Volume 29 (2017) – Issue 2

29. Jahrgang (2017) – Heft 2

Content | Inhalt

Editorial

Eva-Maria Schmidt, Irene Riedler, Ulrike Zartler, Cornelia Schadler & Rudolf Richter: Turning points in the transition to parenthood: Variability of father involvement over time

Irina Hondralis & Sandra Buchholz: Beeinflussen berufstypische Arbeitszeitmerkmale die Unterbrechungsdauer von Frauen? Eine längsschnittliche Analyse der Bedeutung beruflicher Merkmale für die Berufsrückkehr von Müttern in Deutschland

Nina Klünder & Ute Meier-Gräwe: Essalltag und Arbeitsteilung von Eltern in Paarbeziehungen – Eine quantitative Analyse auf Basis der repräsentativen Zeitverwendungsdaten 2012/2013 und 2001/2002

Waltraud Cornelißen, Jasmin Abedieh & Alexandra N. Langmeyer: Wege in die Elternschaft. Kein Kind ohne vorgängigen Kinderwunsch seiner Eltern?

Florien Kruse: Stagnation or transformation of attitudes towards the nurturing father? Comparative analysis in nine European countries for 1999 and 2008-2009

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Abstracts and keywords / Zusammenfassungen und Schlagwörter

Eva-Maria Schmidt, Irene Rieder, Ulrike Zartler, Cornelia Schadler & Rudolf Richter (pp. 139-155)

Turning points in the transition to parenthood: Variability of father involvement over time

Although fathers’ involvement in care work has increased, the transition to parenthood still implies a gendered division of labour. In order to gain more knowledge of this ambivalence, we focus on the variability of father involvement at this transition. Based on an Austrian qualitative longitudinal study with couples experiencing the transition to first-time parenthood, we examined how fathers’ affective, cognitive and behavioural involvement varies across the transition process. Changes in fathers’ involvement culminated at particular points in time, conceptualised as turning points. Results show that the transition to fatherhood is characterised by a variety of prepregnancy, prenatal and postnatal turning points at which father involvement undergoes crucial transformations. Father involvement varies not only between fathers, but also within individual transitions. The study indicates that turning points contribute to the dynamics and fluidity of the transition process.

Key words: care work, father involvement, qualitative longitudinal data, transition to parenthood, turning points

Wendepunkte am Übergang zur Elternschaft: Variabilität väterlicher Beteiligung

Obwohl die väterliche Beteiligung an der Betreuungsarbeit im Steigen begriffen ist, ist der Übergang zur Elternschaft nach wie vor mit einer geschlechtsspezifischen und ungleichen Arbeitsteilung verbunden. Um diese Ambivalenz zu verstehen, konzentrieren wir uns auf die Variabilität väterlicher Beteiligung bei diesem Übergang. Anhand einer österreichischen qualitativen Längsschnittstudie mit Paaren, die das erste Mal Eltern werden, wurde untersucht, wie sich die affektive, kognitive und verhaltensmäßige Beteiligung in diesem Transitionsprozess verändert. Die Ergebnisse zeigen, dass der Übergang zur Elternschaft sich durch zahlreiche Wendepunkte (turning points) auszeichnet, an denen väterliche Beteiligung eine wesentliche Änderung erfährt. Diese Wendepunkte können vor und während der Schwangerschaft sowie nach der Geburt auftreten. Die Beteiligung variiert nicht nur zwischen Vätern, sondern auch innerhalb individueller Übergänge. Wendepunkte implizieren einen Wechsel in der Arbeitsteilung zwischen Müttern und Vätern und tragen zur Dynamik und Fluidität des Transitionsprozesses bei.

Schlagwörter: Betreuungsarbeit, qualitative Längsschnittdaten, Übergang zur Elternschaft, väterliche Beteiligung, Wendepunkte


Irina Hondralis & Sandra Buchholz (pp. 156-178)

Beeinflussen berufstypische Arbeitszeitmerkmale die Unterbrechungsdauer von Frauen?

