Volume 18 (2006) – Issue 3

18. Jahrgang (2006) – Heft 3

Content | Inhalt

Harald Künemund & Claudia Vogel: Öffentliche und private Transfers und Unterstützungsleistungen im Alter – „crowding in“ oder „crowding out“?

Andreas Motel-Klingebiel & Clemens Tesch-Römer: Familie im Wohlfahrtsstaat – zwischen Verdrängung und gemischter Verantwortung

Gunhild O. Hagestad: Transfers between grandparents and grandchildren: The importance of taking a three-generation perspective

Michaela Kreyenfeld & Esther Geisler: Müttererwerbstätigkeit in Ost- und Westdeutschland. Eine Analyse mit den Mikrozensen 1991-2002


Abstracts and keywords | Zusammenfassungen und Schlagwörter

Harald Künemund & Claudia Vogel (pp. 269-289)

Öffentliche und private Transfers und Unterstützungsleistungen im Alter – „crowding out“ oder „crowding in“?

Der Beitrag diskutiert die Plausibilität der These des „crowding out“, nach der der Ausbau sozialstaatlicher Leistungen familiale Unterstützungsleistungen und familiale Solidarität verdrängen würde. In einer theoretischen Erörterung der Motive für private intergenerationelle Unterstützungsleistungen wird herausgearbeitet, dass ein crowding out theoretisch zwar möglich, insgesamt betrachtet aber empirisch unwahrscheinlich ist, da gegenläufige Effekte des crowding in eine höhere Plausibilität haben. Mit Hilfe eines Ländervergleichs wird anschließend untersucht, ob sich die Anteile der Hilfen, die die Älteren von ihren Kindern erhalten, systematisch mit Blick auf das Niveau der wohlfahrtsstaatlichen Versorgung unterscheiden, wie es der These des crowding out entsprechen würde. Die deskriptiven empirischen Befunde sprechen jedoch ebenfalls gegen diese These.

Schlagworte: Intergenerationelle Beziehungen, familiale Unterstützung, Wohlfahrtsstaat, crowding out, crowding in

Public and private transfers and support in old age: crowding out or crowding in?

In this article we discuss the plausibility of the “crowding out“ hypothesis that predicts a displacement of family support in response to the expansion of the welfare state. A theoretical discussion of motives for private intergenerational transfers suggests a limited potential of crowding out. However, in sum crowding out is unlikely to occur because contradictory effects of crowding in are also probable. Using a comparative approach, we test whether the support that the elderly receive from their adult children varies systematically with the generosity in public expenditure, which is what we would expect according to the crowding-out assumption. The empirical findings contradict this hypothesis.

Keywords: Intergenerational relations, family help, welfare state, crowding out, crowding in


Andreas Motel-Klingebiel & Clemens Tesch-Römer (pp. 290-314)

Familie im Wohlfahrtsstaat – zwischen Verdrängung und gemischter Verantwortung

Dieser Beitrag diskutiert aus einer international vergleichenden Perspektive die Ausgestaltung informeller und formeller Hilfe- und Unterstützungsleistungen für ältere Menschen. Dabei bezieht er sich insbesondere auf das Spannungsverhältnis zwischen inter- und intragenerationaler familialer Hilfe und wohlfahrtsstaatlich organisierten Unterstützungen. Während die ‚Substitutionshypothese‘ in einer großzügigen wohlfahrtsstaatlichen Versorgung älterer Menschen ein Potential zur Verdrängung der Familie als Unterstützungssystem sieht („crowding out“), geht die ‚Hypothese der Verstärkung‘ von einer Stimulation familialer Hilfen durch wohlfahrtsstaatliche Interventionen aus („crowding in“). Die ‚Hypothese der gemischten Verantwortung‘ prognostiziert derweil, dass eine verbesserte Serviceinfrastruktur vor allem die intensivierte Mischung informeller und formellen Hilfeund Unterstützungsleistungen nach sich zieht. Die ‚Hypothese der funktionalen Differenzierung‘ schließlich nimmt darüber hinaus an, dass diese Mischung nicht unspezifisch erfolgt, sondern sich charakteristische Zuständigkeiten herausbilden. Der Beitrag berichtet empirische Ergebnisse des Forschungsprojekts OASIS – Old Age and Autonomy: The Role of Service Systems and Intergenerational Family Solidarity. Grundlage ist eine nach Alter geschichtete urbane Stichprobe von 6.106 Personen im Alter von mehr als 25 Jahren aus Norwegen, England, Deutschland, Spanien und Israel. Die Analyse zeigt, dass die Gesamtheit der von älteren Menschen empfangenen Hilfe in jenen Wohlfahrtsstaaten deutlich größer ist, die eine ausgeprägte Infrastruktur von formellen Dienstleistungen aufweisen. Unter Kontrolle von Sozialstrukturindikatoren, gesellschaftlichen Normen und individuellen Präferenzen, gesundheitlichen Einschränkungen sowie familialen Opportunitätsstrukturen lassen sich dabei keine Hinweise auf eine substantielle ‚Verdrängung‘ familialer Hilfen finden. Die Ergebnisse unterstützen stattdessen die Hypothesen einer ‚gemischten Verantwortung‘ und ‚funktionalen Differenzierung‘. Sie deuten darauf hin, dass in Gesellschaften mit gut entwickelten Dienstleitungsinfrastrukturen die Hilfe aus familialen und wohlfahrtsstaatlichen Leistungen häufig kumulativ vorzufinden sind und so auf die Lebensqualität im Alter wirken, während solche Mischungen in familial orientierten Wohlfahrtsregimes bei zugleich insgesamt geringerer Verbreitung von Hilfen nur selten vorkommen.

