Volume 22 (2010) – Issue 2

22. Jahrgang (2010) – Heft 2

Content | Inhalt

Detlev Lück & Norbert F. Schneider: Introduction to the special issue on Mobility and family: Increasing job mobility – Changing family lives

Gil Viry, Eric D. Widmer & Vincent Kaufmann: Does it matter for us that my partner or I commute? Spatial mobility for job reasons and the quality of conjugal relationships in France, Germany, and Switzerland

Gerardo Meil: Geographic job mobility and parenthood decisions

Beate Collet & Estelle Bonnet: Decisions concerning job-related spatial mobility and their impact on family carrers in France and Germany

Detlev Lück: Walking the tightrope. Combining family life, carrrer and job mobility

Andrea Siffert & Guy Bodenmann: Entwicklung eines neuen multidimensionalen Fragebogens zur Erfassung der Partnerschaftsqualität (FPQ)


Abstracts and keywords | Zusammenfassungen und Schlagwörter

Gil Viry, Eric D. Widmer & Vincent Kaufmann (pp. 149-170)

Macht es einen Unterschied für uns, dass mein Partner oder ich pendle? Berufsbedingte räumliche Mobilität und Partnerschaftsqualität in Frankreich, Deutschland und der Schweiz

Mit dem Verweis auf erhöhten Stress, Unplanbarkeit des alltäglichen Lebens, verstärkter Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern und sinkenden Investitionen in Elternschaft und Partnerschaft angesichts zeitlicher und räumlicher Restriktionen ist berufliche Mobilität häufig als negativer Einfluss auf Familien beurteilt worden. Dieser Beitrag fragt, wie sich tägliches Fernpendeln und Wochenendpendeln, wie sich beruflich bedingte häufige Abwesenheit von zuhause und Fernbeziehungen auf die Partnerschaftsqualität auswirken. Um dieser Frage nachzugehen, verwenden wir Daten aus einer großen europäischen Umfrage zum Thema berufliche Mobilität und Familienleben (JobMob) zu 2.914 Befragten, die angeben, eine feste Beziehung zu haben, und die in Frankreich, Deutschland oder in der Schweiz leben. Zunächst bestimmen wir empirisch aufgrund des aktuellen Mobilitätsverhaltens beider Partner sowie zentraler sozio-demographischer Variablen acht Lagen im sozialen Raum. Danach untersuchen wir, inwieweit diese Lagen in den drei unterschiedlichen nationalen Kontexten Partnerschaftszufriedenheit und Partnerschaftskonflikte beeinflussen. Ergänzend wird der Prozess berücksichtigt, im Zuge dessen Individuen mobil geworden sind. Wir kommen zu dem Ergebnis, dass berufliche Mobilität keinen signifikanten Einfluss auf die Partnerschaftsqualität hat. Eine verminderte Partnerschaftsqualität ist eher charakteristisch für Menschen, die die Mobilitätsentscheidungen als negativ und als kollektiv erlebt haben. Abschließend diskutieren wir, welchen Beitrag diese Befunde für das Verständnis der Organisation des Beziehungslebens von Paaren haben, die mit Mobilitätserfordernissen konfrontiert sind.

Schlagwörter: berufliche Mobilität, räumliche Mobilität, Fernpendeln, Übergang in die Mobilität, Partnerschaftsqualität, Familienorganisation, internationaler Vergleich

Does it matter for us that my partner or I commute? Spatial mobility for job reasons and the quality of conjugal relationships in France, Germany, and Switzerland

Spatial mobility has often been considered a detrimental factor for families for various reasons, stemming from increasing stress, unpredictability of daily life, increasing gender inequalities, and decreasing investment in parenting and partnerships due to time and space constraints. This contribution considers how daily long-distance and weekly commuting, frequent absence from home, and long-distance relationships for job-related reasons affect conjugal quality. To investigate this issue, we used data from a large European survey on job mobility and family life (JobMob), based on 2,914 individuals reporting a stable partnership and living in France, Germany, and Switzerland. We first empirically defined eight positions in the social space according to the current mobility practice from each partner and major sociodemographic variables. We then explored the extent to which those positions affect conjugal satisfaction and conjugal conflict within the three national contexts, complementing the analyses by including the process by which one became mobile. We found that job mobility had no significant effect on conjugal quality. Lower quality of conjugal relations rather concerned mobile people who experienced decisions to become mobile both negatively and collectively. We further discuss the importance of our results for understanding the functioning of contemporary couples facing mobility demands.