Eine längsschnittliche Analyse der Bedeutung beruflicher Merkmale für die Berufsrückkehr von Müttern in Deutschland

Der Beitrag geht der Frage nach, ob berufstypische Arbeitszeitmerkmale die Erwerbsunterbrechungsdauer von Frauen nach der Familiengründung beeinflussen und welche Bedeutung berufstypische Arbeitszeitmerkmale für Frauen mit unterschiedlichem Bildungsniveau haben. Dazu wurden die Längsschnittdaten der Erwachsenenkohorte des Nationalen Bildungspanels über ein Daten-Linkage mit aggregierten Berufsdaten aus dem Mikrozensus angereichert. Die Ergebnisse der empirischen Analysen zeigen, dass sich berufstypische Arbeitszeiten neben Individualmerkmalen signifikant auf die Berufsrückkehr von Müttern auswirken. Für hochqualifizierte Frauen erwiesen sich lediglich die für einen Beruf typischen Überstunden als einflussreich. Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass die Rückkehr von Akademikerinnen aufgrund von höheren Opportunitätskosten und womöglich auch einer höhere Erwerbsneigung durch die arbeitszeitlichen Gegebenheiten im Austrittberuf kaum tangiert ist. Für mittel- und insbesondere geringqualifizierte Frauen sind jedoch andere Faktoren, nämlich die Arbeitszeitlänge, die Verbreitung von Heimarbeit und – für beruflich nicht qualifizierte Frauen – auch die Verbreitung von Nacht- und Wochenendarbeit relevant. Insgesamt legen unsere Ergebnisse nahe, dass berufstypische Arbeitszeiten insbesondere für die Unterbrechungsdauer von geringgebildeten Müttern eine bedeutende Rolle spielen.

Schlagwörter: Arbeitszeiten, Berufe, Berufsmerkmale, Ereignisdatenanalyse, Erwerbsunterbrechung, Frauenerwerbstätigkeit, NEPS, Wiedereinstieg

Do occupation-specific hours of employment influence the interruption duration of women?

A longitudinal study on the return of German mothers to their pre-birth occupation

This article analyses how occupation-specific hours of employment influence the employment interruptions of women after family formation, and whether employment hours have an impact on different educational groups. This study uses detailed longitudinal data from the German National Educational Panel Study and aggregated occupational data from the Microcensus. Our results show how occupation-specific employment hours, even after controlling for individual characteristics, significantly influence the employment interruptions of mothers. The interruption duration of women with tertiary education is solely influenced by the amount of overtime working hours associated with specific occupations. This result indicates that the return-to-work of tertiary educated women remain mostly unaffected by their hours of employment, and likely to be attributed to both elevated opportunity costs and higher career orientations. Whilst medium and less educated women reduce their time-out from their occupation when the working hours are short and working from home is possible. Atypical employment hours, such as night-shift or weekend work, are found to be exclusively relevant for less educated women. Overall, our results demonstrate that hours of employment play an important role for the employment continuity of women without a tertiary education.

Key words: employment hours, employment interruptions, event history analysis, female employment, NEPS, occupation, occupational characteristics, re-entry to work


Nina Klünder & Uta Meier-Gräwe (pp. 179-201)

Essalltag und Arbeitsteilung von Eltern in Paarbeziehungen – Eine quantitative Analyse auf Basis der repräsentativen Zeitverwendungsdaten 2012/13 und 2001/02

Der Beitrag untersucht die zeitliche Gestaltung sowie die innerfamiliale Arbeitsteilung des Essalltags von Müttern und Vätern in Paarbeziehungen differenziert nach deren Erwerbsumfang. Die Sekundäranalyse erfolgt auf Basis der repräsentativen Zeitverwendungsdaten 2012/13 und 2001/02, wobei drei Paarkonstellationen untersucht werden: Doppelverdiener-Paare, weibliche Zuverdiener-Paare sowie Paare mit männlichem Familienernährer. Die Analyse des Essalltags zeigt, dass der Erwerbsstatus der Mutter die zeitliche Gestaltung des Essalltags beeinflusst. Je höher dieser ist, desto weniger Zeit wird für die Ernährungsversorgung aufgewendet. Darüber hinaus hat sich die tägliche Zeitverwendung für die Ernährungsversorgung von 2001/02 bis 2012/13 reduziert, wobei die stärksten Einsparungen bei vollzeiterwerbstätigen Müttern zu konstatieren sind. Väter engagieren sich verstärkt am Wochenende bei der Mahlzeitenzubereitung, gleichwohl liegt die Verantwortung insgesamt bei den Müttern. Ebenso beeinflussen Alter und Anzahl der Kinder die Zeitverwendung für die Ernährungsversorgung. Letztlich kann in keiner untersuchten Paarkonstellation eine egalitäre Arbeitsteilung zur Gestaltung des Essalltags festgestellt werden. Vielmehr dominieren relativ ausgeprägte geschlechtsspezifische Arrangements.

