


Nina Dethloff (pp.178-190)

Neue Familienformen. Herausforderungen für das Recht*

Familienformen unterliegen einem stetigen Wandel. Neben Patchworkfamilien und Kindern, die
in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften aufwachsen, stellen neue Techniken der Kinderwunschmedizin den Gesetzgeber vor besondere Herausforderungen. Das geltende Recht berücksichtigt die Vielfalt der Familienformen nur unzureichend. Der folgende Beitrag beginnt mit einer kurzen Darstellung der gesellschaftlichen Veränderungen. Darauf folgt ein Überblick über die rechtlichen Auswirkungen verschiedener Familienformen. Es werden die aktuelle Rechtslage sowie ihre Defizite und die Möglichkeiten einer Neuregelung, vor allem im Bereich aktueller Reformdebatten, analysiert. Erstens werden die Veränderungen betrachtet, die sich durch das Hinzutreten eines Partners oder einer Partnerin als neuer Elternteil ergeben. Zweitens werden die Möglichkeiten aufgezeigt, die das Recht für gleichgeschlechtliche Paare mit Kinderwunsch eröffnet. Drittens werden Kinder im Fokus stehen, die mittels assistierter Reproduktion gezeugt wurden. Hier wird sowohl auf die Folgen einer Fremdbefruchtung als auch die Probleme eingegangen, die sich ergeben, wenn Paare ihren Kinderwunsch mithilfe einer Leihmutter realisieren.

* Direktorin des Instituts für Deutsches, Europäisches und Internationales Familienrecht, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, und des Käte Hamburger Kollegs „Recht als Kultur“. Bei diesem Beitrag handelt es sich um die Schriftfassung des am 24. Oktober 2014 anlässlich des Fachtags des Staatsinstituts für Familienforschung an der Universität Bamberg zum Thema „Familie und Recht“ gehaltenen Vortrags „Familialer Wandel und Herausforderungen für das Familienrecht, v.a. neue Familienformen“, dessen Ausführungen zu Patchworkfamilien auf meinem Vortrag „From separation to stepfamily. A legal perspective“, veröffentlicht in Zeitschrift für Familienforschung/Journal of Family Research (ZfF/JFR), Sonderheft/Special Issue 10/2015, S. 205ff., beruhen.

Schlagwörter: Patchworkfamilien, gleichgeschlechtliche Partnerschaft, Stiefkindadoption, assistierte Reproduktion, Leihmutterschaft

Changing family forms – Challenges for family law

Family forms are subject to constant change. Apart from the rise in reconstituted families and
children growing up in same-sex partnerships, artificial reproduction has led to particular challenges for law. The current legal situation does not correspond to the existing diversity of family forms. The following contribution starts with a brief outline of the societal changes. Subsequently, the legal impact of different family forms will be pointed out. The current legal situation as well as its deficits and options for reform will be analyzed, in particular where the current provisions are under debate. Firstly, the changes resulting from the appearance of new partners as potential new parents will be considered. Secondly, the options for same-sex couples to realize their desire to have children are presented. Thirdly, the focus will be on children conceived through medically assisted reproduction. Here, both the legal consequences
of donor insemination as well as the problems resulting from children born by surrogate mothers will be addressed.

Key words: reconstituted families, same-sex couples, stepchild adoption, artificial reproduction, surrogate motherhood


Ludwig Salgo (pp. 191-207)

Die Beziehung zwischen Familienrecht und Human-/Sozialwissenschaften am Beispiel des Kindschaftsrechts

Die Beziehung zwischen Kindschaftsrecht und den Human-/Sozialwissenschaften ist so offensichtlich, dass eine Klärung und Systematisierung dieses Verhältnisses überflüssig schien. Der Ruf nach einer Integration der Human- und Sozialwissenschaften in Rechtswissenschaft und in Rechtsanwendung war in den 1970er und 1980er Jahren des vergangenen Jahrhunderts en vogue; sie wurde in Ansätzen verwirklicht, aber auch wieder zurückgenommen. Die Notwendigkeit, Erkenntnisse der Human-/Sozialwissenschaften in der Familienrechtswissenschaft, der Gesetzgebung und der Rechtspraxis zu beachten, ist aktueller denn je. In dieser Abhandlung können lediglich die Berührungsbereiche am Beispiel des Kindschaftsrechts aufgezeigt werden. Für das Kindschaftsrecht besteht die berechtigte Hoffnung, dass Gesetzgebung und Rechtsanwendung unter Heranziehung und Einbeziehung human-/sozialwissenschaftlicher Methoden und Wissensbestände noch am ehesten eine dem Wohl des Kindes am besten gerecht werdende ‒ besser: eine dem Wohl des Kindes am wenigsten schädliche ‒ Alternative finden.