Key words: Job mobility, spatial mobility, longdistance commuting, process of becoming mobile, conjugal quality, family functioning, international comparison


Gerardo Meil (pp. 171-195)

Räumliche berufsbedingte Mobilität und Familienentwicklung

In diesem Beitrag wird der Frage nachgegangen, inwieweit hohe berufsbedingte räumliche Mobilität negative Folgen auf die Familienentwicklung hat. Im ersten Teil des Aufsatzes wird getrennt nach Geschlecht analysiert, ob Mobilität Kinderlosigkeit fördert, eine Verschiebung des Geburtenkalenders verursacht und ob sie eine Reduktion der Familiengröße zur Folge hat. Darüber hinaus wird in dem zweiten Teil analysiert, welchen Einfluss bestimmte Arbeitsbedingungen sowie die Ressourcen, die Familien zur Verfügung stehen, um Familie und Beruf zu vereinbaren, auf die Entscheidungen bezüglich Elternschaft aus- üben. Die Analyse stützt sich auf eine repräsentative Umfrage in sechs europäischen Ländern (Deutschland, Frankreich, Spanien, Polen, Schweiz und Belgien) mit Personen im Alter zwischen 25 und 54 Jahren. Die Daten wurden in 2007 erhoben. Mobile Erwerbstätige wurden überproportional erhoben, um eine ausreichende Fallzahl zu gewährleisten. Die Ergebnisse zeigen, dass die Auswirkung der Mobilität auf die Familienentwicklung von Bedeutung ist, wobei sich Mobilität von Frauen stärker auswirkt. Darüber hinaus ist von Bedeutung, wann im Lebenslauf Mobilität und Elternschaft stattfinden und wie lange die Phase der mobilen Arbeit andauert. Flexible Arbeitszeiten oder die Möglichkeit, einen Teil der Arbeit zu Hause zu leisten, haben keinen eindeutigen Einfluss auf die Entscheidungen zur Elternschaft von mobilen Erwerbstätigen, wohl aber die Unterstützung durch den Arbeitgeber. Unterstützung seitens des Partners scheint die Entscheidung mobiler Frauen für Kinder nicht zu fördern.

Schlagwörter: berufliche Mobilität, räumliche Mobilität, Fertilität, Elternschaft, Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Geographic job mobility and parenthood decisions

The aim of this paper is to analyse, differentiated by gender, the effects that high geographical job mobility has on parenthood decisions. In particular, in a first part we will examine whether job mobility fosters childlessness and/or postponement of childbearing and if mobility implies a lower family size. In a second part we will analyse how the specific working conditions of mobile people and their resources for balancing working and private lives affect childlessness and postponement of parenthood. The analysis will be based on a representative survey of people aged 25 to 54, performed in six European countries (Germany, France, Spain, Poland, Switzerland and Belgium) in 2007, oversampling mobile people in order to get enough cases to analyse. Results show that the impact of high job mobility on the timing and quantum of parenthood is important, both for men and women, but stronger for the latter. Besides gender, the strength of the impact depends on the duration of job mobility and when it takes place in the lifecycle. Resources for promoting a better balance of working and private lives such as flexitime and teleworking have no clear impact on parenthood decisions, but having a supportive employer facilitates family development of mobile employees. A greater involvement of men in unpaid work does not seem to facilitate fertility decisions of mobile women.

Key words: job mobility, spatial mobility, fertility, parenthood, balancing working and family lives


Beate Collet & Estelle Bonnet (pp. 196-215)

Entscheidungen zu berufsbedingter räumlicher Mobilität und ihre Auswirkungen auf Familienkarrieren in Frankreich und Deutschland

