Volume 25 (2013) – Issue 3

25. Jahrgang (2013) – Heft 3

Content | Inhalt

François Höpflinger, Stefanie Spahni & Pasqualina Perrig-Chiello: Persönliche Bilanzierung der Herausforderungen einer Verwitwung im Zeit- und Geschlechtervergleich

Ulrike Zartler & Caroline Berghammer: Turbulenzen im Kinderleben. Mütterliche Partnerschaftsbiographien und multiple Übergänge nach elterlicher Trennung

Katrin Beckh, Sonja Bröning, Sabine Walper & Eva-Verena Wendt: Liebesbeziehungen junger Erwachsener aus Scheidungsfamilien. Eine Beobachtungsstudie zur intergenerationalen Transmission des Scheidungsrisikos

Fabio Franzese & Ingmar Rapp: Der Einfluss von Arbeitslosigkeit auf das Trennungsrisiko von Ehen

Nicole Biedinger: „Was für mich selbst gut ist, kann meinen Kindern nicht schaden“. Der Einfluss der elterlichen Freizeitaktivitäten auf die Eltern-Kind-Aktivitäten

Anne-Kristin Kuhnt: Ja, nein, vielleicht? Der Einfluss der Partnerschaftsqualität auf die Übereinstimmung der Elternschaftsabsichten von Paaren


Abstracts and keywords | Zusammenfassungen und Schlagwörter

François Höpflinger, Stefanie Spahni & Pasqualina Perrig-Chiello (pp.267-285)

Persönliche Bilanzierung der Herausforderungen einer Verwitwung im Zeit- und Geschlechtervergleich

Bisherige Forschung hat die Verwitwung entweder primär als soziales oder als individuelles Ereignis untersucht, selten jedoch wurden beide Perspektiven verbunden. Zudem ist wenig darüber bekannt, inwiefern bisherige Forschungsergebnisse Perioden- oder Kohorteneffekte wiederspiegeln. In diesem Beitrag wird die persönliche Bilanzierung nach der Verwitwung älterer Schweizer Frauen und Männer im Geschlechter- und Zeitvergleich untersucht. Die Datenbasis beruht auf Befragungen von 1.197 verwitweten Frauen und Männern (Alter: 65- 102 Jahre), welche 1979, 1994 und 2011 durchgeführt wurden. Während sich die wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen nach einer Verwitwung – namentlich bei Frauen – im Zeitvergleich verbessert haben, zeigen sich bezüglich psychischer Herausforderungen einer Verwitwung keine periodenspezifischen Veränderungen. Psychisch bleibt der Partnerverlust auch bei günstigen Sozialbedingungen ein kritisches Lebensereignis, das individualisiert bewältigt werden muss.

Schlagwörter: Verwitwung, psychosoziale Herausforderungen, Geschlechterunterschiede, Zeiteffekte

Subjectively perceived challenges of widowhood – Gender differences and time effects

Research on bereavement has traditionally focussed on widowhood as either a social or individual event, but rarely under both perspectives. Furthermore, little is known whether existing research results mirror period or cohort effects. The aim of this article is to investigate constancies and changes in the retrospective perception of the challenges of widowhood of elderly women and men living in different decades in Switzerland. Data stem from three questionnaire studies with 1.197 widowed men and women (aged 65-102 years) carried out in 1979, 1994, and 2011. Results reveal that the subjective interpretations mirror the significant improvement of the economic and social situation of widowed individuals in Switzerland over the last decades, particularly for women. In contrast, no significant time effects can be observed with regard to the psychological challenges of marital loss in old age (redefinition of sense of life, feelings of loneliness). These findings suggest, that even in good socio-economic conditions widowhood remains psychologically a critical life event.

