Volume 28 (2016) – Issue 1

28. Jahrgang (2016) – Heft 1

Content | Inhalt

Jette Schröder, Claudia Schmiedeberg & Josef Brüderl: Beyond the two-child family: Factors affecting second and third birth rates in Germany

Katharina Lutz: Der kurvige Weg zurück in den Arbeitsmarkt. Erwerbsunterbrechungen und Berufswechsel von Müttern nach der Geburt ihres ersten Kindes

Helene Dearing: Designing gender-equalizing parental leave schemes – What can we learn from recent empirical evidence from Europe?

Henrik Pruisken, Katrin Golsch & Martin Diewald: Berufliche Aspirationen von Jugendlichen als Ergebnis geschlechtsspezifischer elterlicher Ungleichbehandlung

Kirsten Wüst: Ich bin glücklicher, wenn ihr mir helft, selbst Entscheidungen zu treffen – Zufriedenheit und Zukunftserwartungen von Siebzehnjährigen (2006-2013)

Anette Eva Fasang, Johannes Huinink & Matthias Pollmann-Schult: Aktuelle Entwicklungen in der deutschen Familiensoziologie: Theorien, Daten, Methoden


Abstracts and keywords | Zusammenfassungen und Schlagwörter

Jette Schröder, Claudia Schmiedeberg & Josef Brüderl (pp. 3-18)

Beyond the two-child family: Factors affecting second and third birth rates in West Germany

Based on retrospective data from the German Family Survey (DJI Familiensurvey) 2000, we investigate factors associated with the transition from the second to the third child for West German women of the birth cohorts 1944-1979 and contrast them to the determinants of the transition from the first to the second child. Applying event history analysis, we confirm effects of timing and spacing of children and mothers’ labor force participation reported in previous studies. In addition, we find a higher third birth rate for women with two children of the same sex, who might wish to have a child of the opposite sex. Further, we find a higher third birth rate for women with two or more siblings, which we interpret as transmission of family values. Finally, women with a new partner since the first birth as well as women with a new partner since the second birth show higher third birth rates, which might result from a union-confirmation effect of shared children in combination with a two child norm.

Key words: fertility, higher parity births, third child, second child, Germany, event history analysis

Einflussfaktoren auf die Übergangsraten zur zweiten und dritten Geburt in Westdeutschland

Anhand von Retrospektivdaten des DJI Familiensurvey 2000 untersuchen wir die Einflussfaktoren auf den Übergang vom zweiten zum dritten Kind für westdeutsche Frauen der Geburtskohorten 1944-1979 und stellen sie denen des Übergangs vom ersten zum zweiten Kind gegenüber. Anhand von Ereignisdatenanalysen bestätigen wir die aus früheren Studien bekannten Effekte von Alter und Berufstätigkeit. Wir finden eine höhere Übergangsrate zur dritten Geburt für Frauen mit zwei gleichgeschlechtlichen Kindern, die sich vermutlich noch ein Kind des anderen Geschlechts wünschen. Darüber hinaus finden wir eine höhere Übergangsrate zur dritten Geburt für Frauen, die selbst zwei oder mehr Geschwister haben, was wir als Transmission von Familienwerten interpretieren. Zudem haben Frauen, die seit der Geburt des ersten oder des zweiten Kindes den Partner gewechselt haben, eine höhere Übergangsrate zur dritten Geburt, was unter Umständen auf den Wunsch, die Beziehung durch gemeinsame Kinder zu bestätigen, in Kombination mit einer Zwei-Kind-Norm zurückzuführen ist.

Schlagwörter: Fertilität, Geburten höherer Parität, drittes Kind, zweites Kind, Deutschland, Ereignisdatenanalyse


Katharina Lutz (pp. 19-37)

Der kurvige Weg zurück in den Arbeitsmarkt. Erwerbsunterbrechungen und Berufswechsel von Müttern nach der Geburt ihres ersten Kindes