Schlüsselwörter: Kindschaftsrecht, Integration der Human- und Sozialwissenschaften, Rechtsanwendung, Familienrechtswissenschaft

The relationship between family law and the humanities/social sciences exemplified by the law of parent and child

The relationship between the law of parent and child and the humanities/social sciences seems to be so obvious that a clarification and systematization of this relationship is regarded as unnecessary. The call for an integration of the humanities and the social sciences in legal studies and legal practice was very pronounced during the 1980s and 1990s. This integration has been partially realized back then, but was revoked later on. The need for taking findings from the humanities and social sciences in law studies, legislation, and legal practice into account is more relevant now than it was ever before. In the present treatise, only the disciplines’ interwoven areas pertaining to the law of parent and child can be identified. Regarding the law of parent and child, there is reasonable hope that legislation and legal practice by means of drawing on and integrating humanities’ and social sciences’ methods and knowledge bases may be able to find alternatives that meet the best interest of the child (or at least constitute the least detrimental alternative).

Key words: law of parent and child, integration of the humanities and social sciences, legal practice, family law studies


Dieter Schwab (pp. 208-220)

Fragen zwischen Sozial- und Rechtswissenschaften bei familienbezogener Forschung ‒ aus
rechtswissenschaftlicher Sicht

Die Zusammenarbeit von Sozial- und Rechtswissenschaften bei familienbezogener Forschung erscheint als außerordentlich wichtig, weil diese Disziplinen vielfach aufeinander Bezug nehmen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie ein Auseinanderfallen von Rechtsnormen und gesellschaftlicher Realität für möglich und wissenschaftlich darstellbar halten und daraus rechtspolitische Forderungen ableiten. Unterschiedliche Aufgabenstellungen und Sichtweisen sowie unterschiedliche Terminologie und Methodik bringen indes die Gefahr von Missverständnissen hervor, die nur durch gegenseitige Verständigung und Zusammenarbeit
offengelegt werden kann. Der Beitrag erläutert diesen Befund anhand einiger familiärer
Konstellationen wie Ehe, nichteheliche Lebensgemeinschaft, Ehescheidung und Paartrennung,
rechtliche und soziale Elternschaft, alleinerziehende Eltern, Stieffamilie, sozialfamiliäre Beziehung. Den Schluss bildet ein Plädoyer aus Sicht der Rechtswissenschaft für die Intensivierung transdisziplinärer Forschung.

Schlagwörter: Ehe, nichteheliche Lebensgemeinschaft,´Kohabitation, De-Institutionalisierung,
Individualisierung, Solidarität, Ehescheidung, Trennung, Verschuldensprinzip, Zerrüttungsprinzip, Scheidungsfolgen, Unterhalt, Rententeilung („Splitting“), Elternfamilie, Ein-Elternfamilie, Alleinerziehende, soziale Elternschaft, sozial-familiäre Beziehung, Stieffamilie, Patchworkfamilie.

Mutual questions regarding family-related research in social sciences and jurisprudence – Questions posed from the viewpoint of jurisprudence

Since social sciences and jurisprudence refer to each other in family-related research in many
ways, it appears to be extremely important that both disciplines collaborate. They both have in
common that they consider it possible that legal norms and societal realities diverge and that this division can be delineated scientifically. From this divergence, they deduce calls for consequences in legal policy. Diverging tasks and viewpoints as well as differing terms and methods may lead to misconceptions that, in turn, can only be identified by mutual comprehension and collaboration. In the contribution presented here, these findings shall be exemplified by several family constellations, such as marriage, civil union, separation and divorce, legal and social parenthood, single parents, stepfamily, socio-family relationship.
In the conclusion, there shall be a plea – from the viewpoint of jurisprudence – for an intensification of transdisciplinary research.

Key words: marriage, civil union, cohabitation, de-institionalization, individualization, solidarity,
divorce, separation, legal principle of fault for divorce, legal principle of marital breakdown, alimony, pension sharing orders (“splitting”), singleparent family, single parents, social parenthood, socio-family relationship, stepfamily, patchwork family.


Laszlo A. Vaskovics & Johannes Huinink (pp. 221-244)

Werden die Regelungen des Familienrechts heutigen Familien und Kindern gerecht? Reflexionen aus sozialwissenschaftlicher Perspektive