Schlagworte: Alter, Familie, Hilfebedarf, intergenerationale Unterstützung, Wohlfahrtsstaat, Gesellschaftsvergleich

Families in modern welfare states – Between crowding out and mixed responsibility

In this paper, informal and formal provision of help and support for older people will be discussed in a welfare state comparative perspective, focussing on the relation between intergenerational family help and welfare state support. A range of research hypotheses is illuminated and tested. While the ‘substitution’ hypothesis states that generous provision of welfare state services may potentially crowd out family help to older people, the ‘encouragement’ hypothesis predicts the crowding in of family help. In addition, the hypothesis of ‘mixed responsibility’ predicts a combination of help and support by families and services – and, at last, the hypothesis of ‘functional differentiation’ assumes a specific mix with distinct and characteristic responsibilities of the named societal institutions. Results come from the research project OASIS – Old Age and Autonomy: The Role of Service Systems and Intergenerational Family Solidarity’. This European comparative data is based on disproportionally agestratified random samples of the urban population (25 years and older) in Norway, England, Germany, Spain, and Israel (n=6.106). Findings show that total help received is more common in welfare states with a strong infrastructure of formal services. Moreover, statistical controls for social structure, preferences and familial opportunity structures bring in no evidence of substantial crowding out of family help. On the contrary, results support the hypothesis of ‘mixed responsibility’ and ‘functional differentiation’, as they point to the fact that in societies with well-developed service infrastructures, help from families and welfarestate services act accumulatively in the support of quality of life of older people. Help and support is less likely and support mixes are unusual in family-oriented welfare regimes.

Keywords: old age, family, need for care, intergenerational support, welfare-state comparisons


Gunhild O. Hagestad (pp. 315-332)

Transfers zwischen Großeltern und Enkelkindern – Warum es wichtig ist, eine Drei-Generationen-Perspektive einzunehmen

Der demographische Wandel mit der beispiellos langen gemeinsamen Lebenszeit und der sich verschiebenden Balance zwischen Alt und Jung in der Familie erfordert in Hinblick auf Transfers zwischen Großeltern und Enkeln eine Drei-Generationen-Perspektive. Ein gro- ßer Teil der Hilfen von Großeltern besteht in ihrer fortwährenden Unterstützung für ihre erwachsenen Kinder, also die Eltern ihrer Enkelkinder. Mit aktuellen norwegischen Daten wird diese indirekte Unterstützung auf drei Ebenen untersucht: Wahrnehmung von Rollenmodellen, tatsächliche Hilfen bei dem elterlichen Aufgaben sowie Unterstützung in schwierigen Zeiten und potenzielle Hilfe. Dabei existieren deutliche Hinweise, dass die Großeltern eine „Reservearmee“ für ihre Kinder und Enkelkinder darstellen, und zwar insbesondere die Großmütter mütterlicherseits. Scheidungen weisen hingegen auf strukturelle Hindernisse für fortwährende Hilfeleistungen hin, insbesondere auf Seiten der Großeltern väterlicherseits. Beim Forschungsdesign und der Durchführung von Studien über heutige Großeltern muss man sich des potenziellen Asymmetrie-Problems bewusst sein und klare Entscheidungen darüber treffen, an welcher Stelle in der Generationenlinie die Untersuchung verankert wird.

Schlagwörter: Großeltern, Enkel, indirekte Hilfeleistung, Rollenwahrnehmung, Asymmetrie

Transfers between grandparents and grandchildren: The importance of taking a three-generation perspective

The key argument in this article is that recent demographic change, with unprecedented duration of intergenerational ties and shifting balance between old and young in family lines necessitates three-generational views of transfers between grandparents and grandchildren. Much support from grandparents comes through continued parenting of the middle generation, the grandchildren’s parents. Using recent data from Norway, such indirect support is explored through three avenues: ideal role perceptions, actual help in parenting, support in difficult times and potential help. In most instances, there is considerable evidence that grandparents represent a “reserve army” for their children and grandchildren, especially grandmothers in the maternal line. Divorce may represent structural obstacles to the flow of support, especially in the paternal line. In designing and executing studies of modern grandparents, researchers need to be aware of asymmetry as a potential problem and be very clear on where in vertical connections the research is anchored.

Keywords: Grandparents, grandchildren, indirect support, role perceptions, asymmetry


Michaela Kreyenfeld & Esther Geisler (pp. 333-360)

Müttererwerbstätigkeit in Ost- und Westdeutschland

Auf Basis der Daten des Mikrozensus aus den Jahren 1991, 1996 und 2002 gibt dieser Artikel einen Überblick über das Erwerbsverhalten von Frauen mit Kindern in Ost-und Westdeutschland. Neben der Frage der Ost-West-Angleichung stehen bildungsspezifische Unterschiede im Erwerbsverhalten im Vordergrund der Analyse.

Schlagworte: Frauenerwerbstätigkeit, Mikrozensus, ILO-Erwerbskonzept

Mothers’ Employment in East and West Germany

This article provides an overview on the labor force behavior of women with children in East and West Germany using data from the German Microcensus of the years 1991, 1996 and 2002. Besides the question of an East-West-convergence of behavior, we investigate educational differences in mothers’ employment behavior.

Keywords: Female employment, microcensus, ILO-labor force concept