Volume 30 (2018) – Issue 2

30. Jahrgang (2018) – Heft 2

Content | Inhalt

Editorial

Katharina Diener & Anne Berngruber: Die Bedeutung öffentlicher Kinderbetreuung für die Erwerbsentscheidung und den Erwerbsumfang von Müttern beim beruflichen Wiedereinstieg

Fabian Gülzau: Sandkastengespräche im Netz? Leitbilder „guter Erziehung“ in einem digitalen Elternforum

Christopher Studeny & Ulrike Zartler: Die animierte Familie. Darstellungen von Familien in Zeichentrickserien

Anne-Kristin Kuhnt, Eva Depenbrock & Sabrina Unkelbach: Reproduktionsmedizin und Familiengründung – Potentiale sozialwissenschaftlicher Datensätze in Deutschland

Johannes Jungbauer, Katharina Heitmann, Andrea Westphal & Miriam Vock: Erwachsene Kinder psychisch erkrankter Eltern: Ergebnisse einer explorativen Fragebogenstudie


 Abstracts and keywords / Zusammenfassungen und Schlagwörter

 Katharina Diener, Anne Berngruber  (pp. 123-150)

Die Bedeutung öffentlicher Kinderbetreuung für die Erwerbsentscheidung und den Erwerbsumfang von Müttern beim beruflichen Wiedereinstieg

Der Beitrag untersucht, welche Rolle öffentliche Kinderbetreuung bei der Erwerbsentscheidung und dem Erwerbsumfang von Müttern aus Paarhaushalten nach der Elternzeit spielt. Betrachtet werden Einstellungen der Mütter zur Kinderbetreuung und die tatsächliche Nutzung verschiedener Betreuungsmöglichkeiten während der Elternzeit sowie die Betreuungsquote auf Kreisebene. Datengrundlage sind die Paneldaten der DJI-Länderstudie der Jahre 2012 bis 2014. Für die Entscheidung wieder in den Beruf einzusteigen sind insbesondere der geplante Zeitpunkt der Rückkehr und der gewünschte Stundenumfang von Bedeutung. Eine positive Einstellung zur öffentlichen Betreuung von Kindern im Alter von ein bis zwei Jahren und die Betreuung in einer Kita oder in Tagespflege während der Elternzeit, sowie eine höhere Kinderbetreuungsquote auf Kreisebene, führen dazu, dass Mütter in höherem Umfang wieder erwerbstätig werden.

Schlagwörter: Beruflicher Wiedereinstieg, Paare, öffentliche Kinderbetreuung, Elternzeit, Kinder jünger als drei Jahre

The relevance of public childcare for the decision on and working hours of mothers’ re-entry into the labor market

In this article, we analyse the role of public childcare for the decision on and working hours of mothers at re-entry into the labor market in couple households after parental leave. We focus on attitudes of mothers on childcare and the actual use of different opportunities for childcare during parental leave, as well as care rates on regional level. The database are panel data of the DJI-Länderstudie in the years 2012 to 2014. For the decision to return to work, the planned date of return and the favoured extent of weekly working hours are important. A positive attitude towards public childcare for children at the age of one to two years, care in a nursery school or in daycare during parental leave as well as a higher childcare rate on regional basis lead to a higher extent of working hours for mothers.

Key words: re-entry, couples, public childcare, parental leave, children younger than age three


Fabian Gülzau (pp. 151-175)

Sandkastengespräche im Netz? Leitbilder „guter Erziehung“ in einem digitalen Elternforum

Der explorative Artikel leistet einen Beitrag zur Forschung um Leitbilder „guter Erziehung“, indem untersucht wird, ob gegenwärtige Ansprüche aus Politik, Wissenschaft und Ratgeberliteratur innerhalb eines großen deutschen Elternforums diskutiert werden. Als Datenmaterial dienen 58.240 Nutzerbeiträge zu einer digitalen Diskussionsplattform. Anhand dieser digitalen Daten kann nicht nur analysiert werden, welche Themen die Nutzer besprechen, sondern auch wie sie diese verhandeln. Hierzu wird mit „topic modeling“ ein innovatives Verfahren der „computational social sciences“ (CSS) mit der qualitativen Inhaltsanalyse kombiniert. Der Beitrag zeigt, dass insbesondere Expertenwissen von Nutzern aufgegriffen wird, um die eigene Erziehungspraxis zu rechtfertigen und zu reflektieren. Die Bezugnahmen sind in weiten Teilen positiv auch wenn einzelne Autoren kritisch betrachtet werden.

