Volume 26 (2014) – Issue 2

26. Jahrgang (2014) – Heft 2

Content | Inhalt

Heiko Rüger, Michaela Schier, Michael Feldhaus & Tammy Ries: Einstellungen zur Akzeptanz räumlicher Distanz in erwerbsbedingt multilokalen Lebensformen

Anna Dechant, Harald Rost & Florian Schulz : Die Veränderung der Hausarbeitsteilung in Paarbeziehungen. Ein Überblick über die Längsschnittforschung und neue empirische Befunde auf Basis der pairfam-Daten

Swantje Reimann & Dorothee Alfermann: Zum Einfluss der Elternschaft auf die Karriereorientierung von Ärztinnen. Eine Fallrekonstruktion

Rahel Heeg, Michaela Paul & Wassilis Kassis: Zur Bedeutung der Eltern-Kind-Beziehung für die physische Gewaltausübung jugendlicher Mädchen – Ergebnisse einer mixed-methods-Studie

Heiner Meulemann : Erfolg und Kontinuität im beruflichen Lebenslauf. Die Planung des Ruhestands in der späten Lebensmitte einer Kohorte ehemaliger Gymnasiasten

Birgit Leyendecker, Alexandru Agache & Stefanie Madsen: Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit (NUBBEK) – Design, Methodenüberblick, Datenzugang und das Potenzial zu Mehrebenenanalysen


Abstracts and keywords | Zusammenfassungen und Schlagwörter

Heiko Rüger, Michaela Schier, Michael Feldhaus & Tammy Ries (pp.121-143)

Einstellungen zur Akzeptanz räumlicher Distanz in erwerbsbedingt multilokalen Lebensformen

Im Kontext hoher Anforderungen an die räumliche Flexibilität von Erwerbstätigen werden erwerbsbedingt multilokale Lebensformen, in denen mindestens ein Partner aus beruflichen Gründen einen Teil des Jahres nicht an dem gemeinsamen Hauptwohnort des Paares oder der Familie verbringt, zunehmend bedeutsam. Vor diesem Hintergrund untersucht der Beitrag die Rolle der Einstellungen zur akzeptierten räumlichen Distanz in Paarbeziehungen. Grundlage sind Paneldaten der Studie „Job Mobilities and Family Lives in Europe“ (2007 und 2010/11), die in Deutschland, Frankreich, Spanien und der Schweiz erhoben wurden (N=1.189). Berechnet werden Pfadmodelle im Cross-Lagged-Panel-Design. Die Ergebnisse zeigen zunächst eine höhere räumliche Distanzakzeptanz in Paarbeziehungen bei Personen, die berufsbedingt multilokal leben. Die Längsschnittanalysen legen nahe, dass dieser Zusammenhang in erster Linie auf Anpassungsprozessen zu beruhen scheint. So führen Multilokalitätserfahrungen zu Veränderungen der Einstellungen in Richtung einer stärkeren Distanzakzeptanz. Weitere Selektionsprozesse konnten im Zeitverlauf hingegen nicht nachgewiesen werden, wofür unter anderem ein bereits zum ersten Erhebungszeitpunkt hoher Grad an Selektivität verantwortlich sein könnte.

Schlagwörter: erwerbsbedingte Multilokalität, Einstellungen, Beziehungskonzepte, räumliche Nähe und Distanz, berufsbedingte räumliche Mobilität, Cross-Lagged-Panel-Design, Selektions-/Anpassungseffekte

Attitudes towards the acceptance of spatial distance in work-related multi-local living arrangements

Work-related multi-local living arrangements describe those living arrangements in which, due to occupational reasons, at least one partner is absent from the communal residence of the partners or the family for a substantial part of the year. In the context of high requirements concerning spatial flexibility of employees, such living arrangements have become increasingly important. Against this background, this paper examines the acceptance of spatial distance in intimate relationships. Analyses are based on panel data of the “Job Mobilities and Family Lives in Europe” study (2007 and 2010/11), collected in Germany, France, Spain and Switzerland (N=1.189). We used path modelling to conduct a cross-lagged panel analysis. Results show a higher acceptance of spatial distance in intimate relationships in individuals living multi-locally due to work-related spatial mobility requirements. Longitudinal analyses suggest that this correlation is primarily based on adaptation processes. Experiences of multilocal living arrangements lead to attitude changes towards a higher acceptance of spatial distance. However, further selection processes could not be detected, which might partially be explained by a high degree of selectivity at the first point of data collection.

