Volume 23 (2011) – Issue 1

23. Jahrgang (2011) – Heft 1

Content | Inhalt

Monika Pavetic & Petra Stein: Entscheidungsprozess zur Familiengründung in Partnerschaften

Andreas Klocke & Sven Stadtmüller: Bürgerschaftliches Engagement für und von Familien – Eine empirische Analyse mit dem Freiwilligensurvey 1999-2009

Nathalie Meuwly, Peter Wilhelm, Véronique Eicher & Meinrad Perrez: Welchen Einfluss hat die Aufteilung von Hausarbeit und Kinderbetreuung auf
Partnerschaftskonflikte und Partnerschaftszufriedenheit bei berufstätigen Paaren?

Johannes Jungbauer, Jutta Kinzel-Senkbeil, Juliane Kuhn & Albert Lenz: Familien mit einem schizophren erkrankten Elternteil: Ergebnisse einer fallrekonstruktiven Familienstudie

Johannes Huinink, Josef Brüderl, Bernhard Nauck, Sabine Walper,
Laura Castiglioni & Michael Feldhaus: Panel Analysis of Intimate Relationships and Family Dynamics (pairfam): Conceptual framework and design

Ralph-Michael Karrasch & Monika Reichert: Auswirkungen der Pflege eines Partners auf Partnerschaft und Sexualität


Abstracts and keywords | Zusammenfassungen und Schlagwörter

Monika Pavetic & Petra Stein (pp. 5-23)

Entscheidungsprozess zur Familiengründung in Partnerschaften

Obwohl der Übergang in die Elternschaft als Ergebnis einer sozialen Interaktion und damit als Ergebnis eines Entscheidungsprozesses zwischen zwei Individuen im Kontext einer Partnerschaft verstanden werden kann, existieren bisher kaum gesicherte Forschungserkenntnisse auf der Paarebene. Dieses betrifft erstens die relative Bedeutsamkeit der Kinderwünsche bzw. Dispositionen beider Partner für die generative Entscheidung, zweitens die wechselseitige Beeinflussung beider Partner im Entscheidungsprozess und drittens die Relevanz der biographischen Kontexte beider Partner für die eigene Disposition sowie für die des Partners. Im Folgenden wird ein nicht-lineares simultanes Probit-Modell vorgestellt, mit dem die relativen Effekte im innerpartnerschaftlichen Entscheidungsprozess zur Familiengründung geschätzt werden können. Als Datengrundlage dient das Bamberger Ehepaar-Panel. Die Ergebnisse des Modells zeigen einen gleichwertigen Einfluss der Dispositionen beider Partner auf die Entscheidung, jedoch ungleiche Gewichte der Partner im Interaktionsbzw. Annäherungsprozess.

Schlagwörter: Entscheidungsprozess, Familiengründung, nicht-lineares simultanes Probit-Modell

The decision-making process within relationships prior to starting a family

The transition to parenthood can be viewed as the result of social interaction. It signifies the outcome of a decision-making process of two individuals in a relationship. Nevertheless, little research has, so far, looked into how the interpersonal couple level influences the decision. What needs to be considered here is, firstly, the relative importance of both partners’ desire to have a child, or the partners’ disposition towards reproduction. Secondly, the reciprocal influence ,of both partners on each other within the decision-making process, and thirdly the relevance of both partners’ biographical background with regard to their respective decisions and disposition must be assessed. In this article, a nonlinear simultaneous probit model is introduced, with the help of which the relative effects of the decisionmaking process within the relationship can be estimated. The analysis is based on the “Bamberg Married Couples Panel”. The results of the model show an equal influence of both partners’ dispositions on the decision itself. However, they also demonstrate different levels of influence of the partners within the process of interaction and convergence.

