Volume 19 (2007) – Issue 2

19. Jahrgang (2007) – Heft 2

Content | Inhalt

Janine Hertel, Astrid Schütz, Bella M. DePaulo, Wendy L. Morris & Tanja S. Stucke †: She’s single, so what?

Klaus Haberkern: Zeitverwendung und Arbeitsteilung in Paarhaushalten

Andrea Lengerer, Andrea Janssen & Jeannette Bohr: Familiensoziologische Analysepotenziale des Mikrozensus

Kerstin Ruckdeschel: Der Kinderwunsch von Kinderlosen

Inge Seiffge-Krenke, Stefan Beher, Christian Skaletz: Die Wende in der Wirksamkeitsforschung von systemischer Therapie/Familientherapie: Zeitbezogene Trends und Unterschiede zwischen verschiedenen Behandlungsmodellen


Abstracts and keywords | Zusammenfassungen und Schlagwörter

Janine Hertel, Astrid Schütz, Bella M. DePaulo, Wendy L. Morris and Tanja S. Stucke † (pp. 139-158)

Sie ist Single …, na und? Wie werden Singles im Vergleich zu verheirateten Personen wahrgenommen?

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich klassische Beziehungsmuster geändert. Neben der traditionellen Ehe finden sich heute nichteheliche Lebensgemeinschaften, Paare, die getrennte Haushalte führen (LATs) und gleichgeschlechtliche Paare. Daneben wurden Singles zu einer viel diskutierten Gruppe. In Anbetracht der Vielzahl an Lebensformen könnte man annehmen, dass negativ geprägte Stereotype gegenüber Singles zurückgegangen sind. Unsere Studie zeigt allerdings, dass noch immer verheiratete Personen positiver beurteilt werden als Singles. Beispielsweise werden Singles als einsamer, weniger einfühlsam und weniger fürsorglich eingeschätzt. Es zeigt sich aber auch eine tendenzielle Aufweichung des negativen Stereotyps: (jungen) Singles werden einige positive Eigenschaften zugeschrieben. Hierbei moderieren Merkmale der bewertenden Person die Einschätzung. Vor allem jüngere Frauen und ältere Singles haben ein relativ positives Bild von Singles und beurteilen sie im Vergleich zu verheirateten Personen als geselliger und weltgewandter.

Schlagworte: soziale Wahrnehmung, Partnerschaft, Singles

She’s single, so what? How are singles perceived compared with people who are married?

Over the past few decades, relationship patterns have become more diverse. Besides classical marriage we find cohabitation, romantic partners living apart, and same-sex couples. Furthermore, single people have become an important and intensely discussed segment of society. Due to the increasing plurality of living arrangements, one might assume that stereotypes about singles have changed over the years. Our study shows that married people are generally still seen more positively than singles. Singles were seen as more lonely, less warm and caring than married people. However, some positive features are ascribed to singles, too. Importantly, characteristics of the perceiver moderate his or her perceptions. Some groups rated single people as more sophisticated and sociable than married people.

Key words: social perception, romantic relationships, single people


Klaus Haberkern (pp. 159-185)

Zeitverwendung und Arbeitsteilung in Paarhaushalten

Hausarbeit ist in industrialisierten Ländern ungleich zulasten von Frauen verteilt. Ökonomische Theorien führen die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung auf eine unterschiedliche Humankapitalausstattung oder Einkommensressourcen zurück. Soziologische Theorien betonen dagegen den Einfluss sozialer Normen und institutioneller Rahmenbedingungen. Die empirische Überprüfung des Haushaltsproduktions-, des household bargainingund des gender display-Ansatzes anhand der Daten der Zeitbudgeterhebung 2001/2002 zeigt für Deutschland, dass ökonomische Determinanten wie die finanzielle Abhängigkeit vom Partner einen entscheidenden Einfluss auf die innerfamiliale Arbeitsteilung haben. Ihre Wirkungsweise und geschlechtsspezifische Hausarbeitszeiten können jedoch nur dann angemessen erfasst werden, wenn Geschlechternormen und institutionelle Regelungen berücksichtig werden. Frauen können ihre Hausarbeitszeit mit zunehmender finanzieller Unabhängigkeit vom Mann nur dann reduzieren, wenn sie die Geschlechternorm „männlicher Familienernährer“ nicht verletzen. Männer erhöhen hingegen erst dann merklich ihre Hausarbeitszeit, wenn sie finanziell auf ihre Partnerin angewiesen sind.