Key words: work-related multi-locality, attitudes,relationship concepts, spatial proximity and distance,work-related spatial mobility, cross-lagged panel design, selection/adaptation processes


Anna Dechant, Harald Rost & Florian Schulz (pp.144-168)

Die Veränderung der Hausarbeitsteilung in Paarbeziehungen. Ein Überblick über die Längsschnittforschung und neue empirische Befunde auf Basis der pairfam-Daten

Der Beitrag untersucht die Veränderung der Hausarbeitsteilung im Partnerschaftsverlauf und gibt hierfür zunächst einen ausführlichen und umfassenden Überblick über den aktuellen Stand der Längsschnittforschung. Eigene Panelregressionsmodelle mit fixen Effekten auf Basis der pairfam-Daten bestätigen die bisher bekannten Befunde, dass in Deutschland eine weitgehend geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in Paaren vorliegt: Haushaltsroutinen wie Kochen, Putzen und Wäsche machen liegen überwiegend im Zuständigkeitsbereich der Frauen. Der Übergang zur Elternschaft verstärkt diese Hausarbeitsteilung deutlich. Darüber hinaus konnten Effekte des Bildungsniveaus im Paar und der Erwerbstätigkeit der Frau gezeigt werden, die im Einklang mit den gängigen Theorien stehen. Wir schließen mit der These, dass dieser Erkenntnisstand vor allem durch qualitative Längsschnittstudien erweitert werden kann, weil dadurch neue inhaltliche Dimensionen wie beispielsweise Einstellungen zu den Geschlechterrollen, Sozialisationserfahrungen oder Aushandlungsprozesse in Paaren detailliert abgebildet werden können.

Schlagwörter: Arbeitsteilung, Hausarbeit, Längsschnittstudie, Literaturüberblick, Deutschland, pairfam, Übergang zur Elternschaft

Changes in the division of housework among couples An overview of longitudinal research studies and new empirical findings based on data from the German Family Panel pairfam

This paper examines the changes in the division of housework over the course of relationships, first providing a detailed and comprehensive overview of the current status of longitudinal research on the subject matter. The findings available to date, revealing a largely gendered division of labor among German couples, were then confirmed using pairfam data and fixed-effects panel regression models: routine household tasks, such as cooking, cleaning, and doing laundry, remain predominantly “women’s work”. This division of housework is reinforced considerably with the transition to parenthood. Furthermore, effects of the couples’ levels of education and the women’s labor market participation could be illustrated in accordance with well-established theories. In conclusion, we suggest that this current state of knowledge can highly benefit from qualitative longitudinal studies, allowing for a detailed representation of new contextual dimensions such as attitudes towards gender roles, socialization experiences or negotiation processes among couples.

Key words: division of labor, housework, longitudinal study, literature review, Germany, pairfam, transition to parenthood


Swantje Reimann & Dorothee Alfermann (pp.169-198)

Zum Einfluss der Elternschaft auf die Karriereorientierung von Ärztinnen. Eine Fallrekonstruktion

Ziel: Anhand einer detaillierten Fallbeschreibung werden karriereförderliche- und hinderliche Bedingungen auf subjektiver und Paarebene rekonstruiert, denen Ärztinnen durch das kritische Lebensereignis Elternschaft ausgesetzt werden können. Um Aussagen struktureller Art treffen zu können, werden diesem Paar weitere Paare in minimalem und maximalem Kontrast dazugestellt, die in einem längsschnittlichen Design über vier bis sechs Jahre mindestens drei Mal interviewt wurden. Ergebnisse: Trotz egalitärer Rollenvorstellungen der Paare vor einer Schwangerschaft kann es zu Traditionalisierungseffekten durch den Übergang in eine Triade kommen, wobei Sozialisationserfahrungen aus der Ursprungsfamilie bedeutsam sind. Konflikte entstehen dann, wenn die Lebensbereiche Beruf und Familie für karriereorientierte Ärztinnen durch eine Elternschaft nicht an Bedeutung verlieren, sondern sie beides gleichzeitig wollen. Die damit verbundenen Anforderungen einlösen zu können, erfordert gerade auf Seiten der Frau ein hohes Maß an Organisation und Arrangement. Diskussion: Neben arbeitsstrukturellen und -organisatorischen Bedingungen und Strukturgebern, müssen individuelle Bedarfe der Ärztinnen in den Blick genommen werden, um beide Lebensbereiche zufriedenstellend ausfüllen zu können.