Schlagwörter Elternforen, Erziehung, topic models, digitale Medien, Familienleitbilder

Playground chatter on the internet? Models of “good parenting” in a parent online forum

This explorative article contributes to research on models of “good parenting” by analyzing whether current demands of politics, science and advice literature are discussed in a large German parenting online forum. The data consists of 58,240 user submissions to a digital discussion board. Using this digital data, it can not only be analyzed which topics users discuss but also how they negotiate them. With “topic modeling”, an innovative approach from the computational social sciences (CSS), is combined with qualitative content analysis.

The article shows that expert knowledge is picked up by users to justify and reflect on their childrearing practices. By and large, parents refer to expert knowledge in a positive manner, however, some authors are viewed rather critically.

Key words: parenting online forum, parenting, topic models, digital media, family-related ‘Leitbilder’


Christopher Studeny, Ulrike Zartler (pp. 176-193)

 Die animierte Familie. Darstellungen von Familien in Zeichentrickserien

Das Angebot an Zeichentrickserien im Fernsehen und damit deren Bedeutung für die Sozialisation von Kindern hat in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. Die Frage, welches Familienbild in diesen Serien im Zeitverlauf transportiert wird, wurde bislang aber nur unzureichend beantwortet.

Dieser Beitrag untersucht mittels hermeneutisch-wissenssoziologischer Videoanalyse, ob sich die Darstellung von Familienbild, Familienleben und elterlichen Rollen in Zeichentrickserien seit den 1980er Jahren verändert hat. Grundlage der Analyse sind jeweils drei Serien aus den 1980er Jahren und drei aktuelle Zeichentrickserien (ab 2000), welche nach den Kriterien Beliebtheit, Laufzeit und Anzahl ausgestrahlter Sendungen ausgewählt wurden.

Die Ergebnisse zeigen, dass zwar im Zeitverlauf eine Pluralisierung von Familienformen ersichtlich wird, die Darstellung der Eltern in beiden Untersuchungszeiträumen aber überwiegend an traditionellen Rollenmustern orientiert ist und das Idealbild der Kernfamilie transportiert wird. Bezüglich der Herstellung des Familienlebens rücken in der zweiten Untersuchungsdekade Aspekte der Entgrenzung von Arbeit und Familie in den Vordergrund.

Schlagwörter: Familienbild, Familienleben, Elternrollen, Doing Family, Entgrenzung, Zeichentrickserien, Videoanalyse

The animated family. Family life and the roles of mothers and fathers in cartoon series

The number of cartoon series on television and, accordingly, their importance for the socialization of children have strongly increased in recent decades. However, questions about the family image that is transported in these series over time remain to be answered. Based on the knowledge-sociological hermeneutic analysis of videos, this article explores whether the presentation of family images, family life and parental roles in cartoon series has changed since the 1980ies. Data are systematically drawn from three series from the 1980ies and three present series (since 2000), selected along the criteria of popularity, duration and frequency of broadcasting.

Results show that although a pluralization of family forms becomes apparent over time, the presentation of parents is still predominantly based on traditional role patterns, and the nuclear family is presented as an ideal. The analysis also reveals that aspects of handling the blurring boundaries of work and family life are more prominent in the present cartoon series.

Key words: family images, everyday family life, parental roles, doing family, blurring boundaries, cartoon series, video analysis


Anne-Kristin Kuhnt, Eva Depenbrock & Sabrina Unkelbach  (pp. 194-215)

Reproduktionsmedizin und Familiengründung – Potentiale sozialwissenschaftlicher Datensätze in Deutschland

Trotz medialer Dauerpräsenz des Themas „Reproduktionsmedizin“ ist die Faktenlage für Deutschland noch defizitär. Der vorliegende Beitrag konzentriert sich daher auf die Analysepotentiale sozialwissenschaftlicher Datensätze hinsichtlich der Verbreitung von Wissen zu und der Nutzung von Reproduktionsmedizin in Deutschland. Zusätzlich werden Hintergrundinformationen zu gesellschaftlicher Akzeptanz und reproduktionsmedizinischer

Infrastruktur in Deutschland präsentiert. Ergänzend dazu wird auf die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen reproduktionsmedizinischer Behandlungen in Deutschland eingegangen. Als Ergebnis der Potentialanalyse lässt sich festhalten, dass nur wenige sozialwissenschaftliche Studien explizit Fragen zur Nutzung von Reproduktionsmedizin beinhalten. Fragen zum Wissen über Reproduktionsmedizin sowie Einstellungsfragen zur

potentiellen Nutzung sind deutlich weiter verbreitet. Als ursächlich für die Defizite im Wissen über die Nutzung von Reproduktionsmedizin in Deutschland zeigen sich die Hürden in der Datenerhebung, die mit dem sensiblen Forschungsfeld einhergehen.

