Volume 26 (2014) – Issue 3

26. Jahrgang (2014) – Heft 3

Content | Inhalt

Henriette Engelhardt: Introduction to the special issue on: Timing and spacing of births: Effects for parents and children

Uta Brehm & Sandra Buchholz: Is there a wrong time for a right decision? The impact of the timing of first births and the spacing of second births on women’s careers

Tobias Putz & Henriette Engelhardt: The effects of the first birth timing on women’s wages: A longitudinal analysis based on the German Socio-Economic Panel

Henriette Engelhardt & Jessica Schreyer: Timing of first birth and well-being in later life

Friederike Schlücker & A. Raphaela Blumenfelder: Effects of age at first birth on health of mothers aged 45 to 56

Claudia Karwath, Ilona Relikowski & Monja Schmitt: Sibling structure and educational achievement: How do the number of siblings, birth order, and birth spacing affect children’s vocabulary competences?


Abstracts and keywords | Zusammenfassungen und Schlagwörter

Uta Brehm & Sandra Buchholz (pp. 269-301)

Gibt es einen falschen Zeitpunkt für eine richtige Entscheidung? Der Einfluss des Timings der Erstgeburt und des Spacings der Zweitgeburt auf die Karrieren von Frauen

Die Frage nach einer erfolgreichen Vereinbarkeit von Familie und Beruf stellt sich insbesondere in Westdeutschland, wo der institutionelle und normative Rahmen Mütter ermutigt, mehrere Jahre für die Betreuung ihrer Kleinkinder zuhause zu bleiben. Trotz umfassender Forschung zum Thema blieben bisher die Fragen offen, inwiefern weibliche Karrieren durch die zeitliche Einbettung der überwiegend zwei Geburten in die Erwerbsbiografien beeinflusst werden und ob sich Bildungsgruppen darin unterscheiden.

Bisher konzentrierte sich die Forschung dahingehend vor allem auf das Timing der Erstgeburt: Um sich fest am Arbeitsmarkt zu etablieren scheint eine gewisse Verzögerung der Erstgeburt hilfreich. Bezüglich des Spacings zwischen Erst- und Zweitgeburt liegen hingegen zwei Strategien nahe: Entweder bekommen Frauen ihre Kinder kurz nacheinander um danach
endgültig an den Arbeitsmarkt zurückzukehren, oder sie nutzen einen langen Abstand zwischen den Kindern für eine berufliche Episode.

Mithilfe eines NEPS-Samples zweifacher Mütter kann die Studie aufzeigen, dass ihr berufliches Prestige zwischen Karriereeinstieg und dem Alter 45 insbesondere von der Episode nach der ersten Geburt beeinträchtigt wird. Obwohl dies nicht durch ein bestimmtes Timing bedingt ist, erweist sich das Timing höher gebildeter Frauen als am wenigsten nachteilig. Für das Spacing zeigt sich, dass nur höher gebildete Frauen nach ihren Betreuungsphasen noch Prestige anhäufen können, so sie denn ihre Kinder im kurzen Abstand zueinander bekommen. Die Prestigeentwicklung von Frauen mit geringerer Bildung hingegen wird nicht wesentlich durch das Spacing vermindert, außer sie entscheiden sich kurz nach der Geburt des ersten Kindes für die Rückkehr in einen Teilzeiterwerb.

Schlagworte: Timing, Spacing, Berufsprestige, weibliche Karriere

Is there a wrong time for a right decision? The impact of the timing of first births and the spacing of second births on women’s careers

The issue of how to reconcile family and work is particularly relevant in the light of West Germany’s institutional and normative framework which has been facilitating mothers of young children to withdraw from the labor market for some years. Though the topic has already been subject to academic debate, the questions remain if and how women’s careers are influenced by the way women embed their prevalently two births into their employment biographies as well as if educational groups differ in these effects.

So far, research has mainly focused on the first birth’s timing: aspirations to establish firmly on the labor market suggest a postponement of the first birth to some degree. The effect is less obvious for the spacing between first and second births: to avoid a detrimental career discontinuity, women can either choose a short spacing, blocking their periods of unpaid caregiving tightly for a quick and definite occupational return, or space their births widely, intermitting their parental leaves with periods of employment.

