Volume 25 (2013) – Issue 2

25. Jahrgang (2013) – Heft 2

Content | Inhalt

Martin Bujard: Die fünf Ziele des Elterngelds im Spannungsfeld von Politik, Medien und Wissenschaft

Hans Bertram, Carolin Deuflhard: Das einkommensabhängige Elterngeld als Element einer nachhaltigen Familienpolitik

Tilman Mayer, Wiebke Rösler: Der „Paradigmenwechsel“ zur Einführung des Elterngeldes und seine Fehlkonstruktionen

Johannes Geyer, Peter Haan, C. Katharina Spieß, Katharina Wrohlich: Das Elterngeld und seine Wirkungen auf das Haushaltseinkommen junger Familien und die Erwerbstätigkeit von Müttern

Martin Bujard, Jasmin Passet: Wirkungen des Elterngelds auf Einkommen und Fertilität

Heike Trappe: Väterzeit – das Elterngeld als Beschleuniger von Gleichstellung?


Abstracts and keywords | Zusammenfassungen und Schlagwörter

Martin Bujard (pp.132-153)

Die fünf Ziele des Elterngelds im Spannungsfeld von Politik, Medien und Wissenschaft

Der Diskurs über das 2007 eingeführte Elterngeld und dessen politische Legitimation hängen eng mit der Wirkung auf bestimmte Ziele zusammen. Welche primären Ziele das Elterngeld hat, wird in den Sphären Politik, Medien und Wissenschaft unterschiedlich beantwortet. Der Beitrag zeigt die jeweils charakteristischen Merkmale der Elterngeld-Diskurse in diesen Bereichen und durch welche Mechanismen diese wechselseitig verknüpft sind. Empirische Grundlage ist eine Frequenz- und Valenzanalyse von Zeitungsartikeln für 2004 bis 2012, die mit einer Inhaltsanalyse parlamentarischer Dokumente kombiniert wird. Die Analysen belegen, dass das Elterngeld in allen drei Sphären fünf Zieldimensionen hat. Sie verdeutlichen, dass die Definition von Zielen des Elterngelds der Schlüssel zum Verständnis der Diskurse und der Bewertung des Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetzes (BEEG) in der Öffentlichkeit ist. Basierend auf Regressionsanalysen sind der Anlass der Berichterstattung und die Summe der attribuierten Ziele zentrale Faktoren für die Valenz von Zeitungsartikeln. Demnach ist für die Politik eine Kommunikationsstrategie vielversprechend, die den Fünfklang an Zielen betont.

Schlagwörter: Elterngeld, Elternzeit, Familienpolitik, Familie, Diskursanalyse, Medien, komplementäre Zielstruktur, Fertilität, Gleichstellung

The five goals of the new German parental leave benefit in the focus of politics, media and science

In Germany, the discourse about the incomerelated parental leave policy introduced in 2007 and its legitimisation strongly depends on its effects in the context of certain goals. However, the question of which goals the parental leave policy actually has, is answered controversially in the arenas of politics, media and science. This article shows the characteristics of the different discourses about the parental leave policy in these arenas and the mechanisms behind their interaction. Empirically, frequency analyses and valency analyses of newspapers between 2004 and 2012 are carried out which are combined with content analyses of documents of the German Federal Parliament. The analyses confirm that the different goals can be categorised into five groups. The results show that the definition of goals is the key for understanding the discourses and the public judgement of the parental leave policy. OLS regressions show that the main factors for a positive or negative disposition in the media are the initial reason for the article and the number of considered goals. Hence, for politicians, a communication strategy stressing all five goals is promising.