Schlagworte: Zeitverwendung, innerfamiliale Arbeitsteilung, Hausarbeit, Gender

Time use and the household division of labour

Household tasks are still unequally distributed in industrialized countries whereby most of the work is frontloaded to women. The aim of the article is to explain the unequal distribution using microeconomic models and referring to social norms and institutions. The household production approach, the household bargaining approach and the gender display approach are empirically tested in random-effects regressions using the data of the German Time Budget Survey 2001/2002. Economic determinants are major predictors of the household division of labor. However, their influence is inextricably bound to social norms and institutions. Women for instance refer to gender norms and the household composition in their allocation of time, whereas men’s behavior is more dependent on the allocation of financial resources between the partners.

Keywords: time use, household division of labor, gender


Andrea Lengerer, Andrea Janßen und Jeanette Bohr (pp. 186-209)

Familiensoziologische Analysepotenziale des Mikrozensus

Als Haushaltsstichprobe enthält der Mikrozensus Informationen über die Größe und Zusammensetzung von Haushalten sowie über Beziehungen der Haushaltsmitglieder untereinander. Neben Haushalten und Familien werden seit 1996 auch Lebensformen als soziale Einheiten in den Daten abgegrenzt. Im Mittelpunkt dieses Konzeptes steht die Berücksichtigung unverheiratet zusammenlebender Paare, wodurch sich das familienwissenschaftliche Analysepotenzial des Mikrozensus beträchtlich erweitert hat. In diesem Beitrag stellen wir die Konzepte und Definitionen der amtlichen Statistik sowie ihre Umsetzung im Mikrozensus vor und gehen der Frage nach, welche empirischen Unterschiede sich bei der Betrachtung (familialer) Lebensformen nach dem traditionellen Familienkonzept und dem neuen Konzept der Lebensformen ergeben. Um das Analysepotenzial des Mikrozensus für die empirisch arbeitende Familienforschung aufzuzeigen, werden neben den Möglichkeiten auch die Grenzen und Restriktionen des Arbeitens mit den Daten sowie die Neuerungen des veränderten Erhebungsdesigns des Mikrozensus ab 2005 und deren Folgen für die Analysen familiensoziologischer Fragestellungen dargestellt.

Schlagworte: Familie, Lebensformen, Mikrozensus, amtliche Statistik.

Possibilities for family research with the German Microcensus

As a representative sample of households the German Microcensus contains information about the size, the composition of households and the relations among the members of the households. Since 1996, in addition to the identification of households and families, a new kind of social unit is identified in the Microcensus: living arrangements. The central aim of this new concept is to take cohabitation as a new form of partnership into account. As a result, the analytical potential of the Microcensus is highly expanded. The article deals with several topics: First, the concepts and definitions of the official statistics and their implementation in the Microcensus will be explained. Second, the empirical differences between the traditional concept of families and the concept of living arrangements are of interest. Third, to show their analytical potential for empirical research concerning families and living arrangements both the possibilities and the limits of the Microcensus data will be presented. Furthermore, we will discuss the consequences of the new survey design of the Microcensus since 2005 for the analysis of family-related questions.

