Volume 25 (2012) – Issue 1

25. Jahrgang (2013) – Heft 1

Content | Inhalt

Nadja Milewski: Einführung in das Schwerpunktthemenheft Türkische Familien in Deutschland – Generationenbeziehungen und Generationenperspektiven

Helen Baykara-Krumme: Generationenbeziehungen im Alter: Türkische Familien in der Türkei und in Westeuropa

Marie Carnein & Helen Baykara-Krumme: Einstellungen zur familialen Solidarität im Alter: Eine vergleichende Analyse mit türkischen Migranten und Deutschen

Nadja Milewski: Erwerbsbeteiligung und Einstellungen zur Familie von türkischen Migrantinnen im Generationenvergleich

Robert Naderi: Unter welchen Bedingungen bekommen Eltern weitere Kinder? Ein Vergleich zwischen Deutschen und Türken unter besonderer Berücksichtigung ökonomischer Abwägungen

Fabian Escher & Inge Seiffge-Krenke: Welchen Einfluss haben verschiedene Vatertypen auf den Verlauf der Symptombelastung ihrer Kinder? Eine Längsschnittuntersuchung an 14- bis 23-Jährigen


Abstracts and keywords | Zusammenfassungen und Schlagwörter

Helen Baykara-Krumme (pp.9-28)

Generationenbeziehungen im Alter: Türkische Familien in der Türkei und in Westeuropa

Dieser Beitrag nähert sich der Frage nach den Auswirkungen einer internationalen Migration auf die Generationenbeziehungen älterer Menschen aus einer neuen Perspektive: Verglichen werden die Beziehungen in türkeistämmigen Familien in Westeuropa mit Familien in der Türkei sowie, als dritte Gruppe, transnationalen Familien. Die Datengrundlage bildet die internationale LineUpStudie „Migration Histories of Turks in Europe“. Zielvariablen sind familienbezogene Werteinstellungen sowie Kontakthäufigkeit und gegenseitige Unterstützungsleistungen aus Sicht der erwachsenen Kinder. Migrantenfamilien zeigen in den Verhaltensmustern intensivere Beziehungen als Familien in der Türkei, allerdings stellen diese Unterschiede nahezu vollständig Kompositionseffekte dar. Unterschiede in den Werteeinstellungen, mit geringerer normativer Solidarität in Migrantenfamilien, bleiben dagegen auch in multivariaten Analysen tendenziell bestehen. Transnationale Familien weisen die geringste Generationensolidarität auf, was auf die große Wohnentfernung zurückzuführen ist. Die Befunde geben tendenziell Hinweise auf einen Wertewandel in der Migration bei weitgehender Kontinuität der Verhaltensmuster.

Schlagwörter: Migration, Türkei, Generationenbeziehungen, Migrantenfamilie, Ältere Migranten, Wertewandel

Intergenerational relationships in old age: Turkish families in Turkey and in Western Europe

This paper explores the consequences of international migration on family relationships of elderly migrants from a new perspective: It compares intergenerational relationships among migrants from Turkey who live in Europe with those among non-migrants who never went abroad and, as a third group, transnational families. This study draws from the international LineUp Survey “Migration Histories of Turks in Europe”. Dependent variables are the frequency of contact, mutual support exchange patterns and family values as reported by the adult children. Findings indicate more intense intergenerational relationships in migrant families as compared to families in Turkey, but lower agreement with norms on intergenerational solidarity among the former. Whereas differences in behavior can be explained almost completely by compositional differences, multivariate analyses suggest persisting divergences in attitudes. Transnational families show the lowest degree of intergenerational solidarity which can be explained by the large spatial distance. By tendency, the findings indicate a change in values, but overall continuity in behavior patterns in the course of an international migration.

Key words: migration, Turkey, intergenerational relationships, migrant family, elderly migrants, value change


Marie Carnein & Helen Baykara-Krumme (pp. 29-52)

Einstellungen zur familialen Solidarität im Alter: Eine vergleichende Analyse mit türkischen Migranten und Deutschen

