Volume 18 (2006) – Issue 1

18. Jahrgang (2006) – Heft 1

Content | Inhalt

Elke Rohmann, Beate Küppner & Martina Schmohr: Wie stabil sind Bindungsangst und Bindungsvermeidung? Der Einfluss von Persönlichkeit und Beziehungsveränderungen auf die partnerbezogenen Bindungsdimensionen

Alexander Noyon & Tanja Kock: Living apart together: Ein Vergleich getrennt wohnender vs. zusammen lebender Paare

Anne-Katrin Stegmann & Marina Schmitt: Veränderungen in langjährigen Partnerschaften des mittleren Erwachsenenalters

Annette Cina, Guy Bodenmann, Kurt Hahlweg, Thomas Dirscherl & Matthew R. Sanders: Triple P (Positive Parenting Program): Theoretischer und empirischer Hintergrund und erste Erfahrungen im deutschsprachigen Raum

Una M. Röhr-Sendlmeier & Jenny Yun: Familienvorstellungen im Kulturkontakt: ein Vergleich italienischer, türkischer, koreanischer und deutscher junger Erwachsener in Deutschland

Vincent Kaufmann & Eric D. Widmer: Motility and family dynamics: Current issues and research agendas


Abstracts and keywords | Zusammenfassungen und Schlagwörter

Elke Rohmann, Beate Küpper und Martina Schmohr (pp. 4-26)

Wie stabil sind Bindungsangst und Bindungsvermeidung? Der Einfluss von Persönlichkeit und Beziehungsveränderungen auf die partnerbezogenen Bindungsdimensionen

Es wurde in einer Studie mit einer Stichprobe von 57 Studierenden, die zu drei Messzeitpunkten innerhalb von acht Monaten befragt worden waren, untersucht, ob Persönlichkeitsmerkmale (Verträglichkeit und Neurotizismus) besser die allgemeine Bindung als die partnerbezogene Bindung vorhersagen. Diese Annahme konnten wir für die Vorhersage von Bindungsangst durch Neurotizismus bestätigen. Weiterhin ließ sich in einer cross-lagged-panel-Analyse zeigen, dass die partnerbezogene Bindungsangst nach acht Monaten besser durch Neurotizismus vorhergesagt wurde als umgekehrt. Dagegen ließ sich für den Zusammenhang von Verträglichkeit und partnerbezogener Bindungsvermeidung keine einseitige Einflussrichtung feststellen. Die Veränderbarkeit der partnerbezogenen Bindungsangst konnte durch positive und negative Beziehungsveränderungen vorhergesagt werden. Nach negativen Beziehungsveränderungen nahm die Bindungsangst zu, während sie nach positiven Beziehungsveränderungen abnahm. Entgegen unserer Annahmen fanden wir keine geringere Stabilität von partnerbezogener Bindungsangst im Vergleich zu partnerbezogener Bindungsvermeidung. Zudem waren die beiden partnerbezogenen Bindungsdimensionen zeitlich genauso stabil wie Verträglichkeit und Neurotizismus.

Schagworte: Partnerbezogene Bindung, allgemeine Bindung, Neurotizismus, Verträglichkeit, zeitliche Stabilität, Beziehungsveränderungen

How stable are attachment anxiety and attachment-avoidance? The influence of personality and changes of relationship on partner-related attachment dimensions

In a sample of 57 students who were interviewed at three waves within eight months the assumption was investigated that personality dimensions (specifically agreeableness and neuroticism) predict general attachment better than partner-related attachment. In accordance with this assumption neuroticism predicted general attachment anxiety better than partner-related anxiety. Results of a cross-lagged panel analysis showed that partner-related anxiety was predicted better by neuroticism than vice versa. With respect to the association between agreeableness and partner-related avoidance, no dominant influence of one variable over the other was detected. After positive and negative changes in the course of their relationship congruent changes in partner-related attachment anxiety were detected. Specifically, negative changes in the course of relationship caused an increase in attachment anxiety, whereas positive changes in the course of relationship caused a decrease in attachment anxiety. Contrary to our expectations, the stability of partnerrelated attachment anxiety did not differ from the stability of partner-related attachment avoidance. In addition, both dimensions of partner-related attachment reached the same level of temporal stability as agreeableness and neuroticism.

