Volume 24 (2012) – Issue 3

24. Jahrgang (2012) – Heft 3

Content | Inhalt

Martin Abraham & Thess Schönholzer: Warum Pendeln nicht alle Probleme löst: Präferenzen für unterschiedliche Mobilitätsformen in „dual career“-Partnerschaften

Nadia Lois: „Living apart together“: Sechs Typen einer heterogenen Lebensform

Una M. Röhr-Sendlmeier, Sebastian Bergold, Andreas Jöris, Anna Cummings, Karin Heim & Eva Johannen: Berufstätige Mütter und sozial-emotionale Kompetenzen ihrer Kinder

Paulina Galezewska: Einfluss der Bildung auf das Zweitgeburtenverhalten in Polen während der sozio-ökonomischen Transformation

Arne Bethmann & Anne Berngruber: Entscheidungsverhalten von Paaren in materiell prekären Lagen über größere Anschaffungen und die Freizeitgestaltung

Cordula Zabel: Employment characteristics and partnership formation among lone mothers in Russia


Abstracts and keywords | Zusammenfassung und Schlagwörter

Martin Abraham & Thess Schönholzer (pp. 229-246)

Warum Pendeln nicht alle Probleme löst: Präferenzen für unterschiedliche Mobilitätsformen in „dual career“-Partnerschaften

Paare, in denen beide Partner einer Erwerbstätigkeit nachgehen, stehen grundsätzlich vor dem Problem, ihre Erwerbskarriere zeitlich wie örtlich koordinieren zu müssen. Insbesondere neue Arbeitsangebote in anderen Regionen erfolgen in der Regel nur für einen Partner und stellen für das Paar einen potenziellen Mobilitätskonflikt dar. Dieser könnte gelöst werden, indem zu der neuen Stelle gependelt und so der Haushaltsumzug vermieden wird. Wir untersuchen in diesem Beitrag, ob eine solche Strategie das Potenzial für eine einvernehmliche Lösung in einer Partnerschaft besitzt oder inwieweit sich daraus neue Interessenskonflikte ergeben können. Für die empirische Analyse dieser Frage wird auf ein faktorielles Design zurückgegriffen, mit dem beide Partner in „dual career“-Partnerschaften im Hinblick auf identische, experimentell variierte Situationen befragt werden. Es zeigt sich, dass der Wunsch nach einer Pendellösung zwar für beide Partner von denselben Einflussfaktoren beeinflusst wird, der pendelnde Partner aber deutlich schwächer ausgeprägte Präferenzen für diese Mobilitätsform besitzt. Der potenzielle Konflikt in der Paarbeziehung kann somit nicht einfach durch die Erhöhung des täglichen Arbeitsweges gelöst werden.

Schlagwörter: Pendeln, Haushaltsumzug, regionale Mobilität, Arbeitsmarktmobilität, „dual career“-Partnerschaften, Konfliktpotential, Vignettendesign

Why commuting is no perfect solution: preferences for different mobility forms in dual career couples

Dual career couples are facing the problem to coordinate the locations of their jobs and their residence. Especially if one person receives a job offer in a new region, the question of whether to move or to stay arises. In order to solve this problem, couples may decide to establish a commute routine for one partner. Increasing commuter ratios indicate that couples try to balance interests this way. We examine whether commuting is really a valid strategy to reduce the potential for conflicts in a partnership. Data from a factorial survey is used in which dual career couples were asked about identical experimentally varied situations. Results suggest that both individuals’ preferences for the commuting solution are influenced by the same factors, but that the potential commuter prefers the commuting solution less. Hence, commuting seems not to balance interests but, on the contrary, holds potential for new conflicts in dual career couples.