Key words: parental leave benefit, paternity leave, family policy, family, discourse analysis, media, complementary goals, fertility, gender equality


Hans Bertram & Carolin Deuflhard (pp.154-172)

Das einkommensabhängige Elterngeld als Element einer nachhaltigen Familienpolitik

Nachhaltige Familienpolitik erkennt die Leistungen der Familie für die Gesellschaft an und nimmt sie als Ausgangspunkt für die Unterstützung der Familie. Sie zeichnet sich durch klare Zielorientierungen und die Integration der verschiedenen familienpolitischen Leistungen aus. Vor diesem Hintergrund analysiert dieser Beitrag, ob und inwiefern aus der Entwicklung der Familienpolitik ein Paradigmenwechsel im Verständnis der familienpolitischen Kernelemente Infrastruktur, Zeit und Geld von einem Nachteils- zu einem Leistungsausgleich hervorgegangen ist. Denn erst auf dieser Grundlage konnte das Konzept nachhaltiger Familienpolitik formuliert werden. Anhand der Rekonstruktion der konzeptionellen Entwicklung und politischen Durchsetzung des einkommensabhängigen Elterngeldes seit den 1970er Jahren wird aufgezeigt, dass hier zum ersten Mal eine familienpolitische Maßnahme geschaffen wurde, die in dieses Konzept eingebettet ist. Die Analyse zeigt jedoch, dass das Elterngeld zwar ein Element einer nachhaltigen Familienpolitik ist, es aber bisher weder gelungen ist, eine am Gedanken des Leistungsausgleichs orientierte finanzielle Transferpolitik zu konzipieren noch eine Lebensverlaufsorientierung umzusetzen.

Schlagwörter: nachhaltige Familienpolitik, Leistungsausgleich, Kindertagesbetreuung, Lebensverlauf, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Erziehung, Sozialisation, Kinder- und Jugendhilfegesetz, Grundsicherung

The parental allowance as an element of a sustainable family policy

A sustainable family policy acknowledges the contributions of the family to society and takes it as point of departure for the support of the family. It is characterized by a clear goal orientation and the integration of different policy measures into a comprehensive strategy. Based on this concept, the article reflects the historical evolution of family policy focusing on the question whether and to what extent a paradigm shift from compensation to active support has occurred in the interpretation of policies in the fields of infrastructure, time and money. This is essential for the historical genesis of the parental allowance, considering that the emergence of the concept of a sustainable family policy was based on this paradigm shift. By means of reconstructing the conceptual evolution and political implementation of the parental allowance since the 1970s, we argue that this political measure is the first to be integrated in such a concept. The analysis shows that even though the parental allowance is a progressive element of a sustainable family policy, the implementation of a comprehensive strategy still lacks a shift towards the life course perspective and an independent basic income for children.

Key words: sustainability, family policy, childcare, life course, reconcilability of work and family, upbringing, socialization, basic income


Tilman Mayer & Wiebke Rösler (pp.173-192)

Der „Paradigmenwechsel“ zur Einführung des Elterngeldes und seine Fehlkonstruktionen

Der Beitrag analysiert den Politikprozess zur Einführung des Elterngeldes. Dargelegt wird, welche Akteure, Parteien und Wissenschaftler die Einführung des Elterngeldes vorantrieben. Von einem wirklichen Paradigmenwechsel kann jedoch nicht die Rede sein: nicht nur, dass das einkommensabhängige Elterngeld in Westdeutschland verspätet eingeführt wurde; auch der Ausbau der öffentlichen Kinderbetreuung für unter 3-Jährige stockt. Das neu eingeführte Betreuungsgeld stellt aufgrund seiner geringen Höhe keinen Ausgleich der Opportunitätskosten. Der Beitrag diskutiert anschließend die Elterngeldstatistik und die Geburtenstatistik. Ein angemessenes Elterngeld beziehen vorrangig über 30-jährige Mütter sowie Frauen, die ihr erstes Kind bekommen. Die Geburtenrate stagniert bei 1,4 Kindern pro Frau, der Anteil der Spätgebärenden steigt.

Schlagwörter: Elterngeld, Kinderbetreuung, Geburtenrate, Geburtenaufschub, nachhaltige Familienpolitik, Paradigmenwechsel

The “paradigm shift” of the implementation of the parental allowance and its faulty design

The article analyses the political process concerning the implementation of the parental allowance (“Elterngeld”) and its currently measurable successes. It shows which players, political parties and scientists brought the income-based parental allowance on its way. A clear paradigm shift towards supporting working mothers cannot be observed due to the rather slight expansion of public child care and the implementation of care money (“Betreuungsgeld”) in 2013. Subsequently statistical records on the enlargement of public child care arrangements, the parental allowance, and the birth register are discussed. The period birth rate is stagnating at 1.4 children per woman, further postponement of births takes place and the number of late mothers increases.