Key words: partner-related attachment, general attachment, neuroticism, agreeableness, temporal stability, changes in relationship


Alexander Noyon und Tanja Kock (pp. 27-45 )

Living apart together: Ein Vergleich getrennt wohnender Paare mit klassischen Partnerschaften

Mit dem Begriff des „living apart together“ (LAT) hat Straver (1980) eine Beziehungsform gekennzeichnet, die sich von klassischen Beziehungsmodellen dadurch unterscheidet, dass die beteiligten Partner ihre Partnerschaft nicht in einer gemeinsamen, sondern in getrennten Wohnungen gestalten. In der empirischen Forschung spielen solche LAT-Paare bislang eine untergeordnete Rolle. In der vorliegenden Studie werden n 1 = 57 Personen, die mit ihrem Partner in einer Wohnung leben, mit n2 = 53 Probanden verglichen, die eine LAT-Beziehung führen. Wie die Studienergebnisse zeigen, weisen insbesondere die Frauen der LATStichprobe höhere Partnerschaftszufriedenheitswerte auf als die in „klassischen“ Beziehungen lebenden Frauen. Neben diesem werden weitere Ergebnisse insbesondere hinsichtlich der Partnerschaftsqualität präsentiert und in einer abschließenden Diskussion kritisch beleuchtet.

Schlagworte: Partnerschaft, Partnerschaftszufriedenheit, Geschlechterunterschiede

Living apart together: Couples living apart compared with couples in traditional living arrangements

The term “living apart together” (LAT), which was coined by Straver (1980), characterizes a form of relationship that differs from traditional relationship models in that the involved partners carry out their relationship in separate homes as opposed to a mutual home. Up to now, these LAT couples have played a minor role in empirical research. In the following study  1 = 57 subjects who live with their partners in a mutual home are compared to n2 = 53 subjects who maintain an LAT relationship. The study’s results indicate that especially women from the LAT sample show higher satisfactionwith-relationship values than the women living in traditional relationships. Further results, particularly concerning the quality of relationships, are presented and critically assessed in a concluding discussion.

Key words: relationship, satisfaction in partnerships, gender differences


Anne-Katrin Stegmann und Marina Schmitt (pp. 46-65)

Veränderungen in langjährigen Partnerschaften des mittleren Erwachsenenalters

Obwohl langjährige Partnerschaften immer noch den Normalfall darstellen, werden diese in der Forschung häufig vernachlässigt. Die Untersuchung fragt deshalb danach, a) wie sich die Ehequalität in langjährigen Beziehungen im mittleren Erwachsenenalter verändert, b) welche Veränderungen auftreten, c) wie diese bewertet werden und d) welche Zusammenhänge zwischen Veränderungen, deren Erleben und der Entwicklung der Ehequalität bestehen. Basierend auf Daten von 286 in langjährigen Beziehungen lebenden Teilnehmer/innen der Interdisziplinären Längsschnittstudie des Erwachsenenalters (geb. 1950-52; Alter zu T2: 48,0 Jahre) zeigen sich eine Zunahme der Ehequalität und viele partnerschaftsbezogene Veränderungen. Weder Anzahl noch Art der Veränderungen, sondern die negative Bewertung der Ereignisse weisen Zusammenhänge zur Ehequalität auf. Konsequenzen für die weitere Forschung werden diskutiert.

Schlagworte: mittleres Lebensalter, langjährige Partnerschaften, Ehequalität, Ereignisse und Veränderungen

Changes in long-term marital relationships in middle adulthood

Although long-term marital relationships still are the normal case, researchers neglect these relationships. Therefore, this study asks a) how marital quality changes in longterm relationships in middle adulthood, b) which changes individuals perceive in their marital relationship, c) how they evaluate these changes, and d) which associations exist between perceived changes, the evaluation of these changes, and the development of marital quality. Based on data from 286 participants of the Interdisciplinary Longitudinal Study of Adult Development (born 1950-52; mean age at T2: 48.0 years) living in long-term marital relationships, results show an increase in marital quality and a variety of changes related to marriage. Neither the amount of changes nor the kind of changes but only the negative evaluation of the perceived changes were related to marital quality. Consequences for further research are discussed.

Key words: middle adulthood, long-term marriages, marital quality, events and changes


Annette Cina, Guy Bodenmann, Kurt Hahlweg, Thomas Dirscherl und Matthew R. Sanders (pp. 66-88)

Triple P (Positive Parenting Program): Theoretischer und empirischer Hintergrund und erste Erfahrungen im deutschsprachigen Raum

Dieser Artikel stellt die theoretischen, empirischen und klinischen Grundlagen eines mehrstufigen erziehungs- und familienunterstützenden Präventionsprogramms (Triple P: Positive Parenting Program) dar, welches die Förderung elterlicher Erziehungskompetenzen und die Reduktion von Verhaltensproblemen und emotionalen Störungen bei Kindern und Jugendlichen zum Ziel hat. Der Beitrag stellt die einzelnen Interventionsmethoden, Trainingselemente, Formen von Triple P und dessen Neuerungen sowie insbesondere die Verbreitung und Implementierung des Elterngruppenprogramms in Deutschland und der Schweiz dar. Die empirischen Belege zur Wirksamkeit des Programms aus Australien sowie aus dem deutschsprachigen Raum werden resümiert und Schlussfolgerungen für die Untersuchung der weiteren Verbreitung des Programms dargestellt.

