Volume 21 (2009) – Issue 1

21. Jahrgang (2009) – Heft 1

Content | Inhalt

Sonja Schulz: Intergenerationale Scheidungstransmission und Aufwachsen in Stieffamilien. Gibt es den Transmissionseffekt auch bei Stiefkindern?

Daniel Lois, Christina Kunz & Oliver Arránz Becker: Fördernde und hemmende Einflüsse der nichtehelichen Kohabitation auf die Heiratsabsicht. Eine nutzen- und kostentheoretische Analyse

Julia Marold: Mütter im Spannungsfeld zwischen Kind und Beruf. Der Weg vom Ernährer- zum Zweiverdienermodell im Spiegel familienpolitischer und geschlechterkultureller Entwicklungen in Deutschland, Dänemark und den Niederlanden

Karsten Hank: Generationenbeziehungen im alternden Europa: Analysepotenziale und Befunde des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe


Abstracts and keywords | Zusammenfassungen und Schlagwörter

Sonja Schulz (ppt. 5-29)

Intergenerationale Scheidungstransmission und Aufwachsen in Stieffamilien. Gibt es den Transmissionseffekt auch bei Stiefkindern?

Dass Scheidungskinder in ihren eigenen Ehen einem erhöhten Scheidungsrisiko unterliegen, ist in einer Vielzahl von Untersuchungen empirisch nachgewiesen worden. Bisherige Studien haben allerdings nur selten die Art der Folgefamilie nach der elterlichen Scheidung berücksichtigt, obwohl diese zur Erklärung des Transmissionseffekts von Bedeutung ist. In der vorliegenden Untersuchung wird anhand des dritten Familiensurveys des Deutschen Jugendinstituts (2000) überprüft, inwiefern das Aufwachsen in einer Stieffamilie nach der elterlichen Scheidung das spätere Scheidungsrisiko beeinflusst und durch welche vermittelnden Mechanismen sich der Transmissionseffekt erklären lässt. Empirisch zeigt sich, dass Personen aus Scheidungsstieffamilien in besonderem Maße einem erhöhten Scheidungsrisiko unterliegen und dass Geschlechtsunterschiede im Transmissionseffekt bestehen: Für Männer erhöht lediglich das Aufwachsen in einer Scheidungsstieffamilie das eigene Scheidungsrisiko, das Aufwachsen bei einem alleinerziehenden Elternteil hat keinen Effekt. Bei Frauen zeigt sich der Transmissionseffekt sowohl infolge des Aufwachsens bei geschiedenen Alleinerziehenden als auch infolgedes Aufwachsens in einer Scheidungsstieffamilie. Das erhöhte Scheidungsrisiko von Männern, die nach der elterlichen Scheidung in einer Stieffamilie aufgewachsen sind, wird zu einem erheblichen Anteil durch ihre geringere Investition in ehespezifische Güter erklärt. Für Frauen aus Scheidungsstieffamilien bietet die stresshafte Situation in der Herkunftsfamilie eine zusätzliche Erklärung für ihr erhöhtes Scheidungsrisiko. Die Tradierung des Scheidungsrisikos bei Frauen, die bei einem alleinerziehenden Elternteil aufgewachsen sind, lässt sich in geringerem Maße durch die herangezogenen Mediatorvariablen erklären. Die Befunde werden hinsichtlich ihrer Implikationen für die verschiedenen Erklärungsansätze des Transmissionseffekts diskutiert.

Schlagworte: Transmissionseffekt, Scheidung, Stieffamilie, Geschlechtsunterschied

Intergenerational transmission of divorce and growing up in stepfamilies. Does the transmission of divorce affect stepchildren as well?

