Volume 22 (2010) – Issue 3

22. Jahrgang (2010) – Heft 3

Content | Inhalt

Christian Schmitt & Heike Trappe: Introduction to the special issue: Gender relations in Central and Eastern Europe – Change or continuity?

Hana Hašková & Christina Klenner: Why did distinct types of dual-earner models in Czech, Slovak  and East German societies develop and persist?

Éva Fodor & Anikó Balogh: Back to the kitchen? Gender role attitudes in 13 East European countries

Heather Hofmeister, Lena Hünefeld & Celina Proch: The role of job-related spatial mobility in the household division of labor within couples in Germany and Poland

Anna Matysiak & Daniele Vignoli: Employment around first birth in two adverse institutional settings: Evidence from Italy and Poland

Matthias Pollmann-Schult: Wenn Männer Väter werden – Über die Auswirkungen der Vaterschaft  auf Freizeit, Lebenszufriedenheit und familiäre Beziehungen


Abstracts and keywords | Zusammenfassungen und Schlagwörter

Hana Hašková & Christina Klenner (pp. 266-288)

Warum sind unterschiedliche Typen von Zweiverdienermodellen in der tschechischen, slowakischen und ostdeutschen Gesellschaft entstanden und warum bestehen sie weiter?

Wir untersuchen Arrangements der Aufteilung von Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung in Tschechien, der Slowakei und Ostdeutschland, vor und nach 1989. Basierend auf dem institutionalistischen Ansatz untersuchen wir, wie, wann und weshalb sich zwei unterschiedliche Arrangements in dieser Region entwickelt und durchgesetzt haben. Als die Konflikte des modernisierten Gender-Modells offenkundig wurden, schlugen die politischen Entscheidungsträger in der Tschechoslowakei und der DDR verschiedene Pfade ein, um Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung in Einklang zu bringen. Infolgedessen entstanden zwischen den Ländern grundlegende Unterschiede in der Kombination von Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung und in den damit verbundenen Werten und Normen. Wir erklären ausgehend von der Analyse des institutionellen und kulturellen Erbes dieser Länder, weshalb der Übergang von einem totalitären zu einem demokratischen Gesellschaftstypus mit einem hohen Maß an Kontinuität in den Arrangements der Kombination von Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung einherging. Ein zentrales Ergebnis unserer Untersuchung ist, dass neuere Änderungen der institutionellen Rahmenbedingungen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Tschechien, der Slowakei und in Ostdeutschland nicht auf die massiven Umwälzungen im Zuge des Mauerfalles zurückgehen, sondern in einer Phase relativer Stabilität stattfanden.

Schlagwörter: Zweiverdienermodell, Erwerbsarbeits- und Kinderbetreuungs-Arrangements, Institutionalismus, Mittel- und Osteuropa

Why did distinct types of dual-earner models in Czech, Slovak and East German societies1 develop and persist?

We examine pre-1989 and post-1989 work-care models in Czech, Slovak and East German societies. Inspired by the institutionalist approach, we develop a framework that allows to analyze how, when and why two distinct work-care models evolved and persisted in the region. Once problems of the modernized gender model emerged, Czechoslovak and East German governments set the two countries on two distinct work-care policy paths. Consequently, fundamental differences in work-care practices and work-care related values and norms emerged between the two countries. Based on an examination of the institutional and cultural legacy, we explain why the transition from totalitarian to democratic regimes was accompanied by continuity in work-care models rather than radical departures from the previous models. In contrast to traditional institutionalist studies we point out that more recent institutional changes in the sphere of work-care policies in Czech, Slovak and East German societies did not occur as a consequence of the 1989 revolutionary period, but rather evolved in a period of relative stability.