Die Erwerbsverläufe von Frauen sind in Deutschland weiter stark durch familiäre Unterbrechungen geprägt. Der vorliegende Beitrag betrachtet zwei Aspekte des mütterlichen Erwerbsverlaufs nach der Geburt des ersten Kindes: die Dauer bis zur Rückkehr in den Arbeitsmarkt und berufliche Wechsel, und zwar in Abhängigkeit vom vor der Geburt ausgeübten Beruf. Auf Basis der neoklassischen Theorie des Arbeitsangebots und der Theorie der Sozialen Produktionsfunktion wird die These aufgestellt, dass Frauen den Nutzen der Familienzeit mit dem Nutzen der Arbeitszeit vergleichen und der Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt und in den Herkunftsberuf von dieser Nutzenkalkulation abhängt. Die empirische Untersuchung auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels zeigt, dass psychische Belastungen im Herkunftsberuf Frauen nach der Geburt des ersten Kindes eher veranlassen, den Beruf zu wechseln. Ein hohes Einkommen vor der Geburt wirkt beschleunigend auf den Wiedereintritt in den Arbeitsmarkt ohne beruflichen Wechsel.

Schlagwörter: Müttererwerbstätigkeit, Erwerbsunterbrechung, Vereinbarkeit, berufliche Charakteristika, Berufswechsel

The winding road back to the labor market: Labor market return and job change of mothers after the birth of a first child

Women’s careers in Germany are strongly shaped by employment interruptions following child birth. This article examines the duration of employment interruption and job changes after the birth of a first child, employing the occupational characteristics of the job held before the familyrelated break as central predictors. In line with economic theory of labor supply and the theory of social production function, we argue that mothers compare the benefits of family time and the benefits of employment before they decide to return to the labor market. The empirical analysis uses data from the German Socio-Economic Panel and reveals that psychological strains in the job held before the birth increase the likelihood of a job change after a family-related break. A high income before the birth accelerates women’s return to the labor market without a job change.

Key words: maternal employment, employment interruption, reconciliation, occupational characteristics, job change


Helene Dearing (pp. 38-64)

Designing gender-equalizing parental leave schemes – What can we learn from recent empirical evidence from Europe?

This article conducts a systematic review exploring the link between parental leave policies and the gender division of labour. The reviewed material encompasses quantitative empirical articles that study the effect of a variation in leave policies on mothers’ integration into the labour market and on fathers’ engagement in family work. The analysis focuses on studies that were (i) conducted between January 2000 and May 2014, (ii) conducted in European countries, (iii) published in peer-reviewed journals and (iv) written in English or German. The analysis suggests that there are several aspects of parental leave that seem to be especially relevant in designing genderequalizing parental leave schemes. With regard to the effects of leave on mothers’ employment, it seems crucial that the duration of leave and payments provided is of a moderate length. With regard to the effects of leave on fathers’ engagement in family work, it seems most important to provide leave that is explicitly reserved for fathers. In addition, studies consistently find that leave policies affect women very differently with regard to their levels of education and income.

Key words: parental leave, gender equality, women’s labour force participation, fatherhood, domestic division of labour

Eine geschlechtergerechte Ausgestaltung von Elternzeitpolitik in Europa – was können wir aus den jüngsten empirischen Befunden aus verschiedenen europäischen Ländern lernen?

Der Beitrag erarbeitet eine systematische Literaturanalyse jener empirisch-quantitativen Literatur, die sich mit dem Einfluss von Elternzeit auf eine ausgeglichene Arbeitsaufteilung zwischen Frauen und Männern beschäftigt. Dabei werden jene Studien untersucht, welche 1. Daten aus Europa heranziehen, 2. zwischen Januar 2000 und Mai 2014 durchgeführt, 3. in referierten Zeitschriften publiziert und 4. auf Englisch oder Deutsch verfasst wurden. Die Analyse des Materials erlaubt es, jene Merkmale eines Elternzeitmodells zu identifizieren, welche besonders relevant für eine gleiche Arbeitsaufteilung zwischen Männern und Frauen sind. Erstens ist die Bereitstellung einer mittleren Dauer von Elternzeit besonders wichtig, um die Integration von Frauen auf den Erwerbsarbeitsmarkt zu fördern. Zweitens hat besonders die Einführung eines Elternzeitanspruchs alleine für Väter eine positive Auswirkung auf deren Beteiligung im Bereich der unbezahlten Familienarbeit. Des Weiteren zeigen die Ergebnisse, dass sich der Effekt von Elternzeit auf Frauen in der Erwerbsarbeit je nach dem Bildungs- und Einkommensniveau unterschiedlich gestalten kann.