The link between parental divorce and children’s later risk of divorce is well documented empirically, but previous studies have rarely considered the family type following the parental divorce. The post-divorce family type is important, however, for different explanations of the intergenerational transmission of divorce. In this work, the third Family Survey of the German Youth Institute (DJI) (2000) is used to analyse how growing up in a stepfamily after a parental divorce influences the later risk of divorce and which mediating mechanisms are capable of explaining the transmission of divorce. The results of the present study indicate that persons from post-divorce stepfamilies have a particularly high risk of divorce. Sex differences become apparent as well. For men, growing up in a post-divorce stepfamily increases the own risk of future divorce, while growing up with a divorced single parent has no effect. For women, growing up in either postdivorce family type increases the risk of divorce. The increased divorce risk of men raised in postdivorce stepfamilies can be partially explained by their typically lower investment into marriagespecific capital. Concerning women, the stressful situation in the family of origin offers an additional explanation of the relationship between growing up in a post-divorce stepfamily and the own risk of divorce. The mediator variables are less capable of explaining the link between growing up with a divorced single parent and the own risk of divorce for women. The findings are discussed with respect to their implications for different explanations of the intergenerational transmission of divorce.

Key words: Intergenerational transmission, divorce, stepfamily, sex difference


Daniel Lois, Oliver Arránz Becker & Christina Kunz (pp. 30-53)

Fördernde und hemmende Einflüsse der Kohabitation auf die Heiratsabsicht – Eine nutzenund kostentheoretische Analyse

Gegenstand der Arbeit ist die These, dass die nichteheliche Lebensgemeinschaft (NEL) sowohl als Vorstufe als auch als Alternative zur Ehe zu interpretieren ist, da sie gleichzeitig die Heiratskosten und den Heiratsnutzen senkt. Es wird empirisch analysiert, wie nichtehelich mit ihrem Partner kohabitierende Personen – gegenüber einer Vergleichsgruppe von Paaren ohne gemeinsamen Haushalt – verschiedene Nutzen- und Kostenaspekte einer Eheschließung wahrnehmen und wie sich diese unterschiedlichen „Entscheidungsparameter“ auf die relative Heiratsintention auswirken. Die Ergebnisse bestätigen primär die Vorstufenfunktion der NEL: Bereits kohabitierende Personen nehmen die Kostenseiten einer Eheschließung – speziell den Verzicht auf eine Fortsetzung der Partnersuche, eine erwartete Ablehnung der ehelichen Partnerschaft im sozialen Netzwerk sowie den Verzicht auf sexuelle Freiheiten durch die längerfristige Festlegung auf den Partner – als weniger gravierend wahr. Heiratsanreize entstehen bei kohabitierenden Paaren nach unseren Befunden also primär über die geringen Kosten. Darüber hinaus weisen die Ergebnisse darauf hin, dass eine ökonomische Absicherung der Partner oder ihrer Kinder weiterhin ein Alleinstellungsmerkmal der Ehe ist.

Schlagwörter: Ehe, nichteheliche Lebensgemeinschaft, Heiratskosten, Heiratsnutzen

Facilitating and inhibiting influences of cohabitation on intentions to marry – An analysis based on benefits and costs

The present study deals with the hypothesis that non-marital cohabitation can be considered both a precursor and an alternative to marriage because it lowers both benefits and costs of marriage. It is analysed empirically how unmarried cohabiting couples rate various aspects of marital benefits and costs, compared to couples living “apart together”. Furthermore, the effects of these “decision parameters” on the relative individual intention to marry are analysed. Results primarily support the notion of non-marital unions as a precursor to marriage: Unmarried cohabitors perceive lower costs of marriage – especially from stopping the search for a partner, rejection of the current partner by the social network, and loss of sexual freedom implied by the long-term commitment to one’s spouse – than non-cohabiting couples. According to our findings, the primary incentives to marry thus stem from the reduced costs of marriage. Moreover, our results show that safeguarding partners and offspring against economic hardship continues to be an exclusive feature of marriage.

Key words: Marriage, cohabitation, costs of marriage, benefits of marriage


Julia Marold (pp. 54-85)

Mütter im Spannungsfeld zwischen Kind und Beruf Der Weg vom Ernährer- zum Zweiverdienermodell im Spiegel familienpolitischer und geschlechterkultureller Entwicklungen in Deutschland, Dänemark und den Niederlanden.

