Volume 29 (2017) – Issue 3

29. Jahrgang (2017) – Heft 3

Content | Inhalt

Editorial

Claudia Geist: Three worlds of marriage effects? Gendered marriage earning differences in the United States, Germany, and Sweden

Florian Schulz & Henriette Engelhardt: The development, educational stratification and decomposition of mothers’ and fathers’ childcare time in Germany. An update for 2001-2013

Tim Sandmann† & Klaus Preisner: Religiosität und Fertilität: Eine empirische Untersuchung des Einflusses von Religiosität auf Elternschaft und Kinderzahl

Stefan Holubek: Motive für das zweite Kind. Eine qualitative Sekundäranalyse problemzentrierter Interviews

Klaus Boehnke: Ist Rechtsextremismus „erblich“? Zur Ähnlichkeit rechtsextremer Verhaltenstendenzen von Studierenden und ihren Eltern


 Abstracts and keywords / Zusammenfassungen und Schlagwörter

 Claudia Geist (pp. 253-276)

Three worlds of marriage effects? Gendered marriage earning differences in the United States, Germany, and Sweden

Being married is associated with many advantages. However, we do not know enough about the actual impact of entering marriage on individuals’ earnings, especially for women. In this paper, I examine the immediate and the short-term impact of marriage on men’s and women’s earnings in the United States, Germany, and Sweden. Studying the impact of marriage on earnings in three distinct socio-political settings provides insights into the context dependency of the link between marriage and earnings. Fixed effects models show that marriage transitions are not associated with women’s earnings in the United States and Sweden. For German women, I find an earnings penalty for marriage. Once I adjust for selection into employment, I find that employed German women with low employment propensities may experience instantaneous earnings boosts when they enter marriage, but that among women who are more firmly attached to the labor market, there is a short-term marriage penalty. For men in all three countries, I find no effect of marital transitions once employment likelihood is taken into account.

Key words: marriage, earnings, Germany, Sweden, United States of America, selection, women, men

Gibt es drei verschiedene Welten der Ehe-Effekte?

Geschlechterspezifische Einkommensunterschiede von Verheirateten in den Vereinigten Staaten, Deutschland und Schweden

Verheiratet zu sein wird mit vielen Vorteilen in Verbindung gebracht, aber wir wissen nicht genug über den tatsächlichen Effekt des Eheeintritts auf individuelles Einkommen, insbesondere für Frauen. In diesem Beitrag werden die unmittelbaren und kurzfristigen Effekte untersucht, die eine Verehelichung auf die Einkommen von Männern und Frauen in den USA, in Deutschland und in Schweden hat. Die Untersuchung des Einkommenseffekts der Ehe in drei unterschiedlichen sozial-politischen Settings ermöglicht Einsichten in die Kontextabhängigkeit des Zusammenhangs zwischen Heirat und Einkommen. Mit Fixed-Effects-Modellen wird aufgezeigt, dass der Übergang zur Ehe weder in den Vereinigten Staaten noch in Schweden mit dem Einkommen von Frauen zusammenhängt, während deutsche Frauen dadurch Einkommenseinbußen hinnehmen müssen. Kontrolliert man jedoch die Selektionseffekte bei der Aufnahme einer Beschäftigung, so kommt man zu dem Ergebnis, dass erwerbstätige Frauen in Deutschland mit niedriger Beschäftigungsneigung bei Ehe-Eintritt umgehend Einkommenszuwächse erfahren, dass aber Frauen, die stärker in den Arbeitsmarkt eingebunden sind, dann kurzfristig negativ sanktioniert werden. Für die Männer in den drei Ländern kommt es jedoch beim Übergang in die Ehe zu keinen Einkommenseffekten, wenn deren Beschäftigungswahrscheinlichkeit berücksichtigt wird.

Schlagwörter: Ehe, Einkommen, Deutschland, Schweden, Vereinigte Staaten von Amerika, Selektion, Frauen, Männer


Florian Schulz & Henriette Engelhardt (pp. 277-297)

The development, educational stratification and decomposition of mothers’ and fathers’ childcare time in Germany. An update for 2001-2013

This study updates empirical knowledge about (1) the development, (2) the educational stratification, and (3) the decomposition of mothers’ and fathers’ childcare time in Germany with the most recent time use data. Using time series data from the German Time Use Study 2001/2002 and 2012/2013, we analyze time budgets for total childcare and six specific childcare activities on weekdays and weekends and estimate OLS regressions and Oaxaca decompositions. The study found that (1) total childcare time has increased for mothers and fathers between 2001 and 2013 and that this change is predominantly due to increased time for basic childcare. (2) It also found consistent evidence of an education gradient only for reading time with children. (3) If there is significant change of time budgets between 2001 and 2013, this change seems to be driven by behavioral change rather than changing demographics. Our empirical findings on childcare time in Germany do not provide evidence of dynamics and stratification but rather of stability and similarity across parents’ educational levels. Besides the updates on German parents’ development, stratification and decomposition of time use for childcare, these analyses show that change in total childcare is not due to a proportional change over all single activities but due to changes in a few activities only.