Key words: commuting, household moving, regional mobility, labor market mobility, dual careers, vignette design


Nadia Lois (pp. 247-268)

„Living apart together“: Sechs Typen einer heterogenen Lebensform

In dieser Studie wird mit Daten des Beziehungs- und Familienpanels (pairfam) (Befragte zwischen 15 und 37 Jahre) überprüft, in welchen Erscheinungsformen Partnerschaften mit getrennten Haushalten („living apart together“, LAT) auftreten. Die heuristische Einteilung in die Typen Vorstufe, berufsbedingte Fernbeziehung und Beziehungsideal erweist sich dabei teilweise als fruchtbar, muss jedoch nach den Ergebnissen einer Clusteranalyse weiter differenziert werden. Der vor allem bei Jugendlichen anzutreffende Vorstufen-Typ spaltet sich in zwei Unterformen, eine unverbindliche und eine stärker verfestigte Form, auf. Berufsbedingte LAT-Partnerschaften zeichnen sich erwartungsgemäß durch einen hohen Anteil von Doppelverdienerpaaren und eine überdurchschnittliche Wohnortentfernung aus, sind aber in ihrer Partnerschaftsqualität weniger eingeschränkt als erwartet. Während darüber hinaus ein Cluster von stark konfliktbehafteten LAT-Partnerschaften identifiziert werden kann, finden sich keine eindeutigen Hinweise auf die Existenz der LAT als Beziehungsideal. Im Anschluss an die Clusteranalyse wird im Längsschnitt überprüft, inwieweit sich die Wahrscheinlichkeit einer Trennung bzw. einer Haushaltsgründung zwischen den sechs LATTypen innerhalb von 12 Monaten unterscheidet.

Schlagwörter: Living apart together, bilokale Partnerschaft, berufsbedingte Fernbeziehung, Partnerschaftsstabilität, Partnerschaftsqualität, Kohabitation

„Living apart together“: Six types of a heterogeneous living arrangement

Based on data of the German Family Panel (pairfam) (respondents aged 15 to 37), this study explores different types of partnerships with separate households (“living apart together”, LAT). A cluster analysis suggests that the initial classification into three types of LAT (precursor to cohabitation, work-related long-distance relationship or deliberately chosen living arrangement) has to be qualified. Among adolescents, the precursor type splits up into two subtypes, which mainly differ in the degree of commitment to the partner. Although couples in the cluster „work-related LAT“ live particularly far apart, their relationship quality is somewhat higher than expected. Furthermore, a cluster of high-conflict partnerships is found. However, there is no clear evidence of LAT as a deliberately chosen arrangement. In addition to the cluster analysis, it is examined longitudinally whether the six clusters differ systematically with regard to the propensity of subsequent cohabitation and partnership dissolution, respectively.

Key words: Living apart together, separate households, relationship stability, relationship quality, cohabitation


Una M. Röhr-Sendlmeier, Sebastian Bergold, Andreas Jöris, Anna Verena Cummings, Karin Heim & Eva Johannen (pp. 269-294)

Berufstätige Mütter und sozial-emotionale Kompetenzen ihrer Kinder

Bei 985 vollständigen Familien mit Kindern der 3., 4. und 6. Klassen aus Grundschulen, Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien wurde in einer Querschnittsuntersuchung die Beziehung zwischen der Berufstätigkeit der Mutter und sozial-emotionalen Kompetenzen der Kinder untersucht. Die Aufgabenübernahme des Vaters (erfragt vom Vater), das Wohlbefinden und der praktizierte Erziehungsstil der Mutter (erfragt von der Mutter) wurden als vermittelnde Variablen für den postulierten Zusammenhang angenommen. In Mediatoranalysen der Fragebogendaten wurde der Zusammenhang zwischen Berufstätigkeit und seelischer Gesundheit der Mutter durch die väterliche Aufgabenbeteiligung vermittelt. Für den Zusammenhang zwischen mütterlichem Wohlbefinden und den von den Müttern eingeschätzten sozialemotionalen Kompetenzen der Kinder erwies sich ein autoritativer Erziehungsstil als partieller Mediator. Zwischen dem Umfang der mütterlichen Berufstätigkeit und sozialemotionalen Kompetenzen der Kinder konnten keine direkten Zusammenhänge gefunden werden, von Bedeutung war jedoch die Kongruenz zwischen gewünschtem und tatsächlichem beruflichem Status der Mutter.