Schlagwörter: Elternzeit, Elterngeld, Gleichstellung der Geschlechter, Erwerbstätigkeit der Mütter, Väterbeteiligung an der Familienarbeit, Arbeitsaufteilung zwischen den Geschlechtern


Henrik Pruisken, Katrin Golsch & Martin Diewald (pp. 65-86)

Berufliche Aspirationen von Jugendlichen als Ergebnis geschlechtsspezifischer elterlicher Ungleichbehandlung

Mit Blick auf geschlechtsspezifische Ungleichheiten innerhalb von Familien untersuchen wir den Einfluss von unterstützendem Erziehungsverhalten auf den sozio-ökonomischen Status des angestrebten Berufs von Jugendlichen. Ausgehend von Theorien und Erkenntnissen geschlechtsspezifischer Sozialisationsforschung prüfen wir, ob sich der Einfluss der unterstützenden Erziehung in den vier geschlechtsspezifischen Eltern-Kind-Dyaden unterscheidet und wie sich eine Ungleichbehandlung von Geschwistern durch die Eltern auswirkt. Als Datengrundlage verwenden wir die Jugend-Daten des Sozio-oekonomischen Panels (2001-2013). Mit Hilfe multivariater Regressionsmodelle zeigen wir, dass insbesondere die Unterstützung des Vaters für die Entwicklung der beruflichen Ziele relevant ist. Jungen profitieren zudem davon, wenn sich der Vater stärker engagiert als die Mutter, wobei es sich für Frauen positiv auswirkt, wenn sich beide Eltern gleichermaßen in der Unterstützung des Kindes engagieren. Der Effekt der Ungleichbehandlung von Geschwistern zeigt sich in Geschwister Fixed-Effects-Modellen insbesondere bei gleichgeschlechtlichen Geschwistern.

Schlagwörter: Geschwisterunterschiede, Geschlechterunterschiede, berufliche Ziele, Familie, unterstützende Erziehung, elterliche Ungleichbehandlung, innerfamiliäre Ungleichheit

Occupational aspirations of adolescents as a result of gender-specific differential parental treatment within families

With the focus on gender inequalities within families, we examine the influence of supportive parenting on the socio-economic status of the desired occupation of adolescents. On the basis of theories and findings of gender-specific socialization research, we examine whether the effect of supportive parenting differs between the four gender-specific parent-child dyads and what consequences a differential parental treatment of siblings has. We examine these topics with the youth dataset of the German Socio-Economic Panel (2001-2013). Using multivariate regression models, we find that in particular the support of the father is relevant for the development of the occupational aspirations. A stronger support from the father, as compared to the mother, has a positive influence especially for young men, whereas women have higher occupational aspirations when both parents provide equal support. With sibling-fixed-effects models, we show that the effect of differential parental treatment of siblings is particular relevant for same-sex siblings.

Key words: sibling differences, gender differences, occupational aspirations, family, supportive parenting, parental differential treatment, within-family inequality


Kirsten Wüst (pp. 87-111)

Ich bin glücklicher, wenn ihr mir helft, selbst Entscheidungen zu treffen – Zufriedenheit und
Zukunftserwartungen von Siebzehnjährigen (2006-2013)

Unter Verwendung des repräsentativen SOEPPanels (DIW Berlin) wird ein Strukturgleichungsmodell zur Erklärung der Bedingungsfaktoren für die aktuelle Zufriedenheit und die Zukunftsperspektive für Jugendliche, die in den Jahren 2006 bis 2013 siebzehn Jahre alt waren, geschätzt. Die befragten Jugendlichen geben insgesamt eine hohe Zufriedenheit an und schätzen ihre beruflichen Zukunftsaussichten als relativ gut ein. Es können starke Effekte der Persönlichkeit auf das Gefühl der Jugendlichen, Kontrolle über ihr Leben zu haben, und damit auf Zufriedenheit und Zukunftserwartungen ausgemacht werden. Das wertschätzende Verhalten der Eltern, das von deren eigener Zufriedenheit positiv beeinflusst wird, fördert ebenfalls die Attribution der Kontrollierbarkeit und wirkt sich so positiv auf die Zufriedenheit der Jugendlichen aus. Gymnasiasten sind zufriedener als Realschüler und -schülerinnen, allerdings zeigt sich kein signifikanter Unterschied der Zukunftserwartungen zwischen den Schularten. Für das wertschätzende Verhalten der Eltern lassen sich aber für Schüler und Schülerinnen der unterschiedlichen Schularten Unterschiede festmachen.