Key words: time, childcare, Germamy, mothers, fathers

Die Entwicklung, die Bildungsstratifizierung und die Dekomposition der Zeitverwendung für Kinderbetreuung von Müttern und Vätern in Deutschland. Eine Aktualisierung für die Jahre 2001-2013

Diese Studie aktualisiert das empirische Wissen über die Entwicklung, die Bildungsstratifizierung und die Dekomposition der Zeitverwendung von Müttern und Vätern für Kinderbetreuung mit den aktuellen Zeitbudgetdaten für Deutschland. Auf Basis der letzten beiden Erhebungen der Deutschen Zeitverwendungsstudie 2001/2002 und 2012/2013 werden die Zeitbudgets für die Gesamtzeit für Kinderbetreuung sowie sechs Einzeltätigkeiten mit OLS-Regressionen und Oaxaca-Dekompositionen untersucht. Die Studie zeigt, dass (1) die Zeit für Kinderbetreuung von Müttern und Vätern zwischen 2001 und 2013 angestiegen ist, (2) es einen Bildungsgradienten für Vorlesen gibt und (3) signifikante Veränderungen in den Zeitbudgets nicht auf Kompositionsveränderung der Bevölkerung zurückgeführt werden können. Insgesamt belegt die Studie weniger die Dynamik als vielmehr die Stabilität und die geringe Bildungsdifferenzierung der Zeitverwendung für Kinderbetreuung. Darüber hinaus wird gezeigt, dass die Veränderungen in der Gesamtzeit für Kinderbetreuung nicht auf proportionale Veränderungen in allen, sondern nur auf Veränderungen in wenigen Einzeltätigkeiten zurückgeführt werden können.

Schlagwörter: Zeitverwendung, Kinderbetreuung, Deutschland, Mütter, Väter 


Tim Sandmann† & Klaus Preisner (pp. 298-318)

Religiosität und Fertilität: Eine empirische Untersuchung des Einflusses von Religiosität auf Elternschaft und Kinderzahl

Anhand der Daten der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften von 2012 wird für Ost- und Westdeutschland der Einfluss christlicher Religiosität auf a) die Wahrscheinlichkeit der Elternschaft und b) die Anzahl der Kinder mithilfe von Poisson-Logit-Hurdle-Modellen untersucht. Religiosität wird hierbei anhand des mehrdimensionalen Konzepts der Zentralität nach Huber gemessen. Zunächst wird geprüft, ob Religiosität einen Effekt auf Elternschaft und die realisierte Kinderzahl hat, was nur in Westdeutschland der Fall ist. Schließlich wird untersucht, über welche Mechanismen die vorgefundenen Effekte vermittelt werden, wobei als Mediatoren Kindernutzen, Fertilitätsnormen, Bewertung von Geburtenkontrolle, Geschlechterrollen sowie Eheaffinität berücksichtigt werden. Die Mediationsanalysen für Westdeutschland deuten darauf hin, dass religiöse Personen vor allem aufgrund ihrer stärkeren Präferenz für die Ehe häufiger den Übergang zur Elternschaft vollziehen. Obwohl die Mediatoren die erwarteten Zusammenhänge mit Religiosität und Familiengröße aufweisen, kann die höhere Kinderzahl religiöser Personen kaum mit den verwendeten Mediatoren erklärt werden.

Schlagwörter: Religiosität, Konfession, Fertilität, Hurdle-Models, Fertilitätsnormen, Nutzen von Kindern, Ehe, Geburtenkontrolle, Geschlechterrollen

Religiousness and fertility: An empirical investigation of the effect of religiousness on parenthood and number of children

The effect of religiosity on a) the likelihood to have children, and b) the number of children is analyzed for East- and West-Germany using the Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften 2012 data and poisson-logit hurdle models. Religiosity is measured with Huber and Huber’s multidimensional concept of centrality. At first, the effect of religiosity on the likelihood to have children and the number of children is analyzed for East and West Germany – showing that religiosity influences fertility only in West Germany. Finally, mediator variables such as value of children, fertility norms, opinion on birth control, traditional gender roles as well as marriage patterns are used to explain why centrality increases fertility in West Germany. The analyses show that religious persons are more likely to have children, in particular because they more often marry. Although the mediator variables show the expected correlations with religiosity and family size, the mediators hardly explain the greater number of children in religious people.