Key words: decision-making process, starting a family, nonlinear simultaneous probit model


Andreas Klocke & Sven Stadtmüller (pp. 24-36)

Bürgerschaftliches Engagement für und von Familien – Eine empirische Analyse mit dem Freiwilligensurvey 1999-2009

Der Beitrag beschäftigt sich mit der Rolle von bürgerschaftlichem Engagement, das für Familien erbracht wird und das Familien selbst erbringen. Dabei werden unter bürgerschaftlichem Engagement für und von Familien Betreuungs-, Beratungs- und Pflegeleistungen für Kinder, Jugendliche oder Senioren betrachtet, die Familien auf direkte oder indirekte Weise entlasten. Die Daten des Freiwilligensurvey zeigen, dass 35 Prozent der bürgerschaftlich engagierten Menschen in Deutschland ihre Tätigkeit direkt oder indirekt an Familien ausrichten. Familienmitglieder gehören zugleich zu den Hauptakteuren bürgerschaftlicher Arbeit. Insbesondere in Haushaltskontexten mit Kindern sind mehr als 40 Prozent aller Engagierten für andere Familien aktiv. Vor dem Hintergrund aktueller Problemlagen von Familien und des demografischen Wandels kann in Zukunft mit einem deutlich steigenden Bedarf an bürgerschaftlicher Unterstützung gerechnet werden.

Schlagwörter: bürgerschaftliches Engagement, Problemlagen von Familien, Pflege und Betreuung, Freiwilligensurvey, demografischer Wandel

Volunteer services provided for and by families: An empirical analysis with data from the German “Freiwilligensurvey” 1999-2009

The article deals with the role of volunteer services provided for and by families. This includes care and consulting services for children, adolescents and seniors and is supposed to disburden families in a direct or indirect way. Data from the German “Freiwilligensurvey” (Volunteer Survey) suggest that a proportion of 35 percent of all volunteers aim their services at families. On the other side, families belong to the main actors of volunteering. In household with children, more than 40 percent of the volunteers are engaged for other families. Against the background of current problems in family life and demographic change, a raise in demand for volunteer services is likely for the future.

Key words: volunteer services, problems in family-life, care services, German Volunteer Survey, demographic change


Nathalie Meuwly, Peter Wilhelm, Véronique Eicher & Meinrad Perrez (pp. 37-56)

Welchen Einfluss hat die Aufteilung von Hausarbeit und Kinderbetreuung auf Partnerschaftskonflikte und Partnerschaftszufriedenheit bei berufstätigen Paaren?

In bisherigen Studien zeigte sich, dass vor allem bei Frauen die Zufriedenheit mit der Arbeitsteilung mit der Partnerschaftszufriedenheit zusammenhängt. Ungeklärt ist, ob dieser Zusammenhang durch eine Reduktion des Konfliktpotentials in der Partnerschaft vermittelt wird und welche Rolle dabei die tatsächliche Aufteilung der Familienarbeit spielt. 207 Schweizer Doppelverdiener-Paare mit Kleinkindern wurden anhand von Fragebogen zu Partnerschaft und Arbeitsteilung befragt. Die familiäre Arbeitsteilung wurde überwiegend als zufriedenstellend erlebt, dabei verrichteten mehrheitlich die Frauen die Hausarbeit und betreuten die Kinder. Bei beiden Partnern war eine geringere Zufriedenheit mit der Aufteilung von Hausarbeit und Kinderbetreuung mit häufigeren Konflikten assoziiert, welche wiederum mit einer geringeren Partnerschaftszufriedenheit zusammenhingen. Im Gegensatz zur Kinderbetreuung waren die Effekte der Arbeitsteilung der Hausarbeit auf die Partnerschaft stärker für die Frauen als für die Männer. Dabei war die subjektive Bewertung der Arbeitsteilung bedeutender für die berichteten Konflikte und die Partnerschaftszufriedenheit als die tatsächliche Arbeitsteilung.

Schlagwörter: Arbeitsteilung, Hausarbeit, Kinderbetreuung, Partnerschaftszufriedenheit, Doppelverdiener

Division of housework and child care, conflict, and relationship satisfaction in dual-earner couples

Although women’s relationship satisfaction is known to covary with satisfaction regarding couples’ division of housework and child care, the factors mediating these associations are rarely examined. To test the hypothesis that relationship conflict mediates the link between housework and relationship satisfaction, 207 dual-earner couples with young children completed questionnaires about their relationship and how they divided housework and child care. Most couples were satisfied with the division of labor, and women did most of the housework and child care. For husbands and wives, dissatisfaction with division of housework and child care was associated with more perceived conflicts, which in turn covaried with lower relationship satisfaction. Division of housework was more strongly associated with relationship satisfaction for women than for men, but there were no gender differences for the impact of child care responsibilities on relationship satisfaction. In general, subjective evaluation of the division of labor had stronger effects on relationship conflicts and satisfaction than the division of labor itself.