Key words: parental allowance, child care, birth rate, birth postponement, sustainable family policy, paradigm shift


Johannes Geyer, Peter Haan, C. Katharina Spieß & Katharina Wrohlich (pp.193-211)

Das Elterngeld und seine Wirkungen auf das Haushaltseinkommen junger Familien und die Erwerbstätigkeit von Müttern

Mit der Einführung des Elterngeldes im Jahr 2007 beabsichtigte die Bundesregierung die Bedingungen für Familien mit jungen Kindern zu verbessern. Die neue familienpolitische Leistung hatte mehrere Ziele, von denen in diesem Beitrag drei zentrale untersucht werden: Zum Ersten sollte für Eltern in der Frühphase der Elternschaft ein Schonraum geschaffen werden. Zum Zweiten ist es ein erklärtes Ziel des Elterngeldes, es beiden Elternteilen zu ermöglichen, ihre wirtschaftliche Existenz eigenständig zu sichern, und drittens soll die Erwerbstätigkeit von Müttern gefördert werden. In diesem Beitrag wird anhand einer empirischen Wirkungsstudie überprüft, ob diese Ziele erreicht wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass Familien im ersten Jahr nach der Geburt durch das Elterngeld durchschnittlich etwa 480 Euro im Monat mehr haben als vor seiner Einführung. Außerdem zeigt sich, dass die Erwerbstätigkeit von Müttern in diesem Zeitraum zurückgegangen ist. Mütter mit Kindern im zweiten Lebensjahr haben aufgrund der Einführung des Elterngeldes eine höhere Wahrscheinlichkeit, in den Beruf zurückzukehren.

Schlagwörter: Einkommenseffekte, Arbeitsangebot von Müttern, Elternzeit, Elterngeld, Erziehungsgeld, Mikrosimulation

The new German parental leave benefit scheme and its effects on young families’ household income and on mothers’ paid employment

In 2007, Germany introduced a new parental leave benefit scheme, the so-called “Elterngeld”. The new benefit is an income-related transfer and is granted for a maximum period of 14 months. The more generous, but shorter Elterngeld replaced the former means-tested flat rate benefit that could be drawn for up to 24 months. One of the aims of the reform was to smooth household income in the year after childbirth and another to increase the incentives to return quickly to the labour market. In this study, we analyse empirically the change in income in the first year after birth and the effect of increasing incentives for mothers to return to the labour market in the second year after childbirth. We find that the average increase of net household income of families with a child in the first year after birth amounts to 480 euro per month. With respect to labour supply, we show that in the first year after childbirth, mothers’ labour supply decreases. In the second year labour supply of mothers in East Germany and lowincome mothers in both parts of Germany increases.

Key words: income effects, maternal labour supply, parental leave, micro simulation study


Martin Bujard & Jasmin Passet (pp.212-237 )

Wirkungen des Elterngelds auf Einkommen und Fertilität

Der Beitrag analysiert die Wirkungen des 2007 eingeführten deutschen Elterngelds auf das Haushaltseinkommen und die Fertilität. Bei der Analyse werden SOEP- und MikrozensusDaten kombiniert, um sowohl ereignisanalytische Techniken anzuwenden (SOEP), als auch differenzielle Analysen basierend auf hohen Fallzahlen vorzunehmen (Mikrozensus). Es wird gezeigt, dass sich im Durchschnitt das Einkommen von Familien mit Babys etwas erhöht hat, wobei sich dahinter ein erheblicher Anstieg bei Akademikereltern verbirgt. Mit diesen Einkommensbefunden korrespondieren die Fertilitätsergebnisse: Bei den multivariaten Analysen zum Übergang zum zweiten Kind zeigt sich für die Gesamtbevölkerung kein Reformeffekt. Allerdings verbergen sich hinter der Gesamtbetrachtung gruppenspezifische Effekte. Die Mikrozensus-Analysen zeigen, dass die altersspezifischen Fertilitätsraten bei 35- bis 44-jährigen Akademikerinnen angestiegen sind, auch in der Ereignisanalyse zeigt sich ein signifikanter Interaktionseffekt für die Elterngeldreform und dieses Alter. Beides deutet darauf hin, dass das Elterngeld den Recuperationeffekt – das Nachholen aufgeschobener Geburten – von hochqualifizierten Frauen ab Mitte 30 verstärkt.