Schlagwörter: mütterliche Berufstätigkeit, Aufgabenbeteiligung, Wohlbefinden, Erziehungsstil, sozial-emotionale Kompetenzen

Working mothers and social-emotional competencies of their children

A cross-sectional questionnaire survey of a total of 985 families (parents and children) of 3rd, 4th and 6th graders at different levels in the tripartite German school system was conducted to gain insight into socialization variables connected with maternal employment as to their impact on pupils’ social-emotional competencies. Fathers’ participation in household and educational tasks (answered by fathers), mothers’ well-being and mode of parenting (both answered by mothers) were postulated to mediate between mothers’ employment and social-emotional competencies of the children. Mediation analyses showed that fathers’ participation mediated the correlation between mothers’ employment and mental health. Authoritative parenting partially mediated the correlation between mothers’ well-being and children’s social-emotional competencies as seen by their mothers. No direct correlation was found between maternal employment and socialemotional competencies. Statistical path analyses revealed that congruence of desired and practiced working status was more relevant for mothers’ well-being and children’s socialemotional competencies than the amount of hours mothers worked.

Keywords: working mothers, fathers’ participation, psychological well-being, parenting, socialemotional competencies


Paulina Gałęzewska (pp. 296-318)

Einfluss der Bildung der Frau auf das Zweitgeburtsverhalten in Polen während der sozioökonomischen Transformation

In Polen wurde nach dem Systemumbruch im Jahr 1989 ein starker Geburteneinbruch beobachtet, der nahezu parallel von einer Bildungsexpansion begleitet wurde. Der schnell steigende Anteil junger hoch gebildeter Frauen sollte sich stark auf die zukünftige Fertilitätsentwicklung Polens auswirken, denn Akademikerinnen bekommen nicht nur später, sondern auch weniger Kinder. Die Studie lenkt den Fokus auf das Zweitgeburtsverhalten, da die Geburt des ersten Kindes in Polen weiterhin als universell gilt. Die empirischen Ergebnisse auf Basis des Employment, Family and Education Surveys (2006) zeigen eine mit steigendem Bildungsniveau signifikant sinkende Zweitgeburtenrate. Hochschulabsolventinnen sind in Polen mit hohen Opportunitätskosten konfrontiert, die nur eingeschränkt von den geltenden familienpolitischen Maßnahmen und Arbeitsmarktregulierungen minimiert werden.

Schlagwörter: Polen, Fertilität, zweites Kind, Bildung

Impact of educational attainment on the transition to the second child in post-socialistic Poland

Since the collapse of state socialism in Poland in 1989, a rapid decline in fertility has been observed in parallel with educational expansion. Polish women with university degree tend to postpone their childbearing, and often have fewer children than their less educated counterparts. Thus, an increase in the number of highly educated women may have an impact on the future fertility development of a country. The birth of a first child is fairly universal in women’s lives in Poland, hence, this study focuses on the transition to the second child. Using the Employment, Family and Educational Survey (2006), several piecewise exponential models were estimated. The analyses reveal a strong negative effect of women’s education on the second birth risk. We conclude that Polish women with university degree are exposed to higher opportunity costs, and these are not addressed adequately by existing family policies and labour market regulations related to working mothers.

Keywords: Poland, fertility, second birth, education


Arne Bethmann & Anne Berngruber (pp. 319-343)

Entscheidungsverhalten von Paaren in materiell prekären Lagen über größere Anschaffungen und die Freizeitgestaltung

Der vorliegende Artikel analysiert die Aussagen von Paaren zur Verteilung der Entscheidungsmacht innerhalb der Partnerschaft. Mit den Daten der zweiten Welle der Panelbefragung „Arbeitsmarkt und soziale Sicherung“ wird insbesondere die Machtverteilung bei Paaren in materiell prekären Lagen untersucht, die wir über den Arbeitslosengeld-II-Bezug (ALG II, ugs. „Hartz IV“) definieren. Über größere Anschaffungen entscheidet in prekären Lagen eher die Frau alleine. Die Freizeitgestaltung wird dagegen bei diesen Paaren seltener alleine von der Frau bestimmt. In multinomialen, logistischen Regressionsmodellen zeigt sich, dass für die Verteilung der Entscheidungsmacht bei den ALG-II-Paaren z.T. andere Einflussfaktoren maßgeblich sind als bei Paaren ohne Bezug. Die ökonomischen Ressourcen, die die beiden Partner in die Partnerschaft einbringen, haben im Wesentlichen nur für Paare ohne ALG-II-Bezug Bedeutung. Eine modernere Geschlechterrolleinstellung ist unseren Analysen nach in beiden Gruppen häufiger mit einem egalitären Entscheidungsverhalten bzgl. Größerer Anschaffungen verknüpft. Bei Entscheidungen über die Freizeitgestaltung ist dieser Einfluss wiederum nur bei den Nicht-Beziehern zu finden. Daneben zeigen sich weitere Faktoren, die die Verteilung der Entscheidungsmacht beeinflussen. Auffällig ist z.B. das egalitärere Entscheidungsverhalten von Personen mit niedriger Bildung im ALG-II-Bezug.

