Volume 20 (2008) – Issue 1

20. Jahrgang (2008) – Heft 1

Content | Inhalt

L. A. Vaskovics: Editorial: 20 Jahre Zeitschrift für Familienforschung / Journal of Family Research – ein Rückblick

Daniel Lois: Einflüsse von Lebensstilmerkmalen auf den Übergang in die erste Ehe

Yve Stöbel-Richter, Susanne Goldschmidt, Ada Borkenhagen, Ute Kraus & Kerstin Weidner: Entwicklungen in der Reproduktionsmedizin – mit welchen Konsequenzen müssen wir uns auseinandersetzen?

Anke Rohde, Christiane Woopen & Ulrich Gembruch: Entwicklungen in der Pränataldiagnostik – Verändertes Erleben der Schwangerschaft und Auswirkungen bei pathologischem fetalen Befund

Barbara Gabriel, Nadine Zeender & Guy Bodenmann: Stress und Coping bei Eltern von einem Kind mit einem Down-Syndrom: Die Überprüfung eines theoretischen Modells


Abstracts and keywords | Zusammenfassungen und Schlagwörter

Daniel Lois (pp. 11-33)

Einflüsse von Lebensstilmerkmalen auf den Übergang in die erste Ehe

Es wird der Frage nachgegangen, inwieweit Lebensstilmerkmale wie eine Familien-, Freizeit- oder Berufsorientierung eigenständig den Übergang von der nichtehelichen Lebensgemeinschaft in die erste Ehe erklären können. Die Ergebnisse zeigen, dass die Lebensstilelemente im Hinblick auf das Heiratsverhalten weder einfache Reflexe anderer soziostruktureller Merkmale wie Alter, Bildung oder Erwerbsstatus darstellen, noch von diesen unabhängig sind. Zwischen einem häuslich-familienorientierten sowie religiösen Lebensstil und der Heiratswahrscheinlichkeit bestehen (geschlechtsunspezifisch) auch dann positive Zusammenhänge, wenn das Bildungsniveau, die formale Konfessionszugehörigkeit und weitere Merkmale kontrolliert werden. Die negativen Effekte eines berufs- und freizeitorientierten Lebensstils der Frau auf die Übergangsrate lassen sich dagegen durch das Bildungsniveau, den Erwerbsstatus und die Familiengründung erklären. Darüber hinaus ist relevant, wie bestimmte Lebensstilmerkmale innerhalb des Paares verteilt sind. Die Heiratswahrscheinlichkeit steigt tendenziell bei einer relativ zur Frau ansteigenden Berufsorientierung des Mannes. Sie sinkt dagegen, wenn sich die Familienorientierung der Partner unterscheidet.

Schlagwörter: Nichteheliche Lebensgemeinschaft, Heirat, Lebensstil, Berufsorientierung, Religiosität

Influences of lifestyle features on the transition into first marriage

This study examines the question to which extent lifestyle features, such as a family or career orientation, may independently predict the transition from cohabitation into the first marriage. The results have shown that regarding marriage behaivour the lifestyle features neither represent simple reflexes of other sociostructural factors such as age, education or professional status nor are they independent of those. A family-oriented and religious lifestyle is positively linked to the probability of marriage – even when controlling for education level, formal religious affiliation and other features. Negative effects of a career- and leisure-oriented lifestyle of the woman on the transition rate, however, can be explained by education, professional status and family formation. Furthermore, it is relevant to which extent certain lifestyle features are shared between the partners. The probability of marriage tends to increase with an increasing career orientation of the male cohabitor in relation to the female cohabitor. In contrast, it decreases if the partners’ family orientation is different.

Key words: cohabitation, marriage, lifestyle, work attitudes, religiosity


Yve Stöbel-Richter, Susanne Goldschmidt, Ada Borkenhagen, Ute Kraus& Kerstin Weidner (pp. 34-61)

Entwicklungen in der Reproduktionsmedizin – mit welchen Konsequenzen müssen wir uns auseinandersetzen?