Schlagwörter: Doppelkarrierepaare, Ärztinnen, Karriereorientierung, Elternschaft

Parenthood as a turning point in the career orientation of women doctors

Aim: In order to find conditions that may promote or constrain the career of women doctors, we conducted longitudinal interviews with dual-career couples over a period of four to six years. Based on content analysis, we identified one couple for detailed analysis. For minimally and maximally contrasting these couples, we complemented our analysis by including additional couples for gaining more structured insights. Results: Despite egalitarian role concepts prior to pregnancy, it is through the transition into a triad that effects of traditionalism emerge for which, in turn, socialization effects from the family of origin are meaningful. Conflicts do arise when both the areas of professional and family life do not lose their relevance after entering parenthood. It requires a high degree of management for getting things organized, especially on the part of the women. Discussion: In addition to important structural and organizational working conditions that serve as important providers of structure, individual needs of women doctors have to be taken into account for enabling women doctors to perform satisfactorily in both areas of life.

Key words: dual career couples, women doctors, carrer orientiation, parenthood


Rahel Heeg, Michaela Paul & Wassilis Kassis (pp. 199-222)

Zur Bedeutung der Eltern-Kind-Beziehung für die physische Gewaltausübung jugendlicher Mädchen – Ergebnisse einer mixed-methods-Studie

Im Mittelpunkt dieses Artikels steht die Frage nach dem Erklärungsgehalt der theoretischen Konstrukte Erziehungsverhalten und Beziehungsdynamik zwischen Eltern und Heranwachsenden für die Gewaltentwicklung weiblicher Jugendlicher. Über ein sequenzielles mixed-methods-Design werden unterschiedliche Datenquellen (Interviews und Fragebogen) und Analysemethoden (grounded theory und Korrespondenzanalyse) verbunden. Im Rahmen des gewählten mixed-methods-Designs werden die Ergebnisse aus der Analyse von Interviews mit gewaltorientierten Mädchen mit den korrespondenzanalytischen Einsichten aus einer Fragebogenstudie verglichen (n= 243, Altersdurchschnitt = 15.2, SD = 1,91). Die Ergebnisse aus den Interviews und den Fragebogendaten zeigen eine hohe Heterogenität in der Art des Zusammenlebens von Familien Gewalt ausübender Mädchen. Es besteht ein starker Zusammenhang zwischen dem individuellen Gewalthandeln der untersuchten Mädchen und der spezifischen Dynamik des familiären Zusammenlebens. Der Einsatz unterschiedlicher theoretischer Konstrukte (Erziehungsverhalten und Beziehungsdynamik zwischen Eltern und Heranwachsenden) macht diese Dynamiken sichtbar und theoretisch reflektierbar.

Schlagwörter: Jugendgewalt; Mädchengewalt; mixed methods, Beziehungsdynamiken, Erziehungsstil

The importance of the parent-child relationship in understanding physical violence among teenage girls – Results of a mixed-methods study

This article addresses the question: What is the explanatory power of the theoretical constructs ‘parenting style’ and ‘parent-child relationship’ for understanding violence among teenage girls? Using a sequential mixed-methods design, we combined data from different sources (interviews and questionnaires) analysed by different methods (grounded theory and correspondence analysis). Within this mixed-methods design, we compared the results of the qualitative analysis of interviews with violence-orientated girls with the results of the correspondence analysis of the cross-sectional survey (n= 243, mean age= 15.2, SD = 1,91). There is a strong relationship between the form of violence applied by the girls and the characteristics of the family dynamics. The utilization of different theoretical constructs (i.e., parenting style and parent-child relationship) reveals these dynamics and enables theoretical reflection on this subject.

Key words: youth violence, girl violence, mixed methods, family dynamics, parenting style


Heiner Meulemann (pp.223-243)

Erfolg und Kontinuität im beruflichen Lebenslauf. Die Planung des Ruhestands in der späten Lebensmitte einer Kohorte ehemaliger Gymnasiasten