Key words: widowhood, psychosocial challenges, gender differences, time effects


Ulrike Zartler & Caroline Berghammer (pp.286-308)

Turbulenzen im Kinderleben. Mütterliche Partnerschaftsbiographien und multiple Übergänge nach elterlicher Trennung

Nach einer elterlichen Trennung gilt das Erleben multipler Übergänge als Risikofaktor für Kinder. Wir analysieren erstmals für Österreich im Zeitverlauf, wie viele Übergänge, definiert als neuerliche mütterliche Partnerbeziehungen oder Trennungen, Kinder erleben und von welchen Determinanten dies beeinflusst wird. Die Analysen erfolgen mittels multinomialer logistischer Regression auf Basis der österreichischen Daten des Fertility and Family Survey 1995/96 und des Generations and Gender Survey 2008/09. Die Ergebnisse zeigen, dass innerhalb von acht Jahren nach der elterlichen Trennung jeweils rund 50% der Kinder keine und rund 40% genau eine neue Kohabitation (Lebensgemeinschaft oder Ehe) der Mutter erleben, zumeist in den ersten vier Jahren nach der elterlichen Trennung. Fast jedes siebte Kind mit getrennten Eltern (13%) macht die Erfahrung multipler Übergänge. Erklärende Faktoren sind niedriges Alter der Mutter zum Zeitpunkt der Trennung, geringes mütterliches Bildungsniveau sowie niedriges Alter des jüngsten Kindes. Des Weiteren zeigt sich ein deutlicher Effekt des Trennungsjahres: die Wahrscheinlichkeit für das Erleben multipler Übergänge ist im Zeitverlauf markant angestiegen.

Schlagwörter: Scheidung, Trennung, Kinder, Familienstruktur, multiple Übergänge, Partnerschaftsbiographie

Turbulences in children’s lives. Mothers’ union histories and multiple transitions after parental separation

Experiencing multiple transitions after a parental separation was identified as an important risk factor for children. We investigate for the first time for Austria, how many transitions (i.e. changes in maternal partnership arrangements) children experience and what determines their number. The analyses are based on the Austrian Fertility and Family Survey 1995/96 and the Generations and Gender Survey 2008/09 using a multinomial logistic regression model. The results show that within eight years after parental separation, about 50% of children experience no new cohabitation or marriage of their mother and about 40% experience exactly one. For the majority of children, these changes happen within four years after their parents’ separation. Almost every seventh child with separated parents (13%) experiences multiple transitions. Children with a low-level educated mother and those whose mother is young at the time of separation face a particularly high risk, as well as those living in families with a low age of the youngest child. Moreover, a strong effect of the year of separation could be detected: the probability of experiencing multiple transitions increases strongly over time.

Key words: divorce, separation, children, family structure, multiple transitions, partnership


Kathrin Beckh, Sonja Bröning, Sabine Walper & Eva-Verena Wendt (pp.309-330)

Liebesbeziehungen junger Erwachsener aus Scheidungsfamilien. Eine Beobachtungsstudie zur intergenerationalen Transmission des Scheidungsrisikos

Diese Studie untersucht die Auswirkungen einer elterlichen Trennung auf Persönlichkeitseigenschaften, Beziehungsqualität und das beobachtete Konfliktverhalten von 42 jungen Paaren (Durchschnittsalter 22,86 J.; durchschnittliche Beziehungsdauer 3,04 J.). Für dyadische Analysen der Paardaten wird das Actor-Partner-Interdependence-Model (APIM) herangezogen. Personen aus Trennungsfamilien schreiben sich selbst geringere Beziehungskompetenzen zu und erleben mehr Partnerschaftskonflikte als Personen aus Kernfamilien (Actoreffekte). Partner von Personen aus Trennungsfamilien berichten einen geringeren Selbstwert und eine höhere Explosivität als Partner von Personen aus Kernfamilien und erleben mehr Ambivalenzen sowie eine geringere Zufriedenheit in der Beziehung (Partnereffekte). Neben weiteren geschlechtsspezifischen Befunden zeigt sich, dass die Beziehungsdauer viele Zusammenhänge moderiert. U.a. zeigen Männer aus Trennungsfamilien weniger autonome Verbundenheit im beobachteten Konfliktverhalten und dies insbesondere in längeren Beziehungen. Möglicherweise stellt die Partnerwahl einen wichtigen Faktor bei der intergenerationalen Transmission des Trennungsrisikos dar.