Key words: religiosity, fertility, hurdle-models, fertility norms, value of children, marriage, birth control, gender roles


Stefan Holubek (pp. 319-339)

Motive für das zweite Kind. Eine qualitative Sekundäranalyse problemzentrierter Interviews

Zwei Kinder zu haben ist ein weit verbreitetes Ideal, aber keine Selbstverständlichkeit. Ziel dieses Beitrages ist es, orientiert am „Traits-Desires-Intention-Behaviour“-Modell nach Miller, Motive für den Wunsch nach einem zweiten Kind und ihre Rolle für den Übergang zur Intention zu untersuchen. Dafür werden problemzentrierte Interviews auf Grundlage der Grounded-Theory-Methodologie sekundär ausgewertet. Als Ergebnis werden vier Motive vorgestellt. Zweite Kinder werden als Teil eines traditionalen Familienbildes, als dispositionelle Selbstverständlichkeit, als „erstes Geschwisterkind“ und als „wiederholtes“ erstes Kind gedeutet. Die Motivlagen werden jeweils danach befragt, welche Informationen über Voraussetzungen für den Übergang in die Planungsphase sie enthalten. Dabei wird gezeigt, dass das Wissen über die Motivlagen dabei hilft, zu konkretisieren, unter welchen Bedingungen bestimmte Akteure dazu übergehen, das zweite Kind zu planen.

Schlagworte: Familie, Fertilität, zweites Kind, Grounded Theory, qualitative Sekundäranalyse, Elternschaft, Kinderwunsch, Parität

Motives for having a second child. A qualitative secondary analysis of problem-centered interviews

The two-child family is a widespread ideal. It is, however, not a matter of course. Based on Miller’s Traits-Desires-Intentions-Behavior model, this paper investigates the motives of people for desiring a second child and how these motives may influence the progression towards intending this first family extension. The study uses secondary analyses of problem-centered interviews that are based on grounded theory methodology. As a result, four types of motives are identified. The second child may be interpreted as (a) a necessary component of the traditional family setting, as (b) a matter of course, (c) as a first sibling, and as (d) a “doubled” first child. Each of these motives has been scrutinized with regard to the specific circumstances causing people to intend having a second child. It is shown that identifying the respective motives for having a second child leads to a better understanding of the circumstances upon which particular actors start planning to actually have a second child.

Key words: family, fertility, second child, grounded theory, qualitative secondary analysis, parenthood, desire of having a child, parity 


Klaus Boehnke (pp. 340-354)

Ist Rechtsextremismus „erblich“? Zur Ähnlichkeit rechtsextremer Verhaltenstendenzen von Studierenden und ihren Eltern

Der Beitrag untersucht, unter welchen Bedingungen sich alltägliche rechtsextreme Verhaltenstendenzen von Studierenden und ihren Eltern ähneln. Hierzu wurden 147 Studierende, ihre Mütter und ihre Väter befragt. Anders als in vielen sozialwissenschaftlichen Studien geht es um selbstberichtetes rechtsextremes Alltagsverhalten (etwa die Nutzung herabwürdigender Sprache zur Bezeichnung von Migranten), nicht um Einstellungen. Die These wird geprüft, dass hohe intergenerationale Ähnlichkeit eine dem Rechtsextremismus förderliche ideologische Orientierung der Eltern als Frame voraussetzt: Nur in Familien mit einem hohen Level an Hierarchischem Selbstinteresse (HSI, Hagan) ist der Boden für intergenerationale Ähnlichkeit gelegt. Unterschiede in der Ähnlichkeit zwischen Müttern und Vätern bzw. Söhnen und Töchtern werden – im Einklang mit Befunden der Sozialisationsforschung zum Rechtsextremismus – ebenfalls angenommen: Transmissionseffekte in der Vater-Sohn-Dyade sollten besonders deutlich ausfallen. Beide Thesen werden bestätigt. Der Beitrag schließt mit dem Vorschlag, in die Prävention von Rechtsextremismus auch Elternarbeit, insbesondere die Arbeit mit Vätern und Söhnen einzubeziehen.

Schlagwörter: rechtsextremes Verhalten, Hierarchisches Selbstinteresse (HSI), intergenerationale Transmission, Vater-Sohn-Dyade

Is right-wing extremism ‘inheritable’? Are there similarities of right-wing extremist behavioral tendencies among university students and their parents?

The paper poses the question under which circumstances right-wing extremist behavioral tendencies of university students and their parents are likely to be similar. To answer this research question, 147 students, their mothers, and their fathers were surveyed. Unlike in most social research, the focus is on self-reported right-wing extremist everyday behavior (e.g., usage of derogatory language when talking about migrants), not attitudes. The hypothesis is tested that high intergenerational similarity in right-wing extremism requires the frame of a parental ideology that fosters such an orientation: the basis for intergenerational similarity is provided only in those families that have a high level of hierarchic self-interest (HSI, Hagan). In line with findings of socialization research on right-wing extremism, differences in similarities between mothers and fathers, on the one hand, and sons and daughters, on the other hand, are also assumed: Transmission effects should be particularly strong in the father-son dyad. Both hypotheses are confirmed by the study. The paper concludes with the suggestion that prevention work in the field of right-wing extremism should include family workshops, including, in particular, fathers and sons.

Key words: right-wing extremist everyday behavior, hierarchic self-interest (HSI), intergenerational transmission, father-son dyad