Der vorliegende Artikel soll einen Überblick über verschiedene Aspekte der modernen Reproduktionsmedizin ermöglichen. Auf folgende Schwerpunkte wird deshalb genauer eingegangen: Entwicklung der medizinischen Möglichkeiten, Wissen in der Bevölkerung, Einschätzung von Chancen und Gefahren, psychologische Aspekte der Kinderlosigkeit, Belastungen während einer IVF-Behandlung, ethisch-moralische Konsequenzen der Verfahren. Darüber hinaus werden Zusammenhänge zwischen demographischer und medizinischer Entwicklung sowie die sich daraus ergebenden spezifischen psychologischen und soziologischen Perspektiven aufgezeigt. Die bisherigen Forschungsergebnisse zeigen nicht nur ein Mangel an Wissen bzgl. fortpflanzungsmedizinischer Aspekte, sondern auch übertrieben große, zum Teil unberechtigte, Hoffnungen hinsichtlich der Wirksamkeit der reproduktionsmedizinischen Verfahren. Oftmals werden hochaufwändige und kostenintensive Verfahren eingesetzt, um den (langen) Wunsch nach einem Kind zu erfüllen, allerdings ohne psychischen und sozialen Wirkfaktoren Rechnung zu tragen. Somit steht die Devise „ein Kind um jeden Preis“ seitens vieler Paare und aber auch Reproduktionsmediziner im krassen Gegensatz zu mangelnder Beratung vor, während und nach einer Behandlung.

Stichworte: Reproduktionsmedizin, ungewollte Kinderlosigkeit, Fertilitätsentwicklung, Kinderwunschberatung

Developments in reproductive medicine – what consequences do we have to deal with?

This report provides an overview about certain aspects of modern reproductive medicine. The following issues are prioritised: development of medical facilities, people’s knowledge on reproductive medicine, appraisal of chances and risks, psychological aspects of involuntary childlessness, stresses and strains during IVFtreatment, ethical consequences of these medical procedures. Furthermore interactions between demographic and medical developments are analysed as well as resulting psychological and sociological perspectives. Previous research results present both a lack of knowledge towards reproductive medical treatments and disproportionate expectations and hope toward treatment outcome. Very often expensive and complex methods are practiced to fulfil the child wish, but mental and social aspects remain unconsidered. So the motto “a child at any cost” on the part of many involuntary childless couples as well as of some fertility doctors poses a glaring contradiction to insufficient counselling in practice prior to, during and after the treatment

Key words: Reproductive medicine, involuntary childlessness, fertility development, counselling and psychological assessment in fertility medicine


Anke Rohde, Christiane Woopen & Ulrich Gembruch (pp. 62-79)

Entwicklungen in der Pränataldiagnostik Verändertes Erleben der Schwangerschaft und Auswirkungen bei pathologischem fetalen Befund

Die Weiterentwicklung der Pränataldiagnostik hat die Betreuung schwangerer Frauen stetig verändert, und auch von den Frauen wird eine Schwangerschaft heute völlig anders erlebt als noch vor wenigen Jahrzehnten. Trotz erheblicher Fortschritte in der medizinischen Versorgung sind aber noch längst nicht alle Erkrankungen des Kindes therapeutisch zu beeinflussen; insbesondere nach Feststellung einer genetisch bedingten Erkrankung oder schweren Behinderung des Kindes stellt sich für die Frauen und ihre Partner oft die Frage danach, ob sie die Schwangerschaft fortsetzen können. Betroffene Frauen bzw. Paare reagieren auf solche Situationen nicht selten mit einer Schock-Reaktion, und auch langfristig können sich psychische Probleme einstellen, unabhängig davon, ob die Schwangerschaft ausgetragen oder wegen einer medizinischen Indikation gemäß § 218a Abs. 2 StGB abgebrochen wurde. Um die Betroffenen in einer solchen Krisensituation zu unterstützen und sie auch im Entscheidungsprozess zu begleiten, wurde an drei Modellstandorten (Bonn, Düsseldorf und Essen) eine psychosoziale Beratung etabliert, wobei diese psychosoziale Beratung zusätzlich zur ärztlichen Beratung unabhängig von konfessioneller oder nichtkonfessioneller Ausrichtung ergebnisoffen erfolgt. Die wissenschaftliche Evaluation von insgesamt 512 Erstberatungen und die Verlaufsuntersuchung über zwei Jahre zeigte eine hohe Akzeptanz der Beratung von Seiten der Betroffenen. Viele Argumente sprechen dafür, eine solche Beratung als Regelangebot im Kontext von Pränatalmedizin zu etablieren.