Schlagwörter: Entscheidungsmacht, Partnerschaft, ALG II

Decision making within couples in deprived circumstances concerning major purchases and leisure time activities

This article analyses the division of decision power within couples. Based on data from the second wave of the panel study “Labour Market and Social Security”, the allocation of power between the spouses is studied with special regard to couples receiving the German „Unemployment Benefit II“. In deprived circumstances, decisions on major purchases are more often made solely by the woman. On the other hand, decisions on leisure time activities among these couples are less often taken by the women alone. Multinomial logistic regressions indicate that the distribution of decision power among couples in receipt of benefits is governed by other factors than among couples without receipt. The influence of the economic resources that both partners contribute is only visible in the non-recipient group. In both groups, modern gender role attitudes are often connected with a more egalitarian decision-making process regarding major purchases. Again for decisions about leisure time activities, this relation can only be found among the non-recipients. Apart from these, we find additional factors influencing the division of decision power, like individuals with low education deciding more egalitarian in the Unemployment Benefit II group.

Key words: decision power, couples, welfare benefits


Cordula Zabel (pp. 344-359)

Partnerschaftsbildung alleinerziehender Mütter in Russland: Welchen Einfluss haben Berufsmerkmale?

Armutsraten von alleinerziehenden Müttern in Russland waren in der Zeit nach dem politischen und ökonomischen Umbruch im Jahr 1991 besonders hoch, und Einkommensungleichheiten zwischen Frauen nahmen in dieser Periode ebenfalls zu. Daher ist die Fragestellung in dieser Studie, inwiefern die ökonomische Situation von Alleinerziehenden auch ihre Übergangsraten in neue Partnerschaften beeinflusst hat. Dies kann dazu beitragen, zu verstehen, inwiefern wachsende ökonomische Ungleichheiten sich auch auf andere Bereiche des Lebenslaufs auswirken. Die empirischen Analysen beruhen auf Daten des russischen Generations and Gender Survey (GGS). Es wird der Einfluss des Berufs auf Partnerschaftsbildungsraten von Alleinerziehenden vor und nach 1991 anhand von Übergangratenmodellen untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass Alleinerziehende, die im Dienstleistungsbereich arbeiteten, sowohl vor wie auch nach 1991 deutlich höhere Partnerschaftsbildungsraten hatten als Alleinerziehende, die in höher entlohnten Berufen arbeiteten, die einen Universitätsabschluss voraussetzten. Allerdings wurden keine bedeutenden Veränderungen im Einfluss des Berufs auf Partnerschaftsbildungsraten nach 1991, im Vergleich zu vor 1991 gefunden.

Schlagwörter: Alleinerziehende, Russland, Partnerschaftsbildung, Beruf, Ereignisanalyse

Employment characteristics and partnership formation among lone mothers in Russia

Lone mothers’ poverty rates in Russia were very high in the period following the transition in 1991, and earnings inequalities between women increased. The aim of this paper is to examine to what extent lone mothers’ economic situation may have also influenced their rates of partnership formation. This can add to an understanding of how the influence of growing economic inequalities extends to other areas of the life course as well. The data used is from the Russian Generations and Gender Survey (GGS), and methods of event-history analysis are applied for the empirical investigations. The effect of occupation on partnership formation is compared before and after the transition, as earnings differences between those working in different occupations grew after 1991. The results indicate that lone mothers working in service occupations, in particular, had substantially higher rates of partnership formation than those working in higherpaying professional occupations requiring a university degree, both before and after the transition in 1991. However, no large changes in the effect of occupation on partnership formation are found for the period after 1991 compared to the period before transition.

Key words: lone mothers, Russia, partnership formation, occupation, event-history analysis