Schlagwörter: Scheidung, junges Erwachsenenalter, Beziehungsqualität, Interaktionsverhalten, intergenerationale Transmission, Dyadische Analysen, Partnerwahl

Romantic relationships of young adults from divorced families An observational study on the intergenerational transmission of divorce

This study investigates the consequences of parental separation on personality variables, relationship quality and observed conflict behavior of 42 young German couples (average age = 22.86; average relationship duration = 3.04). The actorpartner-interdependence model is used for dyadic data analysis of couple data. Individuals from separated families report weaker relationship skills and more relationship conflicts than individuals from nuclear families (actor effects). Partners of individuals from separated families report less self-worth and more explosiveness than partners of individuals from nuclear families and experience more ambivalence and less satisfaction in their relationship (partner effects). Besides some genderspecific findings, the relationship duration moderates the association of family type with many correlations. Among others, men from separated families exhibit less autonomous relatedness in their observed conflict behaviour and this is more pronounced in long-term relationships. Our findings suggest that mate selection could be an important factor in the intergenerational transmission of separation risks.

Key words: divorce, young adulthood, relationship quality, interaction behavior, intergenerational transmission, dyadic analyses, mate selection


Fabio Franzese & Ingmar Rapp (pp. 331-346)

Der Einfluss von Arbeitslosigkeit auf das Trennungsrisiko von Ehen

Der Beitrag untersucht den Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und der Stabilität von Ehen. Dabei werden auch Veränderungen dieses Zusammenhangs seit Mitte der 1980er Jahre sowie die Bedeutung der Dauer der Arbeitslosigkeit untersucht. Datengrundlage ist das Soziooekonomische Panel (SOEP). Die Ergebnisse zeigen, dass Arbeitslosigkeit eines Partners, v. a. des Mannes, auch unter Kontrolle der beruflichen Ausbildung sowie des Einkommens, das Trennungsrisiko von Ehen erhöht. Bei Männern ist sowohl bei kurzer als auch bei längerer Dauer der Arbeitslosigkeit ein erhöhtes Trennungsrisiko zu beobachten, wobei das Trennungsrisiko bei einer Dauer von einem bis zwei Jahren am höchsten ist. Außerdem zeigt sich, dass der destabilisierende Effekt der Arbeitslosigkeit des Mannes im Zeitverlauf schwächer wird.

Schlagwörter: Trennung, Scheidung, Arbeitslosigkeit, Sozio-oekonomisches Panel

The impact of unemployment on the risk of marital separation

This study analyzes the relationship between unemployment and the risk of marital separation. In addition, possible changes in the effect of unemployment since the mid-eighties as well as the duration of unemployment are examined. The data base is the German Socio-Economic Panel, which provides data from 1984 to 2010. The results indicate a higher risk of separation if a spouse, especially the husband, is unemployed. In respect of the length of unemployment, it is shown that both short and longer periods of men’s unemployment destabilize marriage. Highest risk of separation appears for men who are without a job for between one and two years. Furthermore, this study suggests that the influence of men’s unemployment on the risk of separation is significantly lower in the period from 2000 to 2010 than in the late 1980s.

Key words: separation, divorce, unemployment, German Socio-Economic Panel


Nicole Biedinger (pp. 347-364)

„Was für mich selbst gut ist, kann meinen Kindern nicht schaden.“ Der Einfluss der elterlichen Freizeitaktivitäten auf die Eltern-Kind-Aktivitäten

