Volume 19 (2007) – Issue 1

19. Jahrgang (2007) – Heft 1

Content | Inhalt

Annemette Sørensen: Introduction to the special issue: Family change among immigrants. Examples from Germany and Sweden

Amparo González-Ferrer: The process of family reunification among original guest-workers in Germany

Bernhard Nauck: Immigrant families in Germany. Family change between situational adaptation, acculturation, segregation and remigration

Eva Bernhardt, Frances Goldscheider & Calvin Goldscheider: Integrating the second generation: Gender and family attitudes in early adulthood in Sweden

Hanna Idema & Karen Phalat: Transmission of gender-role values in Turkish-German migrant families: The role of gender, intergenerational and intercultural relations

Florian Schulz, Daniela Grunow: Tagebuch versus Zeitschätzung. Ein Vergleich zweier unterschiedlicher Methoden zur Messung der Beteiligung an der Hausarbeit


Abstracts and keywords | Zusammenfassungen und Schlagwörter

Amparo González-Ferrer (pp. 10-33)

Der Prozess der Familienzusammenführung bei den ursprünglichen „Gastarbeitern“ in Deutschland

In diesem Beitrag wird der Prozess der Familienzusammenführung bei den ursprünglichen Gastarbeitern in Deutschland untersucht. Im Gegensatz zur gängigen Darstellung legen meine Erkenntnisse nahe, dass die Mehrzahl der Familienzusammenführungen schon vor dem Anwerbestopp Mitte der 1970er Jahre stattfand. Unter Verwendung von Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) stellte ich fest, dass ungefähr die Hälfte der Ehefrauen, die ihren Männern nach Deutschland folgten, im gleichen Jahr wie ihre Männer auswanderten. Tatsächlich scheint es nicht so zu sein, dass – wie gemeinhin angenommen – der Anwerbestopp einen beschleunigenden Effekt auf die Familienzusammenführung hatte. Nach den vorliegenden Ergebnissen hatte die Kindergeldreform im Jahre 1975 einen eindeutigeren und stärkeren Einfluss auf die Erklärung der Entscheidungen der ursprünglichen Gastarbeiter in Deutschland hinsichtlich der Familienzusammenführungen. Anderseits sind aber auch andere Variablen, die sich auf die makro- ökonomischen Bedingungen in den Herkunftsländern und im Aufnahmeland, die Haushaltsgröße, das Alter der Kinder sowie die Arbeitsmarktcharakteristika der Mütter beziehen, für die Erklärung der unterschiedlichen Zeiträume, die vergingen, ehe die männlichen Einwanderer ihre Familien im Ausland wieder zusammenführten, bedeutsam.

Schlagworte: Familienzusammenführung, gemeinsame Migration als Paar, zeitlich versetzte Familienmigration, Einwanderungspolitik, Aufnahmekontext.

The process of family reunification among original guest-workers in Germany

This article examines the process of family reunification among original guest-workers in Germany. Contrary to conventional accounts, the findings indicate that the bulk of family reunification occurred for the most part before the halt on recruitment was imposed in the mid-seventies. Using data from the German Socio-Economic Panel (GSOEP), I find that approximately half of wives who joined their husbands in Germany migrated in the same year as their husbands. In fact, it does not seem that the ban on labor recruitment had an accelerating effect on the reunification process, as it is generally assumed. According to the obtained results, the reform of the children’s allowances in 1975 had a clearer and stronger impact in explaining the family migration decisions of original guestworkers in Germany. On the other hand, variables related to the macroeconomic conditions at the origin and destination countries, the size of the household, the age of the children, and the labor market characteristics of the mother are important to account for differences in the time that elapsed until male immigrants had their families reunified abroad.

