Volume 21 (2009) – Issue 2

21. Jahrgang (2009) – Heft 2

Content | Inhalt

Andreas Klocke: Introduction to the special issue: Child poverty in Europe

Sabine Walper: Links of perceived economic deprivation to adolescents‘ well-being six years later

Jonathan Bradshaw & Yekaterina Chzhen: Child poverty policies across Europe

Thomas Olk/Maksim Hübenthal: Child poverty in the social investment state

Susanne Seyda: Der Einfluss der Familie auf die gesundheitliche Entwicklung von Kindern

Martin Pinquart: Entwicklung von Instrumenten zur Erfassung von Ambivalenz gegenüber dem Ein-gehen einer Partnerschaft


Abstracts and keywords | Zusammenfassungen und Schlagwörter

Sabine Walper (pp. 107-127)

Zusammenhänge zwischen wahrgenommener ökonomischer Deprivation und dem Wohlbefinden von Jugendlichen sechs Jahre danach

In dieser Studie werden langanhaltende Effekte wahrgenommener ökonomischer Deprivation auf das Wohlbefinden von Jugendlichen und jungen Erwachsenen über einen Zeitraum von sechs Jahren untersucht. Darüber hinaus wurde geprüft, ob es bei diesen Effekten Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen gibt, ob die Effekte auf frühere Belastungen im Wohlbefinden zum Zeitpunkt der ökonomischen Deprivation zurückverfolgt werden können und ob mütterliche Negativität zu einem solchen verringerten Wohlbefinden beiträgt. Die Stichprobe besteht aus 358 Jugendlichen, die 1996 zusammen mit ihren Müttern interviewt und 2002 erneut befragt wurden. Im Jahre 1996 wurde ökonomische Deprivation als wirtschaftlicher Druck auf die Finanzlage des Haushalts (Einschätzung der Mütter) und als von den Jugendlichen wahrgenommene finanzielle Notlage erhoben. Somatische Beschwerden, das Selbstwertgefühl und Niedergeschlagenheit wurden in den Jahren 1996 und 2002 als Indikatoren für das Wohlbefinden verwendet. Im Jahre 1996 gaben die Jugendlichen zudem Auskunft über negative Kommunikationsweisen der Mütter. Die Ergebnisse der multiplen Regressionsanalysen legen nahe, dass es schwache, aber signifikante negative Effekte vorausgegangener ökonomischer Deprivation auf das Wohlbefinden gibt, zusätzlich zu den Effekten des Bildungsniveaus der Eltern und der Familienformen. Diese Effekte waren bei Mädchen stärker ausgeprägt als bei Jungen. Ein eingeschränktes Wohlbefinden im Jahre 1996 trug nicht vollständig zur Erklärung von Langzeiteffekten ökonomischer Deprivation bei. Mütterliche Negativität erwies sich als stärkerer Mediator für die Reaktion von Mädchen auf ökonomischen Stress. Insgesamt legen die Daten nahe, dass ökonomische Deprivation ein signifikanter Risikofaktor mit negativen Langzeitfolgen, insbesondere für Mädchen, ist.

Schlagworte: Ökonomische Deprivation, Armut, Jugendliche, Wohlbefinden, Elternschaft

Links of perceived economic deprivation to adolescents’ well-being six years later

This study investigates long-lasting effects of perceived economic deprivation for adolescents’ and young adults’ well-being across a six-year time period. Furthermore, it is tested whether such effects differ for boys and girls, whether they can be traced back to earlier strain in wellbeing when deprivation was encountered, and whether maternal negativity mediates such reduced well-being. Data come from 358 adolescents who were interviewed with their mothers in 1996 and followed up until 2002. In 1996, economic deprivation was assessed as economic pressure experienced in the household economy (maternal report) and as adolescent-perceived financial hardship. Somatic complaints, selfesteem, and depressiveness were used as indicators of well-being in 1996 and 2002. Negative maternal communication was reported by adolescents in 1996. Findings from multiple regression analyses suggest weak but significant negative effects of earlier deprivation on later well-being, over and above effects of parental education and family structure. These effects were more pronounced for girls than for boys. Impaired wellbeing in 1996 explained much, but not all of the long-term effects of economic deprivation. Maternal negativity proved to be a stronger mediator for girls’ reactions to economic stress. Overall the data suggest that economic deprivation in adolescence is a significant risk factor with long-term negative consequences particularly for girls.