Die Studie untersucht das familiale Solidaritätspotenzial für pflegebedürftige Eltern bei türkischen Migranten der ersten und zweiten Generation und kontrastiert es mit jenem der deutschen einheimischen Bevölkerung. Die zentralen Fragen lauten, welche Rolle ethnischkulturellen bzw. sozialstrukturellen Einflussgrößen zukommt und ob sich die Muster über verschiedene Altersgruppen hinweg verändern. Den theoretischen Hintergrund bilden Diskussionen um Transmissions- und Akkulturationsprozesse in der Migration. Auf Grundlage der Daten des Generations and Gender Survey 2005 und 2006, der die 18 bis 79-jährige Wohnbevölkerung in Privathaushalten Deutschlands sowie in einer Zusatzerhebung ergänzend die türkischen Staatsangehörigen berücksichtigt, kann gezeigt werden, dass das familiale Solidaritätspotenzial bei türkischen Migranten wesentlich stärker ausgeprägt ist als bei Deutschen. Die Unterschiede bleiben in der nachfolgenden Generation und über alle Altersgruppen hinweg bestehen. Sozialstrukturelle Merkmale sind von geringer Bedeutung. Die Befunde zeigen, wie stark die Transmissionsprozesse zwischen den Generationen sind: Es gibt wenig Hinweise auf einen intergenerationalen „acculturation gap“.

Schlagwörter: Generationenbeziehungen, türkische Migranten, Deutschland, Pflege, Werte und Normen

Attitudes toward family solidarity in old age: A comparative analysis of Turkish migrants and Germans

The study examines the attitudes toward family solidarity and filial care obligations among Turks of the first and second immigrant generation as compared to Germans. The foci lie on the impact of ethnic-cultural and socio-structural predictors, respectively, and whether patterns change across different age groups. Processes of intergenerational transmission and acculturation in migration constitute the theoretical background. Data from the Generations and Gender Survey 2005 and 2006 are used, including respondents in private households in Germany aged 18 to 79 years of the main sample, and the migrant sample, conducted on same-aged Turkish citizens in Germany. It was found that the family solidarity potential is far higher among Turkish migrants than among Germans. These differences persist in the second generation and in all age groups. Socio-structural predictors are of little relevance. The analyses indicate strong transmission processes between family generations: There ist little evidence of an “acculturation gap”.

Key words: intergenerational relationships, Turkish migrants, Germany, elderly care, filial norms and values


Nadja Milewski (pp. 53-74)

Erwerbsbeteiligung und Einstellungen zur Familie von türkischen Migrantinnen im Generationenvergleich

Die Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland ist geringer als die anderer Migrantengruppen und als die von Frauen ohne Migrationshintergrund. Diese Studie untersucht mit Daten des Generations and Gender Survey (2005/2006), inwiefern sich Frauen der ersten und zweiten Migrantengenerationen hinsichtlich ihrer Erwerbsbeteiligung unterscheiden und welche Faktoren dafür ursächlich sind. In Einklang mit der Humankapitaltheorie lässt sich für die zweite Generation eine stark gesteigerte Erwerbsbeteiligung feststellen: Während in der ersten Generation nur etwa 34 Prozent der Frauen einer Beschäftigung nachgehen, beteiligen sich rund 63 Prozent in der zweiten Generation am Arbeitsmarkt. Besondere Berücksichtigung erfährt der Sozialkapitalansatz bzw. Aspekte intergenerationaler Transmission und Solidarität. Demnach übt – neben Bildung und Familienstand ‒ eine Erwerbstätigkeit der Mutter einen Einfluss auf die Erwerbsbeteiligung der Tochter aus, und stärker egalitäre Genderrolleneinstellungen begünstigen eine Erwerbstätigkeit.

Schlagworte: Erwerbsbeteiligung, türkische Migrantinnen, erste und zweite Migrantengeneration, intergenerationale Transmission, Generations and Gender Survey Deutschland

Labour force participation and family attitudes of first and second generation Turkish migrant women

The extent of labour force participation of women with a Turkish migration background in Germany is lower than that of women of other ethnic origins or that of non-migrant women. In this study, we focus on a within-group comparison of the labour force participation among Turkish women. Using data of the Generations and Gender Survey (2005/ 2006), we distinguish between first and second immigrant generations. The study pays special attention to both the human and social capital approach and aspects of intergenerational transmission and solidarity between generations. In line with the human capital theory, a strong increase in labour force participation can be noted among women belonging to the second migrant generation: Whereas only about 34 per cent of first generation immigrants participate in the workforce, the share among the second generation amounts to about 60 per cent. In addition to family status and education, mothers’ employment is found to increase the likelihood of the daughter’s participation in the workforce. Also, more egalitarian gender role attitudes favour a higher degree of employment.