Schlagworte: Pränataldiagnostik, kindliche Fehlbildung, Chromosomenstörung, psychosoziale Beratung

Development in prenatal diagnosis – Changes in experiencing pregnancy and effects of pathological prenatal diagnosis

The further development of prenatal diagnosis has led to changes in the care for pregnant women. Also, pregnant women nowadays experience pregnancy in a way very different from that a few decades ago. Despite of impressive medical progress, it is still not possible to have an therapeutic impact on all diseases of the foetus and the child. In particular, when a genetic disorder or severe malformation are diagnosed, the question arises whether or not the pregnancy should be continued. More often than not, women or couples, respectively, display a shock reaction following this disclosure. In the long run, psychological problems may evolve, regardless of the continuation of the pregnancy or its termination (abortion) on grounds of article 218a, 2 StGB (German Criminal Code) for medical reasons. For providing support to these women in crisis and for accompanying the decision-making process, psychosocial counselling has been established in three demonstration sites (Bonn, Düsseldorf and Essen). This counselling had been offered in addition to the medical counselling and has been performed in an unbiased manner, regardless of the denominational orientation of the responsible body. The assessment of 512 first-time counselling sessions as well as the accompanying two-year evaluation study show that this kind of counselling has been widely accepted by the affected women. There are striking arguments for establishing psychosocial counselling as a scheduled part of counselling in prenatal diagnosis.

Key words: prenatal diagnosis, developmental disorder, chromosomal disorder, psychosocial counselling


Barbara Gabriel, Nadine Zeender & Guy Bodenmann (pp. 80-95)

Stress und Coping bei Eltern von einem Kind mit einem DownSyndrom. Die Überprüfung eines theoretischen Modells

Theoretischer Hintergrund: Bestehende Befunde verweisen auf ein erhöhtes Belastungsniveau bei Eltern von einem Kind mit einem Down-Syndrom. In der vorliegenden Untersuchung sollte nun erstmals eine differenzierte Betrachtung der Zusammenhänge zwischen elterlichen Belastungen aufgrund des Kindes mit einem Down-Syndrom, individuellen, dyadischen sowie sozialen Ressourcen und Befindlichkeitsvariablen durch die empirische Überprüfung eines theoretischen Stressmodells erfolgen. Methode: Das Stressmodell wurde sowohl für das elterliche Geschlecht als auch die Copingfunktion getrennt mittels Pfadanalysen an den Angaben von 75 Elternpaaren berechnet. Ergebnisse: Das pfadanalytische Modell konnte mit den emotionalen mütterlichen und instrumentellen Ressourcen beider Elternteile belegt werden. Schlussfolgerung: Obwohl die Wichtigkeit der partnerschaftlichen Unterstützung bei der Bewältigung von kindbezogenen Belastungen bestätigt wurde, waren individuelle und soziale Ressourcen von Bedeutung.

Schlüsselwörter: Down-Syndrom, Stress, individuelles Coping, dyadisches Coping, soziale Unterstützung

Stress and coping in parents of a child with Down syndrome: An examination of a theoretical model

Background: Several studies suggest high distress in parents of a child with Down syndrome. This study focused on the relationship between stress, individual, dyadic and social resources and different measures of well-being based on a theoretical stress model. Method: Path analyses separated for parental sex and functionality of coping were used to test the theoretical model using data collected from 75 couples. Results: Data supported the model with maternal emotional and paternal as well as maternal instrumental resources in the context of specific child related stress. Conclusion: The results underline the importance of the marital system for dealing with daily stress, but they also reveal that individual and social resources are needed.

Key words: Down syndrome, stress, individual coping, dyadic coping, social support.