Keywords: economic deprivation, poverty, adolescents, well-being, parenting


Jonathan Bradshaw & Yekaterina Chzhen (pp. 128-149)

Politiken europäischer Staaten gegen Kinderarmut

Im ersten der zwei Teile dieses Aufsatzes stellen wir die Ergebnisse einer vergleichenden Analyse der European Union Statistics on Income and Living Conditions (SILC) vor, um die Kinderarmut unter die Lupe zu nehmen. Die Kinderarmutsraten in den einzelnen Ländern werden mithilfe von einer konventionellen Einkommensdefinition, Mangelerscheinungen und wirtschaftlichen Zwängen miteinander verglichen. Dabei wird das Ausmaß der Überschneidungen der einzelnen Messungen und Variationen in der Kinderarmut aufgrund der Beschäftigungsverhältnisse, des Alters der Kinder, der Kinderzahl, des Bildungsniveaus der Eltern und des Familientyps untersucht. Danach kommt die logistische Regression zum Einsatz, um zu untersuchen, inwieweit die Kinderarmut in den jeweiligen Ländern variiert, wenn man all diese Ausprägungen berücksichtigt. Im zweiten Teil untersuchen wir, welchen Einfluss familienpolitische Maßnahmen auf die Kinderarmut haben, indem wir Kinderarmutsraten vor und nach der Einbeziehung von Transferleistungen vorstellen, die Staatsausgaben und ihr Verhältnis zur Kinderarmut und – mithilfe von Methoden der Modellierung von Familien – Kinderunterstützungspakete analysieren. Die Kinderarmut nimmt in den meisten EU-Ländern zu. Im Beitrag wird dann argumentiert, dass die Daten darüber, welchen familienpolitischen Maßnahmen funktionieren, nicht wirklich gut genug sind. Die Benefits and Wages-Zeitreihen der OECD sind Beschränkungen unterworfen – die EU sollte in ein Rahmenprogramm investieren, in dem Daten darüber gesammelt werden, wie steuer- und leistungsbezogene familienpolitische Maßnahmen dazu beitragen, die in den Ländern der EU zu bekämpfen.

Schlagwörter: Kinderarmut, steuer- und leistungsbezogene familienpolitische Maßnahmen, Vergleiche innerhalb der EU

Child poverty policies across Europe

This article is in two parts. In the first part, we present the results of a comparative analysis of the European Union Statistics on Income and Living Conditions (SILC) to explore child poverty. Countries’ child poverty rates are compared using the conventional income definition and deprivation and economic strain. The extent of overlap in these different measures is explored. Variations in child poverty rates by employment, child age, number of children, education level of the parents and family type are explored. Then logistic regression is used to explore how countries’ child poverty varies having taken account of these characteristics. In the second part we explore how policy affects child poverty, presenting child poverty rates before and after transfers; analysis of spending and its relationship to child poverty; and the analysis of child benefit packages using model family methods. Child poverty is increasing in most EU countries. The article argues that the data available on what policies work is not really good enough. The OECD Benefits and Wages series is too limited and the EU should invest in a framework that collects data on how tax and benefit policies are working to combat child poverty across the EU.

Key words: child poverty, tax and benefit policy, EU comparisons


Thomas Olk & Maksim Hübenthal (pp. 150-167)

Kinderarmut im deutschen Sozialinvestitionsstaat

Kinderarmut wurde in Deutschland in den letzten Jahren verstärkt zum Gegenstand der politischen Debatte. Dennoch sind die Armutsraten bei Kindern hoch und steigen sogar weiter an. Vor diesem Hintergrund analysieren wir in dem vorliegenden Beitrag die Strategie der Bundesregierung zur Bekämpfung der Kinderarmut in Deutschland. Dabei zeigen wir auf, dass die Bundesregierung ihr diesbezügliches politisches Handeln auf eine „kindzentrierte Investitionsstrategie“ (Esping-Andersen 2002) aufbaut. Anhand der Analyse der Maßnahmen und Instrumente zur Kinderarmutsbekämpfung arbeiten wir heraus, dass diese Strategievorlage allerdings nicht vollständig umgesetzt wird. Während Esping-Andersen eine ausgewogene Balance zwischen sozialen Dienstleistungen und finanziellen Transfers propagiert, unterschätzt die Bundesregierung die Bedeutsamkeit materieller Umverteilung und fokussiert ihr Handeln einseitig auf soziale Dienstleistungen und Bildung. Dies geschieht keinesfalls zufällig, sondern kann als Folge der konzeptuellen Schwächen der Sozialinvestitionsideologie verstanden werden. Um Generationengerechtigkeit zu gewährleisten und um sicherzustellen, dass Kinder einen gerechten Anteil an den gesellschaftlichen Ressourcen in einem reichen Land erhalten, plädieren wir zur Bekämpfung der Kinderarmut für einen Ansatz, der auf den Rechten der Kinder basiert.

Schlagworte: Kinderarmut, Sozialinvestition, Kinderrechte, Kinder- und Familienpolitik

Child poverty in the German social investment state

In the last years child poverty in Germany has become a political issue. However, child poverty rates are relatively high and even on the rise. Against this backdrop we will analyse the strategy of the federal government to fight child poverty in Germany. We will demonstrate that the federal government uses a ‘child-centred social investment strategy’ (cf. Esping-Andersen 2002) as a blueprint. By analysing measures and instruments of the German anti-poverty Strategy, we will make clear that this strategy is not completely put into effect. Whereas Esping-Andersen propagates a fine balance of social services and financial transfers, the German government underestimates the relevance of material redistribution and focuses predominantly on social services and education. This is not by chance but can be understood as a consequence of the conceptual limits of the social investment ideology. To guarantee generational justice and to make sure that children will receive a fair share of societal resources in a rich country we plea for a children’s rights-based approach to fight child poverty.

