Volume 20 (2008) – Issue 2

20. Jahrgang (2008) – Heft 2

Content | Inhalt

Una M. Röhr-Sendlmeier, Irina Götze & Rebecca Stichel
Medienerziehung in der Familie: Regeln und Motive, Umfang und Auswirkungen der Nutzung von Computer, Fernseher und Videokonsole

Norbert F. Schneider & Heiko Rüger: Beziehungserfahrungen und Partnerschaftsverläufe vor der Heirat. Eine empirische Analyse von Angehörigen der Eheschließungskohorte 1999-2005

Nina Jakoby: Kontakte mit Nichten und Neffen – Eine empirische Analyse von vernachlässigten Verwandtschaftsbeziehungen

Simone Gmelch, Guy Bodenmann, Nathalie Meuwly, Thomas Ledermann, Olga Steffen-Sozinova & Katja Striegl: Dyadisches Coping Inventar (DCI): Ein Fragebogen zur Erfassung des partnerschaftlichen Umgangs mit Stress

Henk A. Becker: Karl Mannheims „Problem der Generationen“ – 80 Jahre danach


Abstracts and keywords | Zusammenfassungen und Schlagwörter

Una M. Röhr-Sendlmeier, Irina Götze & Rebecca Stichel (pp. 107-130)

Medienerziehung in der Familie: Regeln und Motive, Umfang und Auswirkungen der Nutzung von Computer, Fernseher und Videokonsole

Ausgehend von einem Forschungsüberblick über förderliche und abträgliche Auswirkungen der Fernseh- und Computernutzung werden empirische Daten zur familiären Medienerziehung vorgestellt. In zwei aufeinander aufbauenden Studien mit 282 Dritt- und Viertklässlern und ihren Eltern wurden das Ausmaß der Mediennutzung, Regeln und Motive der Medienerziehung sowie die Lesekompetenz der Kinder erhoben. Schon bei insgesamt moderaten Gesamtnutzungsdauern korrelierte die Höhe des Fernseh- und Computerkonsums negativ mit der Lesekompetenz. Explizite elterliche Restriktionen gingen mit einer geringeren Nutzung von Fernseher, Computer und Videokonsole einher. Selbstständige Nutzungsentscheidungen durch das Kind hingen dagegen mit höherem Konsum zusammen. Motive der Eltern für die Medienrezeption des Kindes, die normativ als weniger erwünscht anzusehen sind – etwa damit das Kind sich nicht langweilt –, korrelierten mit erhöhtem Medienkonsum. Das Motiv der Wissenserweiterung stand jedoch in keiner überzufälligen Beziehung zum Ausmaß des Mediengebrauchs. Die Ergebnisse geben Hinweise auf die Gültigkeit der Verdrängungshypothese des Lesens durch das Fernsehen und sprechen gegen Positionen, nach denen erst bei deutlich erhöhter Nutzung negative Zusammenhänge mit schulisch relevanten Fähigkeiten festzustellen sind.

Schlagwörter: Medienerziehung, Fernsehkonsum, Computernutzung, Videokonsole, Lesekompetenz

Parental education concerning their children’s use of modern media: family rules and motives, extent and effects of using the computer, watching television and playing video games

After a review of publications on positive and detrimental effects of using the computer and watching television, empirical data on parental education concerning the use of modern media are presented. In two studies, a total of 282 elementary school children and their parents were interviewed with respect to the extent they used electronic media, their rules and motives for letting the children watch television, use the computer and play video games. The children’s reading proficiency was tested. Although the overall extent of using the media was moderate, time spent in front of them and reading proficiency correlated negatively. Explicit parental restrictions lead to less media use, whereas children´s decisions when and how to use the electronic devices correlated with exposure to media. Parental motives which may be considered normatively less agreeable – e.g., letting the children use the media to prevent boredom – correlated with intensified reception. Building up knowledge as a motive, however, was not correlated with increased media use. The results support the thesis that ready access to television may reduce reading activity. They provide evidence against the position that only in case of excessive media use detrimental effects can be found.