Key words: living arrangements, German Microcensus, official statistics


Kerstin Ruckdeschel (pp. 210-230)

Der Kinderwunsch von Kinderlosen

Mit den Daten der deutschen Population Policy Acceptance Study (PPAS) von 2003 wird der Kinderwunsch von Kinderlosen, sowie mögliche Gründe gegen eigene Kinder untersucht. Dabei stellen vor allem individuelle Werthaltungen ein entscheidendes Differenzierungskriterium zwischen Kinderlosen mit und ohne Kinderwunsch dar. Zudem bestehen zwischen den alten und den neuen Bundesländern grundsätzliche Unterschiede, sowohl was das Ausmaß und die Struktur des Kinderwunsches betrifft, als auch die Gründe gegen eine eigene Elternschaft.

Schlagworte: Kinderwunsch, Kinderlosigkeit, Werthaltungen, Gründe gegen Elternschaft

Fertility intentions of childless persons

Using data of the German Population Policy Acceptance Study (PPAS) 2003, we analyse fertility intentions of childless individuals and their motives against having a first child. We find individual value orientations as a main cause for differences between childless individuals with fertility intentions and those without. Additionally there are fundamental differences between the new and the old German Länder in what concerns the dimension and the structure of fertility intentions as well as motives against having own children.

Key words: fertility intentions, childlessness, value orientations, motives against parenthood


Inge Seiffge-Krenke, Stefan Beher und Christian Skaletz (pp. 231-246)

Die Wirksamkeitsforschung von systemischer Therapie/ Familientherapie: Zeitbezogene Trends und Unterschiede in der Qualität von Studien zu verschiedenen Behandlungsmodellen

Grundlage dieser Analyse sind 68 Wirksamkeitsstudien zur systemischen Therapie/Familientherapie bei Kindern und Jugendlichen im Zeitraum von 1973 bis 2004. Es wird der Frage nachgegangen, welche Qualitätsunterschiede in der Wirksamkeitsforschung zwischen eher integrativ und eher klassisch orientierten Modellen systemischer Familientherapie bestehen, und ob diese Unterschiede mit der Art der untersuchten Therapiemodelle, dem Zeitpunkt der Erforschung und dem Herkunftsland der Studien zusammenhängen. Die Ergebnisse zeigen, dass systemisch-integrative Familientherapie in einigen wichtigen Kriterien der klassisch-systemischen Familientherapie in der methodischen Güte der Studien überlegen ist (z.B. Vorhandensein einer Kontrollgruppe, randomisiertes Studiendesign, Erhebung eines klinisch relevanten Outcomes). Allerdings konnten weitere Analysen belegen, dass die Konfundierung zwischen Publikationsjahr und dem Herkunftsland ein methodisch hohes Niveau der Wirksamkeitsprüfung vorhersagte, unabhängig von der familientherapeutischen Ausrichtung der Studien. Die Analyse verdeutlicht darüber hinaus einen gerade in den letzten Jahren stark angewachsenen Bestand an Wirkstudien zur systemischen Familientherapie insbesondere in den USA, allerdings auch einen Mangel deutscher Wirksamkeitsstudien.

Schlagworte: Therapieevaluation, systemische Familientherapie, RCT

Efficacy research of systemic therapy/family therapy: Historic trends and differences in the quality of studies of different therapy models

Sixty-eight studies investigating the effectiveness of systemic/family therapy for children and adolescents (published from 1973 to 2004) were analyzed to determine whether quality differences exist between studies of more integrative versus classically-orientated systemic family therapy. These differences were examined with respect to the type of therapy model investigated, publication year, and origin of publication. Results indicate that, based on the consideration of important methodological criteria (e.g., existence of a control group, randomized study design, registration of clinical outcome), integrative family therapy is more effective than classic family therapy. Additional analyses revealed that the year and origin of publication predicted a high methodological standard, independent of family therapy orientation. The analyses also revealed that although the number of evaluation studies on systemic/family therapy has considerably increased, especially in the USA, comparable studies on German samples are lacking.

Key words: psychotherapy outcome, systemic family therapy, RCT