Key words: dual-earner model, work-care arrangements, institutionalism, Central and Eastern Europe


Éva Fodor & Anikó Balogh (pp. 289-307)

Zurück in die Küche? Einstellungen zu Geschlechterrollen in 13 osteuropäischen Ländern

Dieser Artikel untersucht, auf Basis von Umfragedaten des EUREQUAL-Projektes, die Determinanten von Einstellungen zu Geschlechterrollen in 13 postkommunistischen osteuropäischen Gesellschaften. Unsere Hauptergebnisse bestehen aus zwei Teilen. Erstens: Wir legen dar, dass – entgegen den Erwartungen von Wissenschaftler(inne)n, die das Fehlen eines Gender- oder feministischen Bewusstseins betonen – dass Gender in postkommunistischen Gesellschaften tatsächlich eine wichtige Determinante der Meinungen über die Geschlechterrollen ist: Wie auch anderswo bringen Frauen liberalere Einstellungen als Männer zum Ausdruck. Zweitens: Wir argumentieren, dass die Interaktion anderer Determinanten der Meinungen zu den Geschlechterrollen mit Gender gleichfalls den Mustern folgt, die in der Literatur im Bezug auf weiter entwickelte kapitalistische Gesellschaften beschrieben werden. In dieser Hinsicht scheinen die osteuropäischen Gesellschaften sich den allgemeinen Trends der Herausbildung von Meinungen zu den Geschlechterrollen anzugleichen. Zur Erklärung verweisen wir auf den Zusammenhang zwischen den materiellen Lebensbedingungen von Frauen und ihren Einstellungen zu den Geschlechterrollen, ohne jedoch die Bedeutsamkeit kultureller Unterschiede – wenn sie auch eher Ausnahmen sind – abzustreiten.

Schlagwörter: Gender, Einstellungen zu Geschlechterrollen, Zentral- und Osteuropa, Postkommunismus, Geschlechtergleichheit

Back to the kitchen? Gender role attitudes in 13 East European countries

This paper explores the determinants of gender role opinions in 13 post-communist Eastern European societies using survey data from the project EUREQUAL. Our main findings consist of two parts. First, contrary to the expectations of scholars who emphasize the lack of gender/feminist consciousness in Eastern Europe, we argue that gender indeed is an important determinant of gender role opinions in post-communist societies: as elsewhere women express more liberal attitudes than men. Second, we argue that the interaction of other determinants of gender role opinions with gender also follows patterns described in the literature for more developed capitalist countries. In this respect, therefore, East European countries seem to fit the general trends of gender role opinion formation. As explanation we point to a connection between women’s material conditions and their gender role attitudes, not denying the importance of cultural difference – if primarily as exception – to this process.

Key words: gender, gender role attitudes, Central and Eastern Europe, post-communism, gender inequality


Heather Hofmeister, Lena Hünefeld & Celina Proch (pp. 308-330)

Die Rolle berufsbezogener Mobilität in der Hausarbeitsteilung in Partnerschaften in Deutschland und Polen

Dieser Artikel untersucht die Aufteilung von Hausarbeit und Kinderbetreuung auf Basis von Selbsteinschätzungen berufsbedingt räumlichmobiler sowie nicht mobiler Befragter in Deutschland und Polen. Anhand von Daten des Projektes Job Mobility and Family Lives in Europe (2007) betrachten wir Personen, die mit ihrem Partner in einem Doppelverdienerhaushalt leben. So geben beruflich mobile Männer häufig an, die Hausarbeit auf ihre Partner zu übertragen. Polnische Paare zeigen eine stärkere Tendenz zu einer egalitären Arbeitsteilung als deutsche, insbesondere im Hinblick auf die Kinderbetreuung. Das zentrale Ergebnis unserer Untersuchung ist jedoch, dass das Geschlecht sowohl Mobilitäts- als auch nationale Unterschiede überlagert. Sowohl polnische als auch deutsche Frauen, ob beruflich mobil oder nicht, übernehmen den Hauptanteil an der Hausarbeit und Kinderbetreuung.

Schlagwörter: berufliche räumliche Mobilität, Gender, Hausarbeit und Kinderbetreuung, nationaler Vergleich Deutschland und Polen

The role of job-related spatial mobility in the household division of labor within couples in Germany and Poland

This paper will examine the self-reported division of housework and childcare in Germany and Poland considering the job-related spatial mobility within dual-earner couples who are living in a household together with a partner, using 2007 data from the Job Mobility and Family Lives in Europe Project. We find that men who are spatially mobile for work often report shifting housework to their partners. Polish couples show a stronger tendency toward an egalitarian division of labor than German couples do, especially in terms of childcare. But the central finding of this research is, gender trumps national differences and spatial mobility constraints. Polish and German women, whether mobile for their work or not, report doing the majority of housework and childcare compared to their partners.