Key words: Media education, television, computer, video games, reading proficiency


Norbert F. Schneider & Heiko Rüger (pp. 131-156)

Beziehungserfahrungen und Partnerschaftsverläufe vor der Heirat. Eine empirische Analyse von Angehörigen der Eheschließungskohorte 1999-2005

Im Zuge des Wandels der Familie haben sich auch die Partnerschaftsbiografien bis zur Heirat verändert. Eheschließende bringen, so lässt sich mit einiger empirischer und theoretischer Evidenz feststellen, mehr Beziehungserfahrung in die Ehe ein und der Verlauf der Partnerschaft mit dem späteren Ehepartner ist heute stärker individualisiert und folgt weniger traditionellen Mustern als noch vor einigen Jahrzehnten. Welche Beziehungserfahrungen vorliegen und welche biografischen Übergänge den Partnerschaftsverlauf mit dem späteren Ehepartner bis zur Heirat kennzeichnen, darüber gibt es jedoch nur einen wenig entwickelten Forschungsstand. Ziel dieses Aufsatzes ist es, mit den Daten der Mainzer „Value of Marriage“-Studie, die Beziehungsbiografien und Partnerschaftsverläufe von Angehörigen der Eheschließungskohorte 1999-2005 zu analysieren und wesentliche Einflussfaktoren herauszuarbeiten. Die Ergebnisse zeigen, dass die Beziehungserfahrungen vor der Ehe zugenommen haben und die Partnerschaftsverläufe vor der Heirat bei allen Individualisierungstendenzen viele Regelmäßigkeiten aufweisen.

Schlagwörter: Beziehungsbiografie, Heirat, Kohabitation, Verlobung, Partnerschaftsverlauf

Experiences with relationships and the course of the premarital partnership. An empirical analysis of members of the 1999-2005 marriage cohort in Germany

With the change of the family also couple’s careers before marriage have changed. When people marry, so we can say with some empirical and theoretical evidence, they are more experienced with living in partnerships. Moreover it is discoverable that the couple’s career with the spouse-to-be is much more individualised and it is following much less traditional patterns than it did a few decades ago. There is, however, little research regarding which experiences with partnerships people have in general and which biographical transitions are characteristic for the couple’s career with the spouse-to-be. The aim of this article is to analyse the partnership biographies and couple’s career of the marriage cohorts 1999 to 2005 and to identify major factors with data of the Mainz “Value of Marriage” study. The results show that the experience with partnerships in general before marriage has increased and that couple’s career before marriage show much regularity, despite all tendencies of individualisation.

Keywords: biography of relationships, marriage, cohabitation, affiance, course of premarital partnership


Nina Jakoby (pp. 157-184)

Kontakte mit Nichten und Neffen – Eine empirische Analyse von vernachlässigten Verwandtschaftsbeziehungen

Dieser Beitrag untersucht die Häufigkeit der sozialen Kontakte von Onkeln und Tanten mit ihren Nichten und Neffen. Damit wird eine Verwandtschaftskategorie analysiert, die in der Familiensoziologie eine fast vergessene Thematik ist. Auf der Grundlage eines theoretischen Modells und einer daran anschließenden empirischen Analyse mit Daten des ISSP 2001 (Social Networks II) werden die Determinanten der Kontakthäufigkeit mit Nichten und Neffen analysiert. Die Ergebnisse zeigen, dass eine Vielzahl der Befunde zu den klassischen Determinanten verwandtschaftlicher Interaktionen (z.B. Geschlecht, sozialer Status, Kinderlosigkeit) nicht repliziert werden kann. Eine stärkere Berücksichtigung der Familienbiographie sollte Ziel einer zukünftigen soziologischen Verwandtschaftsforschung sein.

Schlagworte: Verwandtschaft, Nichten und Neffen, erweiterte Familie, Kontakthäufigkeit, Forschungsstand

Contacts with nieces and nephews – An empirical analysis of neglected kin relationships

This article predicts the frequency of aunts’ and uncles’ contacts with their nieces and nephews. I develop a new theoretical framework to explain differences in contact frequency, using data from ISSP 2001 (Social Networks II). The empirical results reveal that classic variables (e.g. gender, social status, childlessness) have no influence on contact frequency with nieces and nephews, contrary to existing literature. Future studies would benefit from biographical predictors in understanding these important and understudied family relationships.