Schlagwörter: Zukunftsperspektive, Jugendliche, Strukturgleichungsmodell, Wertschätzung, Zufriedenheit, Attribution

Make me happy! – Help me decide by myself! – Life satisfaction and expectations for the future of seventeen-year-olds (2006-2013)

We estimate a structural equation model using the representative SOEP-panel (DIW Berlin) to find the explaining factors for life satisfaction and expectations for the future of young people being seventeen years old in the years 2006 to 2013. The respondents state a high life satisfaction and rate their future positively. The personality of the respondents has a strong effect on their feeling to have control over their life and on life satisfaction in general and expectations for the future. Also, a supporting and appreciating attitude of parents which is positively influenced by their own satisfaction,strengthens the satisfaction of young people. The satisfaction varies between school types, however no significant differences can be found regarding pupils’ expectations of the future.

Key words: Expectations for the future, young people, structural equations model, appreciation, satisfaction, attributional styles


Anette Eva Fasang, Johannes Huinink & Matthias Pollmann-Schult (pp. 112-143)

Aktuelle Entwicklungen in der deutschen Familiensoziologie: Theorien, Daten, Methoden

Wie und in welchen Bereichen hat sich in den letzten 10 Jahren unser Wissen von familialen Strukturen und Dynamiken sowie den Ursachen ihres Wandels verbessert? Wo liegen die inhaltlichen Schwerpunkte der Forschung und welche Fragestellungen werden vernachlässigt? Welche Methoden werden in der empirischen Familienforschung verwendet, und welche Daten stehen zur Verfügung? Der Beitrag resümiert den Diskussions- und Forschungsstand zu diesen Fragen in der deutschen Familiensoziologie unter Bezugnahme auf die internationale Literatur. Neben einer Bestandsaufnahme der Forschungsschwerpunkte in den letzten 10 Jahren und einem Überblick über verfügbare Daten und Methoden fokussieren die Autoren auf die Identifikation von aktuellen inhaltlichen Forschungslücken und methodischen Defiziten. Es werden in drei Thesen Forderungen an die aktuelle sozialwissenschaftliche Familienforschung formuliert: Eine zeitgemäße, sozialpolitisch relevante familiensoziologische Forschung muss 1) neben strukturellen Faktoren stärker subjektive, kulturelle und soziale Einflussfaktoren familialen Wandels berücksichtigen; 2) mehr belastbares Wissen über die Leistungen und die Leistungsfähigkeit der Familie in unserer Gegenwartsgesellschaft gewinnen; und 3) sich stärker in angrenzende Forschungsbereiche einmischen, u.a. Bildung, Ungleichheit und Migration.

Schlagwörter: Familiensoziologie, Deutschland, Überblick, Theorien, Daten, Methoden

Current trends in German family sociology – Theories, data, and methods

How and in which areas did our knowledge of family structures, family dynamics and the determinants of family change improve in the past decade? Which substantive areas receive most attention and which questions are underresearched? Which methods are commonly applied in empirical family research and what can we say about data availability? This article reviews the current discussion and recent research on these questions in German family sociology in the context of the international literature. Next to a review of the substantive research foci in the past decade and an overview of available data and methods, we focus on identifying current substantive research gaps and methodological deficits. We formulate three requests for current family research in the social sciences: a timely family sociology that is relevant for social policy has to 1) pay more attention to subjective, cultural and social influences on family change beyond its structural determinants; 2) generate more knowledge on the contributions and capabilities of families in our contemporary society; and 3) intervene more forcefully into adjacent research areas including education, stratification and migration.

Key words: family sociology, Germany, review, theories, data, methods