Key words: family reunification, joint couple migration, staggered family migration, immigration policy, context of reception


Bernhard Nauck (pp.. 34-54)

Migrantenfamilien in Deutschland. Familiärer Wandel zwischen Situationsanpassung, Akkulturation, Segregation und Remigration

Der Beitrag basiert auf amtlichen Statistiken und Ergebnissen sozialwissenschaftlicher Umfragedaten und gibt einen Überblick über den Wandel in Migrantenfamilien in den letzten 40 Jahren. Dabei werden drei Themen herausgegriffen: Heiraten, generatives Verhalten und Generationenbeziehungen. Bezüglich der Heirat wird der Wandel in den bi-nationalen Ehen nachgezeichnet, für die sich auch für Deutschland der typische U-kurvenförmige Verlauf zeigt. Das generative Verhalten ist durch einen starken Rückgang der Geburten höherer Parität gekennzeichnet, wobei die Geschwindigkeit von der Migrationskarriere und dem Bildungsniveau der Migrantinnen abhängt. Vergleiche zwischen den Generationen zeigen starke Niveauunterschiede in der Akkulturation der ersten und zweiten Migrantengeneration. Jedoch sind diese Generationen stark miteinander verbunden, durchlaufen den Akkulturationsprozess als Konvoi und erhalten sich so ihre intergenerationalen Bindungen.

Schlagworte: Migrantenfamilien, Akkulturation, bi-nationale Ehen, Segregation, Fertilität, Familiensprache, ethnische Identifikation, intergenerationale Transmission

Immigrant families in Germany. Family change between situational adaptation, acculturation, segregation and remigration

Based on available register data and social surveys, an overview on changes in migrant families in Germany during the last 40 years is provided. Three major issues are selected, namely marriage behavior, fertility behavior and intergenerational relations. With regard to marriage, special emphasis is given to binational marriages, for which the typical Ucurve shape is observed for Germany, too. Major changes have occurred in the nationalities of foreign marriage partners and in the willingness of immigrants to accept binational marriages. The fertility behavior is characterized by a fast decline of births of higher parity, depending in its speed on the migration career and formal education. Intergenerational comparisons show high level differences in acculturation between first and second generation immigrants. However, these generations are linked and pass the acculturation process as a convoy, thus maintaining intergenerational bonds.

Key words: migrant families, acculturation, bi-national marriages, segregation, fertility, family language, ethnic identification, intergenerational transmission


Eva Bernhardt, Frances Goldscheider & Calvin Goldscheider (pp. 55-70)

Die zweite Generation integrieren: Geschlechtsrollen- und Familienvorstellungen im frühen Erwachsenenalter in Schweden

Dieser Artikel nimmt die Einstellungen zu drei im jungen Erwachsenenalter auftretenden familialen Herausforderungen bei im Lande geborenen Schweden unterschiedlicher Herkunft in den Blick. Wir untersuchten ihre Einstellungen hinsichtlich des Eingehens einer neuen Partnerschaft durch Zusammenwohnen versus Ehe und des Eingehens einer Partnerschaft innerhalb oder außerhalb der eigenen ethnischen Gruppe sowie hinsichtlich der Bevorzugung einer eher traditionellen oder eher egalitären Balance zwischen Arbeit und Familie, wenn die Kinder noch klein sind. Die Einstellungen auf diesen Dimensionen zeigen das Ausmaß auf, in dem die erwachsenen, in Schweden lebenden Kinder polnischer oder türkischer Abstammung entweder die schwedischen Familienform akzeptiert haben oder aber von sich selbst erwarten, dass sie einige familiale Besonderheiten beibehalten werden. Unsere Analyse basiert auf einem 1999 durchgeführten Survey junger Erwachsener in Schweden (Family and Working Life in the 21st Century). Dieses Survey bestand aus 2.326 Teilnehmern im Alter von 22 bis 26 Jahren, von denen 500 mindestens einen Elternteil hatten, der entweder in der Türkei oder in Polen geboren war. Wir konzentrierten uns auf die Faktoren, die die Akzeptanz schwedischer Familienformen erhöhen: Wir betrachteten die Effekte zwei Messinstrumente zur Einwirkung schwedischer Wertvorstellungen durch die Wohnumgebung (Bildungswesen, ethnische Segregation in der Nachbarschaft, eines Messinstrumentes zum Grad der Einwirkung schwedischer Wertvorstellungen während der Kindheit in der eigenen Familie (bikulturelle Ehe der eigenen Eltern) sowie einen Faktor, der von einer Abschwächung der Unterstützung für die familialen Herkunftskultur (Bruch mit der Familienstruktur der Elternfamilie) ausgeht. Wir fanden heraus, dass systematische Unterschiede in den Einstellungen zur Familie in der zweiten Generation aufgrund der jeweiligen ethnischen Herkunft bestehen. Es gibt große Unterschiede zwischen jungen Erwachsenen türkischer und schwedischer Herkunft, wohingegen Schweden polnischer Abstammung den Schweden sehr viel ähnlicher sind. Nicht desto trotz scheinen sich die Einstellungen junger Frauen und Männer sowohl polnischer als auch türkischer Herkunft denen ihrer Altersgenossen schwedischer Herkunft anzunähern, jedenfalls im Vergleich zu den in den ethnischen Gemeinschaften ihrer Eltern. Dies hängt jedoch vom Wohnumfeld und den Familienzusammenhängen, in denen sie in Schweden aufwuchsen, ab.