Beruflich bedingte räumliche Mobilität stellt die Frage nach der Erwerbsarbeit von Männern und Frauen. Es geht dabei aber nicht nur um die Entscheidung für einen bestimmten Beruf oder für einen Karriereschritt. Mobilität kann auch eine Folge von Doppelerwerbstätigkeit eines Paares sein. Wir gehen der Frage nach, wie die Entscheidung bei bi-aktiven Paaren im Verhältnis zu mono-aktiven Paaren getroffen wird und inwieweit andere soziodemographische Faktoren, besonders die Anwesenheit von Kindern in der Familie, Mobilitätsentscheidungen beeinflussen. Wir vergleichen deutsche und französische Daten, die in einer europäischen in sechs Ländern durchgeführten Studie Job Mobilities and Family Lives (2007) erhoben wurden. Die Erwerbstätigkeit von Frauen und die Familienpolitik sind in beiden Ländern relativ unterschiedlich. Während Frankreich schon seit Jahren Mütter mit konkreten Maßnahmen unterstützt, die es ermöglichen einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, ist die Familienpolitik in Deutschland erst kürzlich von dem mutterzentrierten Modell abgekommen, dass Frauen darin unterstützte zuhause zu bleiben und die Kinder zu erziehen. Die statistische Auswertung wird vervollständigt durch Ergebnisse aus zwei qualitativen Studien. Die eine wurde 2006 in Frankreich durchgeführt. Die Ergebnisse der zweiten 2001 in Deutschland durchgeführten Studie werden berichtet. Beide Studien interessieren sich für Mobilitätsformen, die mehrere Tage Abwesenheit von zuhause verlangen. Eine Typologie unterschiedlicher „Familienkarrieren“, die im Rahmen der französischen Studie ausgearbeitet worden ist, wird hier zur Analyse des deutschen und französischen Materials herangezogen. Die Paare unterscheiden sich in Bezug auf den Entscheidungsprozess bezüglich der Mobilität und dieser wiederum hat unterschiedliche Partnerschaftskonzepte als Grundlage.

Schlagwörter: berufliche Mobilität, räumliche Mobilität, Familienbiographie, Entscheidung zur Mobilität, partnerschaftliche Aushandlungsprozesse

Decisions concerning job-related spatial mobility and their impact on family careers in France and Germany

Job-related spatial mobility raises questions about women’s and men’s professional life. It does not always accompany a specific job or a promotion; it may also arise as the consequence of being in a dual-career couple. We will study how the decision is handled by bi-active couples, compared to couples who live according to the more classical ‘male breadwinner model’, and how other sociodemographic factors, especially the presence of children, influence the decision in favour of mobility. We will compare data on France and Germany drawn from the European Survey Job Mobilities and Family Lives (2007) realised in six European countries. Women’s employment rates and family policies are not the same in the two countries. While France has for several years provided solutions to help women remain in the labour force while raising children, Germany only recently abandoned a mother-centred family policy which pushed women to stay at home while raising their children. Statistical data will be completed by results from two qualitative studies to see more precisely how job mobility is experienced concretely. One study was realised in France in 2006. Results from the other study in Germany in 2001 will be reported. Both place the accent on mobile people who spend several days a week away from home. A typology of ‘family careers’, developed in the French study and applied to the French and German data shows that couples differ with regard to the decision-making processes on mobility, which reveal different underlying partnership patterns.

Key words: job mobility, spatial mobility. FranceGermany comparison, family career, mobility decision process, conjugal negotiation


Detlev Lück (pp. 216-241)

Drahtseilakte Vereinbarkeit von Familie, Beruf und beruflicher Mobilität

Der Artikel untersucht den Einfluss beruflich bedingter Mobilität auf das Verhältnis von Doppelverdienern und Elternschaft und auf die Fähigkeit von Paaren, beides zu realisieren. Anhand von Umfragedaten des Projektes Job Mobilities and Family Lives in Europe für sechs Länder (Deutschland, Frankreich, Spanien, Polen, Schweiz, Belgien) vergleichen bivariate Analysen Paare, die entweder durch den Beruf des Mannes oder den der Frau mit Mobilität konfrontiert sind, mit Paaren, die nicht davon betroffen sind, hinsichtlich der Anteile von Eltern, von Ein- und von Doppelverdiener-Paaren. Multivariate Analysen testen den Einfluss von beruflicher Mobilität und anderen relevanten Bedingungen auf die Erwerbstätigkeit von Frauen sowie auf Elternschaft. Indikatoren werden gesichtet, die die Beurteilung der Befragten erfassen, um die Befunde zu erhärten. Der Artikel kommt zu dem Schluss, dass Paare eher kinderlos bleiben als eine der beiden Erwerbstätigkeiten aufzugeben, wenn beides nicht miteinander vereinbar ist. Ähnlich wie andere nachteilige Umstände vermindert berufliche Mobilität die Fähigkeit von Paaren, beides zu vereinbaren. Wenn die Frau beruflich mobil ist, ist der Effekt weitaus stärker, als wenn der Mann mobil ist. Auch der nationale Kontext macht einen Unterschied: sowohl für den Grad der Vereinbarkeit im Allgemeinen wie auch für die Stärke der Effekte.