Schlagwörter: Zeitverwendung, Erwerbsbeteiligung Eltern, Ernährungsversorgung, Beköstigung

Everyday food routines and division of labor in two-parent households – A quantitative analysis based on the German representative Time Use Survey 2012/13 and 2001/02

The article examines the division of labor for everyday food routines of two-parent households depending on their labor force participation. Using data from the representative German Time Use Survey 2001/02 and 2012/13, three different pairs were formed: dual-earner couples, couples with additional female income and male-breadwinner couples Findings show that mother’s employment influences the time used for everyday food routines: It was found that the higher the employment rate of mothers, the less time was spent on food routine activities. Furthermore, the daily time used for everyday food routines was reduced from 2001/02 to 2012/13. The largest reductions were seen in the group of mothers working fulltime. Besides that, fathers were more engaged in meal preparation on the weekends, although the responsibility was the mother’s. In addition, the age and number of children in a household influenced the time used for everyday food routines. However, none of the examined pair constellations can help determine an egalitarian division of everyday food routines. There is still a labor division by gender.

Key words: time use, parental labor force participation, everyday food routines, meal preparation


Waltraud Cornelißen, Jasmin Abedieh & Alexandra N. Langmeyer (pp. 202-227)

Wege in die Elternschaft. Kein Kind ohne vorgängigen Kinderwunsch seiner Eltern?

In diesem Beitrag wird rekonstruiert, welch zentrale Bedeutung der Fertilitätsintention zur Erklärung der Anzahl und des Timing von Geburten beigemessen wird. Auf der Basis vorliegender empirischer Befunde wird auf die Grenzen der entsprechenden Ansätze aufmerksam gemacht: die Theorie der Nutzenmaximierung, die Theorie des geplanten Verhaltens und das traits-desiresintentions-behavior framework. Anschließend werden eigene Auswertungen zum Zusammenhang von vorgängigen Kinderwunschkonstellationen von Paaren und anschließenden Geburten vorgelegt. Diese basieren auf aktuellen Daten einer deutschen Längsschnittstudie (pairfam). Dabei zeigt sich, dass ein bis zwei Jahre vor der Geburt eines Kindes nur bei drei Viertel aller Paare eine konsensuelle positive Fertilitätsintention bestand. Bei Paaren mit geringer Bildung liegt dieser Anteil bei nur 65%. Im Durchschnitt werden 8,1% der Kinder geboren, obwohl sich ihre Eltern ein Jahr zuvor noch beide gegen ein Kind in den nächsten zwei Jahren ausgesprochen hatten, weitere 17%, obwohl das Paar noch keinen Konsens in der Kinderfrage erzielt hatte. Bei Dissens ist es von der Kinderwunschkonstellation in der Paarbeziehung abhängig, ob sich mit der Geburt die egalitarian rule bestätigt oder nicht. Die Autorinnen sehen die Notwendigkeit, ein neues bzw. erweitertes Verständnis für Fertilität zu entwickeln. Sie plädieren dafür, das Leben von Paaren nicht nur als eine Verknüpfung von Intentionen und Rahmenbedingungen für deren Umsetzung zu betrachten, sondern auch als eine Verknüpfung von Alltagspraxen. Im Alltag von Paaren aber dient Sexualität nicht nur dem Zweck der Zeugung von Nachwuchs. Schwangerschaften entstehen deshalb regelmäßig auch als nicht intendierte Folgen von Sex bei Paaren, die sich zu einer gemeinsamen Zukunft mit Kind noch gar nicht entschieden haben.

Schlagwörter: Kinderwunsch, Fertilitätsintention, Elternschaft, Nutzenmaximierung

Paths to parenthood: Will there be any child born without their parents’ antecedent desire to have children?