Key words: child poverty, social investment approach, children’s rights, policies concerning children and families


Susanne Seyda & Thomas Lampert (pp. 168-192)

Familienstruktur und Gesundheit von Kindern und Jugendlichen

Die Studie untersucht anhand der Daten des Kinderund Jugendgesundheitssurveys die Frage, ob die Familienstruktur die Gesundheit von Kindern in Deutschland beeinflusst. Dabei werden das aktuelle Rauchen, psychische Auffälligkeiten und der subjektive Gesundheitszustand betrachtet. Es wird auch das Vorhandensein von familiären Ressourcen (familiärer Zusammenhalt, Familienklima und Erziehungsverhalten) berücksichtigt. Es findet sich ein negativer Effekt der Familienstruktur, der auch durch die Berücksichtigung von Schutzfaktoren kaum reduziert wird. Der Einfluss der Familienstruktur verringert sich (Rauchen, psychische Auffälligkeiten) oder verschwindet (subjektiver Gesundheitszustand), wenn auch gesundheitliche Faktoren von Eltern und Kindern berücksichtigt werden. Die Ergebnisse zeigen, dass Elternteile in nicht-traditionellen Familien negative Effekte der Familienstruktur nur teilweise durch gute oder überdurchschnittliche familiäre Ressourcen kompensieren können: Für das Risiko zu rauchen konnten keine Kompensationseffekte festgestellt werden. Bei psychischen Auffälligkeiten reduzieren gute und überdurchschnittliche familiäre Ressourcen das Risiko für Auffälligkeiten. Hinsichtlich des subjektiven Gesundheitszustands gibt es kaum Kompensationseffekte.

Schlagwörter: Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS), empirische Untersuchung, familiäre Schutzfaktoren

Family structure and health of children and youth in Germany

This article analyses the influence of the family on the development of children concerning the probability to smoke, to have mental health problems and the subjective health status. We also control for the influence of family resources (family coherence, parenting skills, parent-child relationship) and enquire if potential negative effects of family structure can be compensated for by good family resources. After controlling a broad set of variables we found that family resources are an important factor for explaining the development of children but do not affect the influence of family structure. When controlling for health conditions of the children and health behaviour of the parents the impact of family structure weakens (smoking, mental health problems) or diminishes (subjective health status). We found that parents in non-traditional families with good or above average family resources can partly compensate for negative effects of the family structure.

Key words: German Health Survey on Children and Youth, empirical research, familial protection factors


Martin Pinquart, Carolin Stotzka & Rainer K. Silbereisen (pp. 193-206)

Entwicklung von Instrumenten zur Erfassung von Ambivalenz gegenüber dem Eingehen einer Partnerschaft

Vorgestellt wird die Entwicklung von zwei Instrumenten zur direkten bzw. indirekten Erfassung von Ambivalenz in Entscheidungen über das Eingehen einer Partnerschaft. Ambivalenz wurde hierbei definiert als Nebeneinanderbestehen von sich widersprechenden Gedanken, Gefühlen und Verhaltensimpulsen bezüglich des Eingehens einer Partnerschaft. Insgesamt weisen die Instrumente gute bis zufrieden stellende psychometrische Eigenschaften auf. Ambivalenz geht unter anderem mit Neurotizismus, Schüchternheit, einer ängstlichen Bindungsrepräsentation an die Mutter und einer schlechteren eigenen Partnerschaftsqualität einher. Das Instrument zur direkten Erfassung der Ambivalenz zeigt stärkere Zusammenhänge mit Außenkriterien als das Instrument zur indirekten Erfassung. Berichtet werden Befunde zur differentiellen Validität der drei Subskalen des Fragebogens zur direkten Erfassung der Ambivalenz.

Schlagwörter: Ambivalenz, Partnerschaft, Entscheidung, Familienentwicklung

Development of two instruments for assessment of ambivalence concerning the beginning of an intimate relationship

The present paper describes the development of two instruments for the direct versus indirect assessment of ambivalence concerning the beginning of an intimate relationship. Ambivalence was defined as coexistence of contradictory thoughts, feelings, or intentions regarding the start of an intimate relationship. The new scales show good to satisfactory psychometric properties. Ambivalence was related to neuroticism, shyness, anxious attachment representations, and low relationship quality. However, the direct assessment of ambivalence was more strongly correlated with other variables than the indirect measure. In addition, results are reported on the discriminant validity of the three subscales of the direct assessment of ambivalence.

Key words: ambivalence, intimate relationship, decision-making, family development