Key words: job-related spatial mobility, gender, division of household labor, childcare, crossnational comparison Germany and Poland


Anna Matysiak & Daniele Vignoli (pp. 331-349)

Erwerbstätigkeit im Umfeld der ersten Geburt in zwei gegensätzlichen institutionellen Rahmungen: Ergebnisse aus Italien und Polen

In diesem Artikel wird das Erwerbsverhalten von Frauen in Italien und Polen im Umfeld der Geburt des ersten Kindes analysiert. Diese beiden Länder haben hinsichtlich der kulturellen und institutionellen Rahmenbedingungen viel gemeinsam. Sie weisen jedoch auch zentrale Unterschiede auf, die es uns erlauben, genauer zu untersuchen wie die länderspezifischen Faktoren das Erwerbsverhalten von Frauen im Umfeld der Erstgeburt beeinflussen. Unsere Ergebnisse zeigen, dass substanzielle Unterschiede im Verhalten über Bildungsgruppen hinweg und zwischen den beiden Ländern bestehen. Wir kommen zu dem Schluss, dass die Bedingungen der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie zwar wichtig, aber nicht die einzigen Determinanten für die Entscheidungen der Frauen hinsichtlich der Fertilität und der Erwerbstätigkeit sind. Andere länderspezifische Faktoren sind dabei ebenfalls sehr einflussreich.

Schlagwörter: Frauenerwerbstätigkeit, Erstgeburt, Italien, Polen, Ereigniszeitanalyse

Employment around first birth in two adverse institutional settings: Evidence from Italy and Poland

This paper analyses women’s employment behaviour around first birth in Italy and Poland. These two countries have much in common as far as their cultural and institutional frameworks are concerned. However, they also display key differences that allow us to better investigate how the country-specific factors mediate women’s employment behaviour around the first birth. Our findings reveal substantial differences in women’s behaviour across educational groups and between the two countries. We conclude that conditions for combining work and family, although important, are not the only determinants of women’s fertility and employment decisions, and that other country-specific factors are also highly influential.

Key words: Women’s employment, first childbirth, Italy, Poland, event history analysis


Matthias Pollmann-Schult (pp. 350-369)

Wenn Männer Väter werden – Über die Auswirkungen der Vaterschaft auf Freizeit, Lebenszufriedenheit und familiäre Beziehungen

Der vorliegende Beitrag analysiert die Auswirkungen der Vaterschaft auf verschiedene Aspekte des Alltagshandelns. Die empirischen Analysen auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) zeigen positive Effekte der Vaterschaft hinsichtlich der Lebenszufriedenheit, des bürgerschaftlichen Engagements, der religiösen Partizipation sowie der Beziehung zur Herkunftsfamilie. Diese Befunde ergänzen und erweitern frühere Erkenntnisse, die vor allem auf nachteilige Auswirkungen der Elternschaft – wie die Zunahme psychischer Belastungen, den Rückgang der Beziehungsqualität und Partnerschaftszufriedenheit sowie Einschränkungen im Freizeitverhalten – aufmerksam machen. Eine Differenzierung zwischen biologischen und sozialen Vätern zeigt, dass sich beide Vätertypen in ihrer sozialen und religiösen Partizipation sowie der Beziehung zu den eigenen Eltern voneinander unterscheiden.

Schlagwörter: Vaterschaft, Stiefvaterschaft, Lebenszufriedenheit, Freizeitaktivitäten, familiale Beziehungen.

When men become fathers – The effects of fatherhood on leisure activities, life satisfaction, and family relations

This study uses data from the German SocioEconomic Panel (SOEP) to analyze the effect of fatherhood on different aspects of the everyday life of men. The results indicate that fatherhood positively affects men’s life satisfaction, civic engagement, religious participation, and the closeness of the relationship between men and their families of origin. These findings extend past research, which primarily called attention to the negative effects of fatherhood, such as increased psychological strain, reduced marital satisfaction and limitations in leisure activities. Distinguishing between biological fathers and stepfathers shows that the effect of fatherhood differs between both types of fathers with respect to their civic and religious engagements as well as to their relation to their parents.

Key words: Fatherhood, stepfatherhood, life satisfaction, leisure activities, family relations.