Schlagworte: Integration, zweite Generation, Einstellungen zur Familie, frühes Erwachsenenalter, Schweden, Türkei, Polen

Integrating the second generation: Gender and family attitudes in early adulthood in Sweden

This paper focuses on attitudes towards three family challenges of early adulthood among native-born Swedes of differing origins. We examine attitudes towards forming new partnerships through cohabitation versus marriage, partnering within or outside one’s national group, and preferring a more traditional versus a more egalitarian balance of work and family when children are young. Attitudes about these dimensions reveal the extent to which the adult children of Polish and Turkish origins living in Sweden have accepted Swedish family forms or expect to retain some forms of family distinctiveness. We base our analysis on a 1999 survey of young adults in Sweden (Family and Working Life in the 21st Century). The survey consisted of 2,326 respondents who were ages 22 and 26, of whom 500 had at least one parent who was born either in Turkey or Poland. We focus on the factors increasing acceptance of Swedish family forms. We consider the effects of two measures of exposure to Swedish values in the community (education, neighborhood ethnic segregation), a measure indicating the extent of exposure to Swedish values in the childhood family (parental intermarriage), and a factor suggesting the weakening of familial support for the culture of origin (disrupted childhood family structure). We find that there are systematic differences in family attitudes among the second generation that reflect their ethnic origins, with sharp differences between young adults of Turkish and Swedish origins. Swedes of Polish origin much more closely resemble those of Swedish origins. Nevertheless, the attitudes of young women and men of both Polish and Turkish origins appear to be approaching those of Swedish-origin young adults, relative to the family patterns in their parents’ home communities. This, however, depends on the community and family contexts in which they grew up in Sweden.

Key words: Integration, second generation, family attitudes, early adulthood, Sweden, Turkey, Poland


Hanna Idema & Karen Phalet (pp. 71-105)

Transmission von Geschlechtsrollenvorstellungen in deutsch-türkischen Familien: die Rolle von Geschlecht, intergenerationalen und interkulturellen Beziehungen

In dieser Studie wird untersucht, wie die Geschlechtsrollenvorstellungen türkisch-deutscher Jugendlicher sowohl durch intergenerationale als auch interkulturelle Beziehungen geprägt werden. Als Teil einer größeren Befragung von Einwandererfamilien in Deutschland (Nauck 2000) wurden ElternKind-Dyaden gleichen Geschlechts (N=405) getrennt voneinander über ihre Geschlechtsrollenvorstellungen, Sozialisationsziele und Erziehungsstile in den Eltern-Kind-Beziehungen, sowie über das Ausmaß von Akkulturation und wahrgenommener Diskriminierung in den interkulturellen Beziehungen befragt. Die Diskrepanz zwischen den Generationen unterschied sich je nach Geschlecht dahingehend, dass bei den Töchtern ein signifikanter Schub in Richtung egalitärer Wertvorstellungen auftrat, während die Söhne so konservativ wie ihre Väter blieben. Um die Annahme egalitärer vs. konservativer Geschlechtsrollenvorstellungen durch türkische Heranwachsende zu erklären wurden soziodemographische, intergenerationale und interkulturelle Faktoren als unabhängige Variablen in Kovarianzanalysen einbezogen, wobei die Wertvorstellungen der Heranwachsenden als abhängige Variable angesehen wurde. Wie erwartet waren im höhere Maße akkulturierte Heranwachsende – was durch die Selbsteinschätzung der Kenntnisse in der deutschen Sprache gemessen wurde – egalitärer eingestellt. Darüber hinaus waren die egalitärsten Wertvorstellungen bei denjenigen Töchtern anzutreffen, die Mütter mit höherer Bildung und egalitären Wertvorstellungen hatten. Umgekehrt verstärkten die väterlichen Ziele im Bereich der religiösen Sozialisation und Diskrimierungswahrnehmungen konservative Wertvorstellungen bei den Söhnen. Die Ergebnisse legen ein geschlechtsspezifisches Transmissionsmuster nahe, bei dem die Mutter die unmittelbare Kulturvermittlerin ist, der Vater aber über die normative Bezugnahme auf religiöse Autorität Einfluss ausübt. Am wichtigste ist jedoch, dass angespannte interkulturelle Beziehungen mit konservativen Geschlechterrollenvorstellungen bei den Söhnen der türkischen Migranten assoziiert sind.