Die rasche Zunahme der Vielfalt von Familienformen und Familienstrukturen, neue Elternschafts- und Kindschaftskonstellationen und damit einhergehende Veränderungen der Familienbeziehungen stellen für die Gesetzgebung und Rechtsprechung eine Herausforderung dar. Diese Feststellung ist bei den Vertretern des Familienrechts unumstritten. Umstritten ist jedoch die Frage, ob und wie die Gesetzgebung auf diese Veränderungen reagieren soll. Eine ähnliche Diskussion gibt es in der sozialwissenschaftlichen Literatur. Auch dort werden unterschiedliche Einschätzungen und Positionen vertreten. Im Beitrag wird diese Diskussion weitergeführt und gefragt: Werden die Regelungen des Familienrechts in Familiensachen heutigen Familien und Kindern noch gerecht? Unter Bezugnahme auf die in diesem
Themenschwerpunktheft enthaltenen rechtswissenschaftlichen Beiträge sowie auf die neueren
rechtswissenschaftlichen Diskussionen werden Gesetzeslücken aufgezeigt und aus sozialwissenschaftlicher Perspektive Lösungen dafür vorgeschlagen. Es wird aber auch die Frage kritisch diskutiert, wohin letztendlich eine auf die Schließung von Gesetzeslücken fokussierte Ausdifferenzierung und Erweiterung des Familienrechts unter Berücksichtigung neuer Elternschafts- und Familienkonstellationen führen kann, Sind aus sozialwissenschaftlicher Sicht ernstzunehmende Bedenken bezogen auf den bisher eingeschlagenen Weg anzumelden? Und gibt es möglicherweise andere, bisher nicht in Erwägung gezogene Marschrouten, um der Herausforderung gerecht zu werden? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt des Schlusskapitels dieses resümierenden Beitrages.

Schlagwörter: Wandel der Familie, Elternschaft, Kindschaft, Familienrecht, familienrechtliche Regelungsbedarf, Reformvorschläge

Do the provisions in German family law meet the needs of families and children? Reflections from a social science perspective

The fast increasing diversity of family patterns and family structures, new constellations of
parenthood and relations to child as well as accompanying changes in family relations constitute challenges for both legislation and jurisdiction. Among family law professional, this statement does not provoke any controversy. It remains controversial among them, however, if and how legislation should react to these changes. Similar discussions exist in the literature of the social sciences, where diverging assessments and positions are presented. In this contribution, the discussion shall be carried on by asking: Do the provisions in German family law still meet the needs of families and children? Taking the jurisprudential contributions to this special issue as well as recent jurisprudential debates into account, legal loopholes are to be identified and solutions from a social science perspective are proposed. Additionally, it will be critically discussed, where the bridging of legal gaps by further differentiation and expansion of family law – for taking new parenthood and family constellations into account – may lead to. From a social science perspective, are there serious concerns to be raised with regard to the path already entered? Do alternative, not yet considered, routes for meeting the challenges possibly exist? These questions take center stage in the last chapter of this concluding contribution.

Key words: changes in the family, parenthood, relation to child, family law, need for new provisions in family law, proposals for reforms.


Beate Collet & Emmanuelle Santelli (pp. 245-264)

Endogamy versus homogamy. Marital choice among descendants of North African, Sahelian African and Turkish immigrants in France

Whom do French people of immigrant background choose as life partners? This question has raised new scientific interest in France because integration has been challenged by the endogamy norm. Using data from a 2007 study based on biographical interviews with 93 individuals, this article examines the balance between endogamy and homogamy, leading the authors to develop the concept of ‘socio-ethnic homogamy’ to account for the combination of cultural, social and gender dimensions that influence the choice of a conjugal partner among the descendants of immigrants. Their socialisation prior to marriage and their options for a conjugal partner at the time of union formation are being analysed empirically. The ways in which the norms of endogamy are reinterpreted by interviewees as well as the impact of cultural and social factors on the process of marital choice in the immigration society are being
discussed in due course.

Key words: descendants of immigrants, marital choice, endogamy norm, socio-ethnic homogamy, cultural belonging, gender relations and social segregation.

Endogamie versus Homogamie. Partnerwahl bei den Nachkommen von Immigranten aus Nordafrika, der Sahelzone und der Türkei in Frankreich

Wen wählen Franzosen mit Einwanderungshintergrund als Lebenspartner? Die Frage ist von neuem wissenschaftlichem Interesse in Frankreich, weil Integrationsfragen in Bezug auf Endogamieregeln neu hinterfragt werden können. Dieser Artikel basiert auf einer 2007 durchgeführten Studie, in deren Rahmen 93 biographische Interviews durchgeführt wurden, die es erlauben, die Wechselwirkung zwischen Endogamie und Homogamie zu untersuchen. Hierfür haben die Autorinnen das Konzept der sozio-ethnischen Homogamie entwickelt, um das Zusammenspiel von kulturellen, sozialen und geschlechtsspezifischen Dimensionen, die die Partnerwahl beeinflussen, zu erfassen. Die voreheliche Sozialisation der Befragten einerseits, und die Variationen der Wertvorstellungen zum Zeitpunkt der Paargründung andererseits wurden empirisch untersucht. Die Neuausrichtung der Endogamieregeln wird aufgezeigt und der Einfluss von kulturellen und sozialen Faktoren auf den Prozess der Partnerwahl in Einwanderungsgesellschaften wird diskutiert.

Schlüsselwörter: Nachkommen von Einwanderern, Partnerwahl, Endogamie-Norm, sozio-ethnische Homogamie, kulturelle Zugehörigkeit, Genderbeziehungen und soziale Segregation.