Key words: Labour force participation, female Turkish immigrants, first and second immigrant generation, intergenerational transmission, German Generations and Gender Survey


Robert Naderi (pp. 75-95)

Unter welchen Bedingungen bekommen Eltern weitere Kinder? Ein Vergleich zwischen Deutschen und Türken unter besonderer Berücksichtigung ökonomischer Abwägungen

Im Beitrag wird der Frage nachgegangen, wie sich die selbsteingeschätzte persönliche finanzielle Situation auf die tatsächliche Geburt weiterer Kinder, unter Berücksichtigung generationaler Unterstützungspotenziale und dem Migrationshintergrund, auswirkt. Die zu überprüfenden Hypothesen basieren auf der ökonomischen Theorie und dem Forschungsstand zur Bedeutung ökonomischer Unsicherheiten für Fertilität. Mittels multivariater Analysen der zwei Wellen des deutschen Generations and Gender Survey, können weder Effekte der individuellen finanziellen Lage, noch der Generationenbeziehungen auf die Familienerweiterung nachgewiesen werden. Die Ergebnisse zeigen hingegen, dass sich türkische Staatsbürger mit eigener Migrationserfahrung von denen, die im Kindesalter immigriert sind bzw. in Deutschland geboren wurden, bezüglich der Erklärungsfaktoren unterscheiden. In allen drei Gruppen sind Faktoren wie das Alter der Frau, die Kinderzahl und das Alter der Kinder für die Familienerweiterung zentral.

Schlagwörter: Familienerweiterung, Einkommen, Generationenbeziehungen, türkische Migranten

Under what preconditions do additional childbirths occur? A comparison between German and Turkish parents, taking economic considerations into account

The article examines the question of how the selfreported financial situation has an effect on the actual birth of additional children in regard to generational support and migration background. The hypotheses to be tested are based on economic theories and research on the importance of economic uncertainty for fertility. Based on multivariate analyses of the two waves of the German Generations and Gender Survey, neither the individual financial situation, nor the relations between generations can be detected as effects on family expansion. The results show, however, that Turkish citizens differ in their migration experience in comparison to those who have immigrated in childhood or were born in Germany in terms of the explanatory factors. Factors like age of the woman, number and age of children are crucial in all groups under study.

Key words: family expansion, income, intergenerational relationships, Turkish migrants


Fabian Escher & Inge Seiffge-Krenke (pp. 96-117)

Welchen Einfluss haben verschiedene Vatertypen auf den Verlauf der Symptombelastung ihrer Kinder? Eine Längsschnittuntersuchung an 14- bis 23-Jährigen

In einer Längsschnittstudie wurde der Einfluss dreier Vatertypen auf die Symptombelastung ihrer Kinder im Jugend- und im jungen Erwachsenenalter analysiert. An einer Stichprobe aus 213 Probanden wurde die Symptombelastung zu fünf Messzeitpunkten im Jugendalter (Youth SelfReport) und im jungen Erwachsenenalter (Young Adult Self-Report) untersucht. Die Ergebnisse der Studie zeigen erhöhte Werte in der internalisierenden Symptombelastung der weiblichen im Vergleich zu den männlichen Probanden. Des Weiteren weisen die Ergebnisse auf erhebliche Probleme bei jungen Erwachsenen, welche ihren Vater im Jugendalter als zunehmend negativ oder distanziert beschrieben haben, hin. In diesen beiden Gruppen zeigte sich zu allen Messzeitpunkten eine höhere Symptombelastung als in der Gruppe der jungen Erwachsenen, welche ihren Vater im Jugendalter als normativ beschrieben haben.

Schlagwörter: Jugendliche, junge Erwachsene, Väter, Geschlecht, Symptombelastung

Which influence do different types of fathers exert on their offspring’s psychopathological development? A longitudinal study on 14 to 23 year olds

In a longitudinal study, the influence of three types of fathers on their children’s psychopathology in adolescence and young adulthood was analyzed. In a sample of 213 subjects, the symptomatology was evaluated at five points in adolescence (Youth Self-Report) and in young adulthood (Young Adult Self-Report). The results show elevated levels of internalizing symptomatology in females compared to males. Furthermore, the results point to significant problems in young adults who have described their father as increasingly negative or distant through adolescence. At all measurement points, these two groups show higher symptomatology than the group of young adults who have described their father as normative in adolescence.

Key words: Adolescents, young adults, fathers, gender, symptomatology