Using NEPS data for West German mothers of two, the study finds that compared to career entry, the occupational prestige at age 45 is severely impaired by the period after women’s first birth. While this is not affected by a specific timing, higher educated women tend to time their first births least detrimentally. With regard to the spacing, evidence suggests that only higher educated women can achieve to continue their prestige accumulation, namely by spacing their births very tightly. Lower and intermediately educated women’s prestige, in contrast, cannot be impaired considerably by their spacing behavior, unless they decide to return to part-time employment soon after their first birth.

Key words: timing, spacing, occupational prestige, female career


Tobias Putz & Henriette Engelhardt (pp. 302-330)

Die Einkommensseffekte des Zeitpunkts der ersten Geburt: Eine Längsschnittanalyse auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels

Während der Effekt einer Geburt auf das Einkommen unter dem Stichwort „motherhood wage gap“ bereits eingehend untersucht wurde, existieren bisher nur vereinzelt Arbeiten, die die Effekte des Zeitpunkts dieses Ereignisses analysieren. Die große Mehrheit bestehender Befunde basiert darüber hinaus auf amerikanischen Daten. Untersuchungen, die andere Datenquellen nutzen, wie zum Beispiel Studien auf Basis deutscher Daten, fehlen bisher fast vollständig. Der vorliegende Beitrag versucht diese Lücke zu schließen. Im Mittelpunkt steht dabei die Untersuchung des kausalen Effekts des Geburtszeitpunkts auf das Einkommen im weiteren Lebenslauf (bis zum 45. Lebensjahr). Die Schätzungen von Fixed-Effects-Panel-Modellen mit Längsschnittdaten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) deuten darauf hin, dass die negativen Einkommenseffekte, die durch die Geburt des ersten Kindes entstehen, vor allem für solche Frauen beobachtet werden können, die ihr Kind zu einem relativ späten Zeitpunkt zur Welt bringen. Die negativen Effekte des Geburtstimings zeigen sich insbesondere für niedrig- und mittelgebildete Frauen sowie für verheiratete Frauen und verlieren für frühe Mütter mit dem Abstand vom Geburtsereignis an Einfluss. Darüber hinaus nehmen die negativen Effekte einer Geburt für späte Mütter mit der Länge der kindesbedingten Erwerbsunterbrechung zu. Im Gegensatz zur vorliegenden Literatur deuten die Befunde damit auf negative Einkommenseffekte durch eine späte Mutterschaft hin, so dass in Anlehnung an die bereits bekannte „motherhood wage gap“ eher von einer „late motherhood wage gap“ gesprochen werden kann.

Schlagwörter: motherhood wage gap, Erstgeburt, Geburtszeitpunkt, Einkommen, Arbeitsmarkt

The effects of the first birth timing on women’s wages: A longitudinal analysis based on the German Socio-Economic Panel

While the wage effects of a birth, the so-called “motherhood wage gap”, have already been analyzed in more detail, studies exploring the timing of this life event still tend to be rare. Moreover, the large majority of existing evidence on this topic is based on data from the United States. Research using other data sources, for example research based on German data, is almost completely missing. By focusing on the causal effects of the timing of the first birth on women’s wages in their subsequent life time (up to age 45), this paper seeks to contribute to this research gap. Based on longitudinal data of the German Socio-Economic Panel (SOEP), estimated fixed-effects panel models indicate that the negative wage effects of a first birth can primarily be observed for those women, who bear their first child relatively late. Furthermore, the estimated models provide evidence that the negative wage effects related to late motherhood can especially be observed for women with a low and intermediate level of education as well as for women who were married at first birth. Moreover, it seems that only young mothers experience an increase in their wages as the time since the first birth elapses. At last, yet for late mothers only, the negative effects of childbirth increase with the length of the work interruption around first birth. Overall, in contrast to the existing literature, these results indicate negative wage effects of a delayed first birth. Thus, according to the well-established “motherhood wage gap”, these results can be considered as indication for a “late motherhood wage gap”.