In this article, the significant importance of fertility intentions with respect to number and timing of births is investigated. Based on existing empirical findings, the limitations of these approaches are pointed out: the theory of utility maximization, the theory of planned behavior and the traitsdesires-intentions-behavior framework. Next, we present new results with respect to the relationship of couples’ preceding constellations of childbearing preferences and subsequent births. These results are based on current data from a German longitudinal survey (pairfam). It turns out that between one and two years ahead of birth of a child merely 75% of all couples had consensual positive childbearing preferences. For couples with lower education, this proportion is even less with a value of only 65%. On average, 8.1% of the children are born, even though a year ago both parents spoke out against conceiving a child within the next two years. Additionally, for 17% of the children the couple did not yet reach consensus with respect to the children question. In the case of dissent, it depends on the couples‘ constellations of childbearing preferences, whether or not the egalitarian rule is confirmed by the birth of a child. The authors recognize the necessity of developing a new or extended comprehension of fertility. They pick up the existing approaches analyzing fertility in a partnership context. However, it is proposed to regard the life of couples not only as a combination of intentions and the general framework of their realizations, utility approach, theory of planned behavior, theory of conjunctural action (TCA) but also as an assessment of everyday routines. Yet, in the everyday life of couples, sexuality does not only serve for reproduction. For this reason, pregnancies also result constantly as unintended consequences of couples having sex, who not yet have decided about a joint future with a child.

Key words: desire of having a child, fertility intention, parenthood, utility maximization, utility approach, theory of planned behavior, theory of conjunctural action (TCA)


Florien Kruse (pp. 228-248)

Stagnation or transformation of attitudes towards the nurturing father? Comparative analysis in nine European countries for 1999 and 2008-2009

There is a large body of cross-national research on attitudes towards maternal employment. However, little cross-national studies exist mapping attitudes towards father’s involvement and how they evolve over time. The aim of this paper is to enhance our understanding of the factors that relate to the attitudes towards father’s involvement by providing a rich comparison over time, country and inter-country factors by using the European Value Survey that included the following statement in 1999 and 2008-2009: In general, fathers are as well suited to look after their children as mothers. Special focus will be put on the influence of the welfare regime, age and gender. A descriptive analysis over time with age is given, to identify an intra-cohort change or cohort replacement, to explain the change of attitudes. Overall, most countries do not experience a significant absolute shift, only Great Britain, France and Spain become more supportive. Furthermore, attitudes towards fathers’ involvement seem to fit the standard welfare typology. However, Spain and Poland were much more progressive than expected. The cohort replacement effect seems to be prevalent in Spain and France. Education level and having children only seem to be of influence in the attitude formation by women.

Key words: fatherhood, attitudes, welfare state, European Values Survey

Stagnieren oder wandeln sich die Einstellungen in Richtung eines sich kümmernden Vaters? Vergleichende Analyse in neun europäischen Ländern in den Jahren 1999 und 2008-2009

Zu den Einstellungen zur Müttererwerbstätigkeit liegt umfangreiche länderübergreifende Literatur vor. Es gibt jedoch nur wenige länderübergreifende Studien, die die Einstellungen zur väterlichen Beteiligung an der Pflege und Erziehung der Kinder abbilden und darlegen, wie sich diese im Zeitverlauf entwickelt haben. Dieser Artikel verfolgt das Ziel, unser Verständnis der Faktoren, die mit den Einstellungen zur väterlichen Beteiligung zusammenhängen, mithilfe eines umfassenden Vergleiches von länderspezifischen und länderübergreifenden Faktoren über die Zeit zu erfassen, indem der European Values Survey genutzt wird, in welchem sich folgendes Statement in den Befragungen der Jahre 1999, 2008 und 2009 findet: „In general, fathers are as well suited to look after their children as mothers“. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf den Einfluss der Wohlfahrtsstaatsregime, das Alter und das Geschlecht der Befragten gelegt. Eine altersbezogene deskriptive Analyse über den Zeitverlauf wurde durchgeführt, um einen Einstellungswandel innerhalb von Kohorten oder bei einem Kohortenaustausch zu identifizieren. Insgesamt kann es in den meisten Ländern nicht zu signifikanten absoluten Verschiebungen, nur in Großbritannien, Frankreich und Italien wurde mehr Unterstützung für fürsorgliche Väter gezeigt. Darüber hinaus scheinen die Einstellungen gegenüber die Väterbeteiligung der Standardtypologie der Wohlfahrtsstaaten zu entsprechen. In Spanien und Polen waren sie jedoch fortschrittlicher als erwartet. Ein Kohortenaustauscheffekt scheint in Spanien und Frankreich vorzuherrschen. Das Bildungsniveau und das Vorhandensein eigener Kinder scheint nur bei Frauen Einfluss auf das Entstehen der Einstellungen zu nehmen.

Schlagwörter: Vaterschaft, Einstellungen, Wohlfahrtsstaat, European Values Survey