Familien variieren sehr stark darin, wie sie mit ihren Kindern umgehen. Diese Unterschiede werden oft auf die sozioökonomische Herkunft (SES) der Eltern zurückgeführt. Viele Studien können belegen, dass die Art und der Umfang des häuslichen Anregungsniveaus die Kompetenzentwicklung der Kinder stark beeinflusst. Daher stellt sich die Frage, wodurch die sozialen Unterschiede bei den Eltern-Kind-Interaktionen erklärt werden. Es wird davon ausgegangen, dass Eltern bewusst oder unbewusst im Rahmen von Aktivitäten mit ihrem Kind ihren Nutzen maximieren wollen. Diese Nutzenmaximierung zeigt sich auch in ihren eigenen hochkulturellen Freizeitaktivitäten. Somit sollten die eigenen Freizeitaktivitäten der Eltern den Umfang an häuslichen Interaktionen mit ihrem Kind vorhersagen. Dieser nutzentheoretische Ansatz wird mit den Daten des Projekts „Erwerb von sprachlichen und kulturellen Kompetenzen von Migrantenkindern in der Vorschulzeit“ überprüft. Mit Hilfe von linearen Regressionsmodellen wird gezeigt, dass die sozialen Unterschiede vor allem mit dem hochkulturellen Freizeitverhalten der Eltern zusammenhängen, und nicht von der finanziellen Situation der Familien abhängen. Somit spiegeln sich die eigenen Interessen der Eltern in der häuslichen Interaktion wider, die wiederum direkt die Kompetenzen der Kinder beeinflusst.

Schlagwörter: häusliche Aktivitäten, soziale Unterschiede, vorschulische Entwicklung, hochkulturelle Freizeitaktivitäten

„What is good for me cannot harm my children“: The influence of parental leisure activities on the home environment

Families differ strongly in how they deal with their children. These differences are often attributed to the socio-economic origin of the parents. Numerous studies have shown that the type and the availability of the stimuli in a child’s home environment strongly influence the child’s abilities. But how can the social differences in parent-child interactions be explained? It is argued that parents consciously or unconsciously want to maximize their child-related activities’ utility. This maximization of utility is also visible in parents’ own cultural leisure activities. Thus, these should predict the extent of their interactions with their child in the home environment. This utility-theoretical approach is tested by using the data of the project “Preschool education and educational careers among migrant children”. Employing linear regression models, it can be shown that the social differences are related primarily to the cultural leisure behaviour of the parents, rather than to the family’s financial situation. Thus, the parents’ own interests are reflected in their interaction within the home environment, which, in turn, has a direct effect upon their child’s development.

Key words: Home environment, social inequality, child development, cultural leisure activities


Anne-Kristin Kuhnt (pp. 365-388)

Ja, nein, vielleicht? Der Einfluss der Partnerschaftsqualität auf die Übereinstimmung der Elternschaftsabsichten von Paaren

In diesem Beitrag stehen die Elternschaftsabsichten von Paaren im Mittelpunkt. Es wird geprüft, ob in Partnerschaften übereinstimmende oder divergierende Elternschaftsabsichten vorliegen. Darüber hinaus wird analysiert, ob ein Zusammenhang zwischen der Partnerschaftsqualität und übereinstimmend positiven Kinderwünschen beider Partner besteht. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass eine hohe Partnerschaftsqualität einen positiven Einfluss auf übereinstimmend positive Elternschaftsabsichten hat und eine geringe Partnerschaftsqualität diesen entgegenwirkt. Die Ergebnisse zeigen, dass Paare überwiegend übereinstimmende Intentionen aufweisen. Dennoch äußern 14 Prozent aller untersuchten Paare divergierende Elternschaftsabsichten. Zudem kann erwartungsgemäß ein Zusammenhang zwischen der Partnerschaftsqualität und übereinstimmend positiven Elternschaftsabsichten beobachtet werden.

Schlagwörter: partnerschaftlicher Kinderwunsch, Partnerschaftsqualität, kinderlose Paare, Eltern

Yes, no, maybe? The influence of relationship quality on the correspondence of couples’ fertility intentions

This paper investigates fertility intentions of couples. It is examined to what degree fertility intentions of the respondent and the partner deviate. Furthermore, it is analyzed if the relationship quality relates to couples’ fertility intentions. The investigation is based on the assumption that high relationship quality leads to positive fertility intentions of both partners. Vice versa, a low relationship quality results in negative or divergent fertility intentions of both partners. Results show that couples give similar report on their intentions. Only for a minority of 14 percent of the couples, fertility intentions deviate. In accordance with expectations, the multivariate results show that relationship quality and the couples’ fertility intentions are closely related.

Key words: dyadic fertility intentions, relationship quality, childless couples, parents