Key words: motherhood wage gap, first birth, birth timing, wage, labor market


Henriette Engelhardt & Jessica Schreyer (pp. 331-346)

Der Zeitpunkt der ersten Geburt und das Wohlbefinden im späteren Leben

In der Forschungsliteratur wird häufig ein negativer Zusammenhang zwischen einem frühen Zeitpunkt der ersten Geburt und dem Wohlbefinden im späteren Leben beobachtet. Die Effekte der späten Elternschaft werden durch eine Mischung aus unterschiedlichen sozialen und physiologischen Mechanismen sowie durch Selektionsprozesse für den Zeitpunkt der ersten Geburt bewirkt. Dieser Artikel erweitert bisherige Befunde durch Anwendung des Propensity Score Matching zur Schätzung der Effekte des Timings der ersten Elternschaft auf die Lebenszufriedenheit unter der Kontrolle beobachteter Selektivität. Durch eine Sensitivitätsanalyse mittels Rosenbaum Bounds werden Hinweise auf verbleibende unbeobachtete Selektivität gegeben. Die Analyse auf Basis der Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) zeigt, dass der Zeitpunkt der ersten Geburt keinen Einfluss auf das spätere Wohlbefinden von Frauen und Männer hat. Im Falle des naiven Schätzers sind die negativen Effekte früher Geburten und die positiven Effekte später Geburten für Frauen auf Selektionsprozesse zurückzuführen.

Schlagwörter: Elternschaft, Timing der ersten Geburt, Lebenszufriedenheit, Wohlbefinden, Propensity Score Matching

Timing of first birth and well-being in later life

A large body of literature has documented a negative association between early childbearing and well-being in later life. The effects of late parenthood are mixed, due to different social and physiological mechanisms as well as selection processes for the timing of first birth. This article extends the literature by employing propensity score matching to estimate effects of birth timing on life satisfaction net of observed selectivity. A sensitivity analysis using Rosenbaum bounds provides hints on remaining unobserved selectivity. The analysis of data from the German Socio-Economic Panel shows that the timing of first birth has no effect on well-being in later life both for women and men. In the case of the naïve estimator, the negative effects of early births and positive effects of late births for women are caused by selection processes.

Key words: parenthood, age at first birth, life satisfaction, well-being, propensity score matching


Friederike U. Schlücker & A. Raphaela Blumenfelder (pp. 347-371)

Effekte des Alters der Mutter bei Erstgeburt auf ihre Gesundheit im Alter zwischen 45 und 56 Jahren

Anhand der Daten des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) für 13 europäische Länder wird der Zusammenhang zwischen dem Alter der Mutter bei Erstgeburt und ihrer Gesundheit im Alter von 45 bis 56 Jahren untersucht. Im Vergleich zu Müttern, die ihr erstes Kind im mittleren Alter bekommen haben, zeigen sich signifikant höhere Erkrankungsrisiken unter jungen Erstgebärenden. In einem ersten Schritt wird gezeigt, dass dieser Effekt auch unter Berücksichtigung von Selektionseffekten, welche das Alter bei Erstgeburt bestimmen, weitgehend bestehen bleibt. Anschließend wird untersucht, ob sich der biosoziale Ansatz, der den negativen Effekt früher Geburten auf die spätere Gesundheit anhand geringerer sozialer und ökonomischer Ressourcen im Lebensverlauf von jungen Müttern erklärt, bestätigt. Die Ergebnisse zeigen jedoch, dass sich ein junges Alter bei Erstgeburt auch unter Berücksichtigung von gesundheitsrelevanten Ressourcen im Lebensverlauf negativ auf die Gesundheit auswirkt. Mögliche Erklärungen liegen in der Operationalisierung der gesundheitsrelevanten Ressourcen und in unbeobachteten Effekten. Aufgrund von Datenbeschränkungen konnten Indikatoren zur Bildungs- und Berufshistorie und zur sozialen Unterstützung, die vom Alter bei Erstgeburt abhängig sein können und die spätere Gesundheit beeinflussen, nicht berücksichtigt werden. Die Ergebnisse zeigen Mechanismen kumulativer sozialer Ungleichheit auf, wenn benachteiligte Frauen jünger Mütter werden und dadurch ihre Gesundheitsrisiken zusätzlich verstärkt werden.