Schlagwörter: berufliche Mobilität, räumliche Mobilität, Frauenerwerbstätigkeit, Elternschaft, Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Walking the tightrope Combining family life, career and job mobility

The article examines the ways in which job mobility affects the relationship between dual careers and parenthood and the ability of couples to realise both. Based on survey data from the project Job Mobilities and Family Lives in Europe for six countries (Germany, France, Spain, Poland, Switzerland, Belgium), bivariate analyses compare ratios of couples with children and/or one or two careers between couples confronted with job mobility in the husband’s or wife’s job and those who have no such mobility. Multivariate analyses test the influence of job mobility and other relevant circumstances on female employment as well as on having children. Indicators measuring respondents’ subjective evaluation of the influences are reviewed to confirm the results. The results suggest that couples tend to be childless rather than give up one partner’s job if the two goals are incompatible. Job mobility, as with other unfavourable circumstances, reduces the ability of couples to combine both, and this ability is much more reduced if the woman is job mobile than if the man is. In addition, national context matters for level of compatibility and for strength of effects.

Key words: job mobility, spatial mobility, female employment, parenthood, balancing work and family lives


Andrea Siffert & Guy Bodenmann (pp. 242-255)

Entwicklung eines neuen multidimensionalen Fragebogens zur Erfassung der Partnerschaftsqualität (FPQ)

Hintergrund: Im deutschen Sprachraum kommt der Partnerschaftsforschung zusehends mehr Gewicht zu. Zwar gibt es im deutschsprachigen Raum einige Fragebögen zur Messung der Partnerschaftsqualität, diese erfassen aber nicht alle relevanten Dimensionen. Deshalb wird in der vorliegenden Studie als Ergänzung zu den bisherigen Fragebö- gen ein neues Instrument zur Messung der Partnerschaftsqualität (FPQ) vorgestellt. Methodik: Der Fragebogen wurde an einer Stichprobe von 244 Personen getestet, die sich zum Zeitpunkt der Erhebung in einer Partnerschaft befanden. Die dimensionale Struktur wurde mittels explorativer und konfirmatorischer Faktorenanalysen geprüft. Ergebnisse: Die faktorielle Validitätsprüfung ergab einen Fragebogen bestehend aus sechs Subskalen (Faszination, Engagement für die Beziehung, Sexualität in der Beziehung, Zukunftsperspektive der Beziehung, Misstrauen gegenüber dem Partner und Einschränkung der Freiheit/Unabhängigkeit). Die interne Konsistenz der sechs Subskalen liegt zwischen .75 und .94. Zusätzlich liess sich ein übergeordneter Faktor Partnerschaftsqualität konstruieren. Die diskriminative Validität wurde durch einen Gruppenvergleich (zufriedene und unzufriedene Personen) bestätigt. Die moderaten bis hohen Korrelationen des neuen Fragebogens mit dem Partnerschaftsfragebogen PFB zur Messung der Partnerschaftsqualität und anderen relevanten Konzepten unterstützen die konvergente Validität.

Schlagworte: Partnerschaftsqualität, Ehequalität, Partnerschaft, Messinstrument, Fragebogenentwicklung

Development of a new multidimensional questionnaire for the assessment of relationship quality (FPQ)

Background: Research on couples is receiving increased attention. There are some questionnaires assessing relationship quality available in German. However, they are not assessing all relevant dimensions of relationship quality. Therefore, an alternative questionnaire to measure relationship quality (FPQ) is presented in this study. Methods: The measure was tested with a total of 244 adults, who were all in a close relationship at that time. The dimensional structure was tested with exploratory and confirmatory factor analyses. Results: Scale analyses revealed a questionnaire consisting of six subscales (fascination, commitment, sexuality, future of the partnership, mistrust, and constraint autonomy). The internal scale consistencies vary between .78 and .92. Additionally, by using structural equation modeling, a superior factor relationship quality was found. The discriminative validity was confirmed by a group comparison (satisfied and unsatisfied people). Moderate to high correlations with a traditional questionnaire measuring relationship quality and other relevant constructs indicate satisfying convergent validity.

Keywords: relationship quality, marital quality, couple, measurement instrument, questionnaire development