Schlagwörter: Reproduktionsmedizin, Assistierte Reproduktionstechniken, Datensatzpotentiale, Deutschland

Reproductive medicine and family formation ‒ Potentials of social science data sets in Germany

Media is reporting on a regular basis about reproductive technologies in Germany, but the state of facts is adverse. Thus, this paper focuses on analysing potentials of social science data sets regarding the spread of knowledge about and the use of reproductive medicine in Germany. This overview is complemented by current legal and financial framework conditions that are important for Germany. As a central finding of this analysis of potentials, we state a lack of data sets that address explicit questions regarding the use of reproductive medicine. Questions about the knowledge about reproductive medicine and regarding the hypothetical use of it are more widespread. The cause of ascertained shortcomings regarding the use of reproductive technologies in Germany are the obstacles in terms of data collection with respect to such a sensitive research topic.

Key words: reproductive medicine, assisted reproductive technologies, analysing potentials of data sets, Germany


Johannes Jungbauer, Katharina Heitmann, Andrea Westphal & Miriam Vock (pp. 216-229)

Erwachsene Kinder psychisch erkrankter Eltern: Ergebnisse einer explorativen Fragebogenstudie

Zielsetzung: In diesem Beitrag werden Ergebnisse der EKipeE-Studie vorgestellt, in der erwachsene Kinder psychisch kranker Eltern befragt wurden. Ziel war es, die von den Befragten wahrgenommenen langfristigen Auswirkungen auf ihre Biographie, ihre Persönlichkeit und ihre Sozialbeziehungen zu beschreiben. Außerdem sollten Zusammenhänge zwischen ausgewählten belastenden Kindheitserfahrungen und Problemen im Erwachsenenalter untersucht werden. Ferner sollten die Unterstützungsbedürfnisse und -wünsche der erwachsenen Kinder erfasst werden. Methode: Im Rahmen einer online-Fragebogenstudie wurden N=561 erwachsene Kinder psychisch kranker Eltern befragt.

Die quantitativen Fragebogendaten wurden mit SPSS 23.0 statistisch ausgewertet; die freien Antworten und Kommentare wurden inhaltsanalytisch ausgewertet. Ergebnisse: Die Studienteilnehmer berichteten vielfältige emotionale und soziale Probleme, die sie als Folgen ihrer Kindheitserfahrungen wahrnehmen. Sehr häufig haben sie das Gefühl, in ihrer Identität und ihrem Verhalten negativ geprägt zu sein. Viele äußern deswegen einen Bedarf an professioneller Beratung und Unterstützung. Diskussion: Es handelt sich um die bislang umfangreichste Studie zu den langfristigen Folgen einer Kindheit mit einem psychisch kranken Elternteil im deutschsprachigen Raum. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass frühzeitige Hilfe- und Präventionsangebote für betroffene Kinder, Eltern und Familien notwendig sind. Auch die Bereitstellung spezifischer Beratungsangebote für erwachsene Kinder psychisch kranker Eltern wird empfohlen.

Schlagwörter: erwachsene Kinder, psychisch kranke Eltern, langfristige Auswirkungen, Entwicklungsrisiken, Hilfebedarf für betroffene Familien

Adult children of parents with mental illnesses: Results from an exploratory survey

Objective: This paper presents the results of the EKipeE Study, which surveyed the adult children of parents with mental illnesses. The objective of the study was to extrapolate the long-term effects that parents’ mental illnesses had on their children’s biographies, personalities, and social relationships.

The study also aimed to make connections between specific stressful situations in childhood and problems in later life. Additionally, the study aimed to understand what kind of support the adult children required and wanted. Method: Using an online questionnaire, N=561 adult children of parents with mental illnesses were surveyed. The quantitative survey data was statistically analyzed using SPSS 23.0; the qualitative data from answers and other remarks was evaluated using content analysis. Results: Participants in the study reported a diverse range of emotions and social problems that they perceived as having resulted from their childhood experiences. They often had the feeling that their identity and behavior had been affected negatively. Consequently, many expressed a need for professional counselling and support. Discussion: The study was the most extensive to date within German-speaking countries to survey the long-term effects of a childhood spent with a parent with mental illnesses. The results underline the need for early support and prevention services for affected children, parents, and families. The provision of specific counselling services for adult children of parents with mental illnesses is also recommended.

Key words: adult children, parents with mental illnesses, long-term effects, development risks, support for affected families