Schlagworte: Akkulturation, Transmission, Geschlechtsrollen, interkulturelle Beziehungen, Diskriminierung

Transmission of gender-role values in Turkish-German migrant families: The role of gender, intergenerational and intercultural relations

This study investigates how gender-role values of Turkish-German adolescents are shaped by intergenerational as well as intercultural relations. As part of a major survey of migrant families in Germany (Nauck, 2000), Turkish same-sex parent-child dyads (N= 405) were each asked separately about their gender-role values, about socialisation goals and styles in parent-child relations, and about degrees of acculturation and perceived discrimination in intercultural relations. Intergenerational discrepancies differed across gender. in that second-generation daughters showed a significant shift towards more egalitarian values, but sons remained as conservative as their fathers. To explain the adoption of egalitarian vs. conservative genderrole values by Turkish adolescents, sociodemographic, intergenerational and intercultural factors were entered as independent variables in analyses of covariance with adolescents’ values as a dependent variable. As expected, adolescents who are more acculturated, as indicated by self-reported German language proficiency, are more egalitarian. In addition, we find most egalitarian values among daughters of more highly educated and more egalitarian mothers. Conversely, father’s religious socialisation goals and the perception of discrimination reinforce conservative values in sons. The findings suggest a gendered transmission pattern, where the mother is the direct cultural transmitter and the father exerts influence through normative reference to religious authority. Most importantly, tense intercultural relations are associated with conservative gender-role values among the sons of Turkish migrants.

Key words: acculturation, transmission, gender roles, generations, intercultural relations, discrimination


Florian Schulz & Daniela Grunow (pp. 106-128)

Tagebuch versus Zeitschätzung. Ein Vergleich zweier unterschiedlicher Methoden zur Messung der Zeitverwendung für Hausarbeit

Ein Vergleich der Ergebnisse von Zeitverwendungstagebüchern und Zeitschätzungen lässt Zweifel an der bislang aufrecht erhaltenen Annahme aufkommen, beide Methoden wären lediglich zwei verschiedene Wege zur validen Messung individueller Zeitbudgets. Auf der Basis eines eigens für diesen Methodenvergleich erhobenen Datensatzes wird gezeigt, dass die auf Grundlage beider Erhebungstechniken gewonnenen Daten signifikant unterschiedliche Ergebnisse hervorbringen und folglich zu unterschiedlichen theoretischen Schlussfolgerungen in Bezug auf die Determinanten geschlechtsspezifischer Zeitverwendungsmuster für Hausarbeit führen würden.

Schlagworte: Zeitverwendung; Tagebücher; Zeitschätzung; Häusliche Arbeitsteilung; Methodenvergleich

Time-diary versus time-estimation data. A comparison of two different methods of measuring the time spent on housework

A comparison of time-diary data and data obtained through survey questions leaves us to doubt that both methods are just two different ways of measuring individual time budgets validly. Comparing data of a unique pilot study for assessing methodological concerns of time use measurement, we find that both measurement techniques produce significantly different results that would eventually lead to substantially different conclusions with respect to the determinants of gender specific housework patterns.

Keywords: Time use; time diary, time estimation; division of household labor; methodological test.