Key words: kinship, nieces and nephews, extended family, contact frequency, review of literature


Simone Gmelch, Guy Bodenmann, Nathalie Meuwly, Thomas Ledermann, Olga Steffen-Sozinova & Katja Striegl (pp. 185-202)

Dyadisches Coping Inventar (DCI). Ein Fragebogen zur Erfassung des partnerschaftlichen Umgangs mit Stress

Stress und Stressbewältigung werden innerhalb von Partnerschaften zunehmend als dyadische Phänomene begriffen. Um dieser Sichtweise diagnostisch Rechnung zu tragen, wird das Dyadische Coping Inventar (DCI) zur Erfassung des partnerschaftlichen Umgangs mit Stress vorgestellt. Es handelt sich dabei um eine Weiterentwicklung des Fragebogens zum dyadischen Coping (FDCT-N, Bodenmann 2000). Die faktorielle und psychometrische Überprüfung erfolgte an insgesamt N = 2399 Personen. Die Ergebnisse sprechen für die Testgüte des Instruments. Die theoretisch postulierte Faktorenstruktur konnte durch Faktorenanalysen empirische Evidenz finden. Die internen Konsistenzen fielen insgesamt gut aus, die Test-Retest-Korrelationen lagen erwartungsgemäß im mittleren Bereich. Die Konstruktvalidität war ebenfalls gut, die kriterienbezogene Validität befriedigend. Weiterhin werden Cut-Off-Werte präsentiert, die erlauben, Paare nach der Güte des dyadischen Copings einzuteilen. Das DCI eignet sich gleichermaßen für klinische Fragestellungen (z.B. Interventionsforschung), Partnerschaftsdiagnostik und Therapieevaluation sowie für entwicklungs- oder gesundheitspsychologische Fragestellungen.

Schlagwörter: Partnerschaft, dyadisches Coping, Unterstützung, Diagnostik, Partnerschaftszufriedenheit.

Dyadic Coping Inventory (DCI): A questionnaire assessing dyadic coping in couples

Stress and coping in couples are increasingly conceptualized as dyadic phenomena. One tool for the assessment of dyadic coping processes in couples is the Dyadic Coping Inventory (DCI), a further development of the formerly used Dyadic Coping Questionnaire (FDCT-N, Bodenmann 2000). The psychometrics of the Dyadic Coping Inventory (DCI) have been examined in a large validation study involving a total of N = 2,399 subjects. The results provide empirical evidence for the quality of the test. The theoretically postulated dimensions of dyadic coping were empirically supported by factor analyses. The internal consistencies of the total scale and the different subscales were good. The test-retest-correlation reveals that the questionnaire is sensitive for change. The construct validity is given, the criterion validity satisfactory. Furthermore cut-offcriteria are presented to differentiate between couples depending on their quality of dyadic coping. The DCI is suitable for clinical research (e.g. intervention research), couples diagnostic, evaluation of couples therapy, developmental or health psychology.

Key words: Marriage, dyadic coping, social support, diagnostic, marital satisfaction.


Henk A. Becker (pp. 203-221)

Karl Mannheims „Problem der Generationen“ – 80 Jahre danach

Mannheims Generationenbegriff aus seinem 1928 und 1929 erschienen zweiteiligen Artikel über „Das Problem der Generationen“ muss in der Gegenwart teilweise überarbeitet werden. Eine Unterscheidung zwischen Kohortengenerationen und Typologiegenerationen muss ausgearbeitet werden, da seit 1957 Stereotype von Generationen allgemein verbreitet wurden. Auch eine Differenzierung zwischen allgemeinen, partiellen und spezifischen Generationen ist notwendig geworden. Die gegenwärtige soziologische Generationenforschung kann häufig Methoden der Epidemiologieforschung anwenden, wie beispielsweise die Verwendung von Zufallsmodellen. Datenarchive erweitern die Möglichkeiten der Generationsforschung. Die Formativperiode im Lebenslauf ist nicht nur soziologisch, sondern auch biologisch und psychologisch abgegrenzt. Religionsforschung und Familienforschung können von der Generationenforschung profitieren.

Schlagworte: Kohortengeneration; Typologiegeneration; Partielle Generation; Spezifische Generation; Generationsforschung in der Familienforschung

Karl Mannheim’s “Problem of generations” – 80 years after

Since the publication of Mannheim’s two part article on “The Problem of Generations“ in 1928 and 1929 social change has made it necessary to elaborate on his concept of generations. Cohort generations and typological generations have to distinguished, because since 1957 stereotypes of generations have been institutionalized in society at large. Also, a distinction between general, partial and specific generations has to be made. In contemporary sociological research on generations many methods from epidemiological research can be applied, in particular probability models. Data warehouses contribute to the opportunities for generational research. The demarcation of the formative period in the life course has to be based not only on sociological but also on psychological and biological criteria. Research on religion and on the family can benefit from advantages provided by research on generations.

Key words: cohort generations; typological generations; partial generations; specific generations; generational research in family research.