Schlagwörter: Mutterschaft, Gesundheit, junge Mütter, Alter bei Erstgeburt

Effects of age at first birth on health of mothers aged 45 to 56

Employing the data from the Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) for 13 European countries, we analyse the relationship between mother’s age at first birth and her health at age 45 to 56. Compared to mothers who gave birth at middle age, we found a significantly higher risk of illness among young first-time mothers. In a first step, we show that this effect largely remains after controlling for selection effects which determine age at first birth. Next, we examine whether the biosocial view could be confirmed. This approach explains the negative effect of early births on later health through a lack of social and economic resources during young mothers’ life course. Thus, fewer resources are expected to affect health outcomes. However, the results indicate that the negative effect of young age at first birth remains even after controlling for health-related resources throughout the life course. The operationalisation of health-related resources as well as unobserved effects might be regarded as possible explanations for this. Due to data restrictions, indicators for educational history, job history and social support, that are all likely to depend on age at first birth and also affect later health, could not be taken into account. The results identify mechanisms of cumulative social inequality when disadvantaged women become mothers at younger age and thereby further increase their risk of disease.

Key words: motherhood, health, young mothers, birth timing


Claudia Karwath, Ilona Relikowski & Monja Schmitt (pp. 372-396)

Geschwisterstrukturen und Bildungserfolg: Zur Bedeutung von Geschwisteranzahl, Geburtenreihenfolge und Geburtenabstand für die Wortschatzkompetenzen von Grundschulkindern

Empirische Befunde weisen auf einen Einfluss von Geschwisterstrukturen auf den Bildungserfolg von Kindern hin: Während der negative Einfluss der Geschwisteranzahl als unstrittig gilt, zeigen sich unterschiedliche Ergebnisse hinsichtlich Geburtenreihenfolge und Geburtenabstand. Nach der Resource-Dilution-Hypothese können Disparitäten im Bildungserfolg darauf zurückgeführt werden, dass Ressourcen bei bestimmten familialen Strukturen aufgeteilt werden müssen. Kinder mit einer größeren Geschwisteranzahl, später geborene Kinder sowie Geschwister mit kurzen Geburtenabständen können durch geringere zur Verfügung stehende Ressourcen im Bildungserwerb benachteiligt sein. Mithilfe der Längsschnittstudie BiKS-8-14 werden Geschwistereffekte bei Kindern am Ende der Grundschulzeit hinsichtlich ihrer Wortschatzkompetenzen untersucht. Die Ergebnisse deuten auf einen negativen Effekt größerer Geschwisteranzahl hin, insbesondere bei niedrigem familialen Bildungshintergrund. Mit Blick auf die Geburtenreihenfolge können Nachteile im Wortschatz lediglich für später geborene Kinder aus Familien mit niedrigen Bildungsniveaus festgestellt werden. Hingegen zeigen sich keine Effekte beim Geburtenabstand zu jüngeren
Geschwistern, sobald die Anzahl der Geschwister berücksichtigt wird, während sich ein größerer Geburtenabstand zu einem älteren Geschwisterkind positiv auf den Wortschatz auswirkt. Weiterhin erweisen sich die Auswirkungen von Geschwisterstrukturen am
Ende der Grundschulzeit als äußerst konstant.

Schlagwörter: Geschwister, Geschwisteranzahl, Geburtenreihenfolge, Geburtenabstand, Bildungserfolg, Längsschnittstudie, familiale Ressourcen

Sibling structure and educational achievement: How do the number of siblings, birth order, and birth spacing affect children’s vocabulary competences?

Empirical evidence suggests that sibling structure influences children’s educational outcomes: While the negative effect of the number of siblings is quite consistent, there are mixed findings for birth order and birth spacing. According to the resource dilution hypothesis, differences between siblings occur because siblings have to share family resources. Having a larger number of siblings, being a later-born child as well as narrow age gaps between siblings can affect the parental resources available for each child, which may thus negatively affect educational outcome. To study the effects of sibling structure, we use longitudinal data from the BiKS-8-14 study at the end of elementary school, focusing on children’s vocabulary competences.
Our results indicate an expected negative effect for increasing number of siblings particularly when children originate from families with a lower educational background. Regarding birth order, we also find differential effects by parents’ education, as only children from less educated families suffer from being a later-born child. No effects can be identified for children’s birth gaps in relation to younger siblings as soon as number of siblings is being considered, whereas longer spacing between a child and his/her older siblings is positively related to vocabulary competences. With respect to possible changes across time, sibling effects appear to be rather stable at the end of primary education.

Keywords: sibling structure, number of siblings, birth order, birth spacing, educational outcome, longitudinal study, family resources