Key words: division of labor, housework, child care, relationship satisfaction, dual-earners


Johannes Jungbauer, Jutta Kinzel-Senkbeil, Juliane Kuhn & Albert Lenz (pp. 57-76)

Familien mit einem schizophren erkrankten Elternteil: Ergebnisse einer fallrekonstruktiven Familienstudie

Fragestellung: In diesem Beitrag werden Ergebnisse einer fallrekonstruktiven Studie vorgestellt, bei der Familien mit einem schizophren erkrankten Elternteil befragt wurden. Dabei sollte untersucht wurden, wie sich die Schizophrenie auf die Familienmitglieder, ihren Alltag und ihre Beziehungen auswirkt. Methodik: Die Auswertung erfolgte sowohl fall- als auch themenbezogen, wobei inhaltsanalytische und fallrekonstruktive Verfahren eingesetzt wurden. Ergebnisse: Trotz der Vielfalt der familiären Konstellationen und Belastungslagen zeigte sich eine Reihe charakteristischer Muster. Kinder zu haben bedeutet für erkrankte Eltern, sowohl Ressourcen als auch Belastungen zu haben. Paar- und Familienbeziehungen sind oft stark beeinträchtigt und weisen ein hohes Risiko für Beziehungsabbrüche auf. Zugleich wird im Familienalltag eine Normalität jenseits der Erkrankung angestrebt und erlebt. Normalisierungs- und Vermeidungsstrategien können dazu beitragen, dass die Erkrankung zu einem Tabuthema wird. Viele Kinder sind daher unzureichend über die elterliche Schizophrenie informiert. Sie sind in dieser Situation oft überfordert und entwickeln ihrerseits Verhaltensauffälligkeiten, Ängste und Depressionen. Diskussion: Die Schizophrenie kann insofern als „Familienerkrankung“ gedeutet werden, als sie das gesamte Familiensystem beeinflusst, belastet und gefährdet. Aus diesem Grund sollten verstärkt familienorientierte Präventionsangebote bereitgestellt werden, wobei Gesundheitswesen und Jugendhilfe eng miteinander kooperieren sollten.

Schlagwörter: Schizophrenie, psychische Erkrankung, Familie, Elternschaft, Kinder

Families with parents suffering from schizophrenia: Results from a casereconstructive family study

Objective: This study aims at investigating the impact of a parental schizophrenia on the family members, their everyday life and their relations. For this purpose, we conduct qualitative interviews with mothers and fathers suffering from schizophrenia, their spouses and children. Methods: Interview data is analyzed using casereconstructive as well as content analysis methods. Results: Although results illustrate a great variety of family constellations and burdening circumstances, there are a number of typical patterns: Having children is perceived by affected parents in an ambiguous manner, i.e. as a resource as well as a distress. Relationships of couples and families are often impaired, resulting in a high risk of abandonment of relationships. At the same time, family members strive for normality in everyday life. Normalisation and avoidance strategies can bring about that the schizophrenia becomes a taboo issue within the family. Thus, with regard to their parent’s illness, many of the children are insufficiently informed. Often, the children are overstrained by this situation and, in turn, may develop behaviour disorders, anxiety, or depression. Discussion: In sum, schizophrenia can be considered as a “family disease” as it strongly affects the whole family system. Hence, it is necessary to provide preventive help offers for affected parents, their spouses and children. For delivering support, youth welfare and public health services should cooperate closely.

Key words: schizophrenia, family, parenthood, children, mental illness


Johannes Huinink, Josef Brüderl, Bernhard Nauck, Sabine Walper, Laura Castiglioni & Michael Feldhaus (pp. 77-101)

Panel Analysis of Intimate Relationships and Family Dynamics (pairfam): konzeptioneller Rahmen und Forschungsdesign