Schlagworte: Familienpolitik, Elterngeld, Elternzeit, nachgeholte Geburten, Einkommen, Fertilität, Akademikerinnen

Effects of the new German parental leave benefit on income and fertility

This article analyses the effects of the German parental leave benefit, which was introduced in 2007, on household income and fertility. The analysis combines SOEP and German Micro Census data in order to apply techniques based on event history analysis (SOEP) as well as differential analyses based on a high number of cases (Micro Census). It is argued that on average, the income situation of families with babies has slightly improved, but this is due to a considerable raise for highly-educated parents. The results for fertility correspond to these income effects: The multivariate analyses for the transition to the second child show no reform effect regarding the total population. However, there are interesting group-specific effects. Age-specific fertility rates, which are based on Micro Census data, are increasing among 35- to 44-year-old highly-educated women. In addition, the event history analysis shows a significant effect for the interaction of reform and this age group. Both suggest that the parental leave benefit has an effect on recuperation among highly-educated women who are at least in their mid-thirties.

Key words: family policy, parental leave, Germany, recuperation, income, fertility, highlyeducated women


Heike Trappe (pp.238-264)

Väterzeit – das Elterngeld als Beschleuniger von Gleichstellung?

Im Zentrum des vorliegenden Beitrags steht der Elterngeldbezug von Vätern im Kontext der Partnerschaft in den Bundesländern Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und SchleswigHolstein. Grundlage der Analysen sind von den Elterngeldstellen erhobene Daten für zwischen 2007 und 2009 geborene Kinder. Es wird danach gefragt, welche Paare überhaupt einen Partnerantrag stellen und wodurch sich Paare mit unterschiedlicher Dauer des Elterngeldbezugs durch Väter voneinander unterscheiden. Die Entscheidung für einen Partnerantrag folgt im Wesentlichen aus ökonomischen Theorien abgeleiteten Erwartungen, denn eine Erwerbstätigkeit und ein hohes Einkommen der Frau begünstigen diese. Väter, bei denen der Elterngeldbezug mit einer über die „Bonusmonate“ hinausgehenden Elternzeit einhergeht, sind eine sehr selektive Gruppe, die im Zeitverlauf sogar kleiner geworden ist. Ein nichteheliches Zusammenleben, das Leben in einer Großstadt, eine höhere Anzahl von Kindern sowie eine spezifische Lebenssituation der Partnerin (z.B. selbstständige Tätigkeit, Beendigung einer Ausbildung) wirken sich positiv auf eine längere Elternzeit des Vaters aus.

Schlagwörter: Eltern, Elterngeld, Elternzeit, Vaterschaft, ökonomische Ressourcen.

Time with fathers – the parental leave benefit as promoter of gender equity?

This contribution centres on men who claim parental leave benefits in the federal states of Bavaria, Mecklenburg-Western Pomerania and Schleswig-Holstein. The analyses are based on register data collected by local authorities for children born between 2007 and 2009. First, it is asked about the determinants underlying the take-up of fathers’ parental leave benefits. Then, couples with different durations of fathers’ parental leave are investigated more closely. Fathers’ decision to take any parental leave follows essentially economic considerations within the couple. Female partners’ employment and their relative earnings have a positive impact. Couples where fathers’ parental leave exceeds the “daddy quota” represent quite a select group that has become smaller over time. Living in a non-marital union or in a large city, having more children as well as female partners’ particular situation (e.g., selfemployment, in education) facilitate a longer parental leave of fathers.

Key words: parents, parental leave benefit; parental leave, fatherhood, economic resources.