Je erfolgreicher die Berufslaufbahn von der Jugend bis zur Lebensmitte, desto eher will man die Berufstätigkeit bis zur und jenseits der Altersgrenze fortsetzen. Diese Kontinuitätshypothese wird im Kölner Gymnasiastenpanel untersucht, das ehemalige Gymnasiasten des 16. Lebensjahrs im 30., 43. und 56. Lebensjahr wiederbefragt. Zielvariablen sind (1) die aktuelle Berufstätigkeit; (2) die Wichtigkeit der Fortsetzung der Berufstätigkeit bis zum Ruhestand; und der Wunsch, danach die Berufstätigkeit (3) im alten oder (4) in einem neuen Beruf fortzusetzen. Prädiktoren sind der objektive und subjektive Berufserfolg und die Freizeitpräferenz bis zum 56. Lebensjahr, die soziale Herkunft und Aspirationen im 16. Lebensjahr. Die Wahrscheinlichkeit der aktuellen Berufstätigkeit (1) steigt mit dem objektiven und subjektiven Berufserfolg; die Neigung zur Fortsetzung der Berufslaufbahn (2-4) wächst allein mit dem subjektiven Berufserfolg. Die Kontinuitätshypothese wird in differenzierter Form bestätigt.

Schlagwörter: Lebenslauf, Berufserfolg, Jugend, Lebensmitte, Alter

Success and continuity in the occupational career. Planning retirement in late mid-life in a cohort of former German grammar school students

The more successful an occupational career has been between youth and mid-life, the more strongly an individual is inclined to continue it up to and beyond pension age. This continuity hypothesis is examined in a panel study, where former grammar school students of age 16 are reinterviewed at age 30, 43 and 56. Dependent variables are (1) being currently employed, (2) the importance to continue employment up to pension age, and the intention to continue employment beyond pension age (3) in the previous or (4) in a new occupation. Independent variables are the objective and subjective occupational success and leisure preferences up to age 56, and social origin as well as aspirations at age 16. The probability of being currently employed (1) increases with the objective and subjective occupational success; the intention to continue the occupational career (2-4) increases with the subjective occupational success. The continuity hypothesis is confirmed with qualifications.

Key words: life career, occupational success, youth, mid-life, old age


Birgit Leyendecker, Alexandru Agache & Stefanie Madsen (pp.244-258)

Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit (NUBBEK) – Design, Methodenüberblick, Datenzugang und das Potenzial zu Mehrebenenanalysen

Dieser Beitrag stellt die Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit (NUBBEK) vor. NUBBEK bietet eine empirische Basis zur Erforschung der familiären und außerfamiliären Betreuung von zweijährigen (n = 1242) und vierjährigen (n = 714) Kindern. Die Daten stammen aus den Jahren 2010 bis 2011; 27% der Kinder hatten einen türkischen oder einen russischen Migrationshintergrund. Die NUBBEK-Studie orientierte sich an einer sozialökologischen Konzeption von Bildung und Entwicklung. Orientierungsqualität, Strukturqualität sowie Prozessqualität wurden weitgehend parallel sowohl für das Betreuungssetting Familie erhoben als auch für 567 Krippen-, Kindergartenund Tagespflegegruppen. Das Design der Studie, die Stichprobe, die eingesetzten Verfahren (Beobachtungen, Interviews, Fragebögen, Testungen der Kinder) sowie ausgewählte Intraklassen-Korrelationskoeffizienten (ICC) für potenzielle Mehrebenanalysen werden vorgestellt. Die Daten sind ab Herbst 2014 im Datenarchiv von GESIS für Forschungseinrichtungen zugänglich.

Schlagwörter: Frühe Bildung, Qualität der Betreuung, türkische Kleinkinder, russische Kleinkinder, NUBBEK, Mütter, Väter, Erzieherinnen

NUBBEK – a national German study on early childhood education and care: Design, methods overview, data access, and the potential for multilevel analyses

This article introduces the German National Study on Early Childhood Education and Care (NUBBEK). NUBBEK offers an empirical basis for the study of care and education within and outside of the family for two- (n = 1242) and four-year old children (n = 714). Data were collected in 2010 and 2011; 27% of all children grew up in either Turkish or Russian immigrant families. NUBBEK adopted a socio-ecological perspective on education and care. Data on orientation, structure, and processes were gathered in a parallel fashion in both home environment and 567 external day care settings. The article provides information on the design of NUBBEK, the sample, the instruments (interviews, questionnaires, observations, tests), as well as on selected intra-class-coefficients (ICC) for potential multilevel-analyses. In fall 2014, the data will be available for the scientific community at the GESIS data archive.

Key words: early childhood education and care, quality of care, Turkish immigrant children, Russian immigrant children, NUBBEK, mothers, fathers, child care teachers.