In den letzten Jahrzehnten strömten viele Frauen auf den Arbeitsmarkt, die vorher vom Einkommen ihres Ehemannes gelebt und sich im Gegenzug um Haushalt und Kinder gekümmert hatten. Es ist daher ein länderübergreifender Trend zu beobachten, der zum Verschwinden dieses „Ernährermodells“ führt und stattdessen ein Familienverständnis etabliert, in dem beide Elternteile berufstätig sind. Diese Entwicklung vollzog sich jedoch nicht in allen Ländern gleichzeitig und in der gleichen Form. Der vorliegende Artikel widmet sich der Untersuchung dieser internationalen Differenzen, indem er auf Basis des Konzeptes des „Geschlechter-Arrangements“ von Birgit Pfau-Effinger nicht nur das nationale Wohlfahrtsregime, sondern auch kulturelle Vorstellungen über die Rollen von Männern und Frauen als potenziell erklärende Faktoren betrachtet. Durch die Gegenüberstellung der Entwicklung auf beiden Seiten in den Fallstudien Deutschland, Dänemark und Niederlande wird ersichtlich, dass es tatsächlich die jeweils länderspezifischen Kombinationen von vorherrschenden normativen Familienleitbildern einerseits und Ausgestaltung der familienpolitischen Regelungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf andererseits sind, die international abweichende Muster und Entwicklungsverläufe der Erwerbsbeteiligung von Frauen hervorrufen können.

Schlagworte: Familienpolitik, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Erwerbsmuster von Frauen, Geschlechterrollen, Familienleitbild, Ernährermodell, Internationaler Vergleich, Wohlfahrtsstaat

Mothers in conflict between job and child The pathway from the male breadwinner model to the dual earner model reflected in developments in family policy and gender culture in Germany, Denmark and the Netherlands.

Recent decades experienced a steady increase in employment of women who had previously lived from her husband’s income and, in return, had cared for children and household. Therefore we observe a cross-national trend that makes the “male breadwinner model” disappear and leads to the establishment of a family model with two employed parents. This development, however, did not take place at the same time and in a similar way in all countries. In this article these crosscountry differences are examined by employing Birgit Pfau-Effinger’s concept of “gender arrangements” as a theoretical basis. According to that, not only the type of welfare regime but also cultural assumptions about gender roles are potentially explaining factors. By contrasting the course of developments for three case studies (Germany, Denmark and the Netherlands), the author shows that country-specific combinations of both culturally dominating family models and political regulations concerning the reconciliation of family and work are decisive for cross-national differences in women’s employment forms.

Key words: Family policy, reconciliation of work and family, female employment patterns, gender roles, family models, male breadwinner model, international comparison, welfare state


Karsten Hank (pp. 86-97)

Generationenbeziehungen im alternden Europa: Analysepotenziale und Befunde des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe

Anhand exemplarischer Analysen auf Basis von Mikrodaten des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) will der vorliegende Beitrag eine Bestandsaufnahme der Generationenbeziehungen im heutigen – alternden – Europa versuchen und gleichzeitig das Forschungspotenzial des inzwischen als Längsschnittdatensatz verfügbaren SHARE demonstrieren. Die hier präsentierten Befunde zeigen, erstens, dass überall auf dem Kontinent lebendige Beziehungen zwischen den Generationen bestehen und reflektieren, zweitens, die vielfältigen Möglichkeiten des SHARE für die interdisziplinäre und international vergleichende Erforschung der Dynamik von Generationenbeziehungen.

Schlagwörter: Generationenbeziehungen; Alterung, SHARE

Intergenerational relations in an ageing Europe: Research potential and findings from the Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe

Building on exemplary analyses using micro-data from the Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE), this paper aims to provide an account of intergenerational relations in contemporary – ageing – Europe and to demonstrate the research potential of SHARE, which is now available as a longitudinal dataset. The findings presented here suggest, firstly, high levels of family solidarity across Europe and reflect, secondly, the manifold opportunities which SHARE provides for interdisciplinary and crossnationally comparative research investigating the dynamics of intergenerational relations.

Key words: Intergenerational relations; ageing; SHARE