Dieser Beitrag stellt das deutsche Beziehungsund Familienpanel (pairfam) vor, das eine empirische Basis für Fortschritte in der Beziehungsund Familienforschung bieten soll. Vor dem Hintergrund zentraler Herausforderungen in der Partnerschafts- und Familienforschung werden Themenschwerpunkte, der konzeptuelle Rahmen und das Design des pairfam-Projekts vorgestellt. Inhaltlich fokussiert werden Fragen der Aufnahme, Gestaltung und Beendigung von Partnerschaftsbeziehungen, Elternschaftsentscheidungen bei Familiengründung und -erweiterung, Erziehung und Eltern-Kind-Beziehungen sowie Intergenerationenbeziehungen. Befragungsteilnehmer waren in der ersten Erhebungswelle je rund 4.000 Jugendliche (geboren 1991-93), junge Erwachsene (geboren 1981-83) und Erwachsene im mittleren Lebensalter (geboren 1971-73) sowie nach Möglichkeit auch deren Partner/in. Ab der zweiten Erhebungswelle werden auch Eltern und Kinder einbezogen. Am Ende des Beitrages werden einige Angaben zur Distribution der Daten als scientific use file gemacht.

Schlagwörter: Erziehung, Familienforschung, Deutschland, Kinder, Paarbeziehungen, Panelstudie, pairfam, Partnerschaft

Panel Analysis of Intimate Relationships and Family Dynamics (pairfam): Conceptual framework and design

This article introduces the DFG-funded “Panel Analysis of Intimate Relationships and Family Dynamics” (pairfam) study, which was initiated to provide an extended empirical basis for advances in family research. Within the context of challenges in couples and family research, we address the major substantive fields covered by the pairfam panel: couple dynamics and partnership stability, childbearing, parenting and child development, and intergenerational relationships. Then we present the conceptual framework and survey design of pairfam. The panel started with about 4,000 respondents (anchors) in each of three birth cohorts: 1991-1993, 1981-1983, and 1971-1973. The panel also includes anchors’ partners. From the second wave onwards parents and children of anchors are included. The policy of pairfam with regard to the provision of scientific use files and data distribution are discussed in the concluding remarks.

Key words: children, couples, family research, Germany, panel study, pairfam, parenting, partnership


Ralph-Michael Karrasch & Monika Reichert (pp. 102-116)

Auswirkungen der Pflege eines Partners auf Partnerschaft und Sexualität

Diese Studie zeigt, dass die Pflege eines Partners mit chronischer Erkrankung oder Einschränkung in vielerlei Hinsicht eine schwierige Aufgabe darstellt und negative Auswirkungen – wie einen Mangel an Zärtlichkeit oder sexuelle Probleme – auf die Partnerschaftsqualität haben kann. In Hinblick auf sexuelle Probleme können unzureichende Wege mit sexueller Dysfunktion des (männlichen) Partners umzugehen, das Vermeiden von Gesprächen über Sexualität, eine irreführende Wahrnehmung der gegenseitigen sexuellen Bedürfnisse und Eifersucht als besonders belastend erlebt werden. Als Folge berichten Pflegende und Gepflegte über eine geringere Zufriedenheit mit der Partnerschaft als in der Zeit, bevor die Pflegesituation auftrat. Um die möglichen negativen Auswirkungen einer Pflegesituation auf die Partnerschaft zu verringern, müssen Veränderungen im alltäglichen Leben und in der Partnerschaft besser angenommen und adäquate Bewältigungsstrategien wie z.B. eine Verbesserung der verbalen Kommunikation genutzt bzw. erlernt werden.

Schlagwörter: Pflege eines Partners, Partnerschaftszufriedenheit, sexuelle Probleme

Impacts of spouse-caregiving on relationship and sexuality

Abstract: This study shows that caregiving for a spouse with a chronic disease or disability can be a difficult task in many ways and can have a negative impact (e.g. lack of intimacity, sexual problems) on the quality of the relationship between the couple. With regard to sexual problems, for example, insufficient ways to handle sexual dysfunction of the (male) partner, the avoidance of talking about sexuality, a misleading perception of each other’s sexual needs and jealousy can be experienced as especially burdensome. As a consequence, very often caregivers and care receivers report a lower marital satisfaction compared to the time before the caregiving situation set in. In order to reduce the negative impact caregiving may have on the partnership, changes in everyday life and in the relationship have to be accepted and, adequate coping strategies have to be used or learned, respectively (e.g. improvement of verbal communication skills).

Key words: spouse caregiver, marital satisfaction, sexual problems