Schlagworte: Triple P, Prävention, Erziehung, kindliches Problemverhalten, Verhaltenstherapie.

Triple P (Positive Parenting Program): Theoretical and empirical background and first experiences in the German speaking areas

This article reviews the theoretical and empirical background of Triple P (Positive Parenting Program). The aims of this prevention program as well as the different techniques that are used in order to help parents to improve their educational skills are presented. One main focus of this article is to draw the development of Triple P, its features and specifically its implementation in Europe. It is shown, how Triple P is disseminated in Germany and Switzerland and how parents rate their satisfaction and acceptance of Triple P in these two countries.

Key words: Triple P, prevention, education, child problem behavior, behavioral therapy


Una M. Röhr-Sendlmeier und Jenny Yun (pp. 89-110)

Familienvorstellungen im Kulturkontakt: ein Vergleich italienischer, türkischer, koreanischer und deutscher junger Erwachsener in Deutschland

In zwei Studien mit 215 Personen wurden die Vorstellungen zu Partnerschaft, Ehe und Familie von italienischen, türkischen und koreanischen jungen Erwachsenen der zweiten Migrantengeneration mit denen deutscher junger Erwachsener verglichen. In einer ersten Studie mit 115 Befragten der vier Ethnien, die repräsentativ nach dem Bildungsniveau zusammengesetzt waren, erwiesen sich die Voraussetzungen für eine Familiengründung und die antizipierte Rollenverteilung in der Familie als sehr unterschiedlich. So zeigten die italienischen und türkischen Erwachsenen eine starke Orientierung an familiären Traditionen und Werten, während die koreanischen und deutschen Teilnehmer die Individualität und die Rationalität des Einzelnen in den Vordergrund stellten. In einer zweiten Studie wurden weitere 100 Personen rekrutiert, um die Vorstellungen junger Erwachsener derselben ethnischen Gruppen mit Gymnasialbildung zu erhellen. Die Familienvorstellungen der jungen ausländischen Erwachsenen mit Abitur ähnelten denen der deutschen Untersuchungsteilnehmer. Vor allem italienische und türkische Frauen mit Gymnasialbildung zeigten signifikant andere Zukunftsvorstellungen als die entsprechenden Gruppen mit gemischten Bildungshintergründen.

Schlagworte: Migration, zweite Generation, Assimilation, Familienvorstellungen, Bildungsniveau, Geschlecht

Family concepts of young adults in Germany: A comparison of Italian, Turkish and Korean migrants and their German peers

Concepts of partnership, marriage and the family of a total of 215 young adults of different cultural backgrounds in Germany are compared. In an initial study, 115 German and Italian, Turkish and Korean young adults of the second migrant generation were interviewed; their achieved educational levels were representative for each group. The prerequisites for establishing a family and the anticipated role allocation within the family turned out to be very different. The Italian und Turkish adults showed a strong orientation towards family traditions and values, whereas the Korean and German participants emphasized individuality and rationality of the individual. In a second complementary study, 100 young adults of the same ethnic groups, who now all had an educational level of comprehensive secondary school, were recruited to investigate the family concepts in these specific groups. The young migrants had developed similar family concepts to those of their German peers. Especially Italian and Turkish women with comprehensive secondary school education revealed significantly different perceptions of the future in comparison to the concepts of the respective groups with mixed educational backgrounds.

Key words: migration, second generation, assimilation, family concepts, educational level, gender


Vincent Kaufmann and Eric D. Widmer (pp. 111-129)

Mobilitätskapital und Familiendynamik: Gegenwärtige Forschungslage und Desiderata

Das Mobilitätskapital oder die „Motilität” ist ein essentieller Bestandteil der sozialen Integration in sehr modernen Gesellschaften, in denen die Zahl der Möglichkeiten, sich durch Raum und Zeit zu bewegen, zunimmt. Dadurch wird die simultane Präsenz von Menschen bzw. sozialen Akteuren sichergestellt. Möglichkeiten der strategischen Auswahl und Differenzierungen in der Mobilität sind heute an die Stelle der räumlichen Beschränkungen getreten. Es ist unser Argument, dass die Motilität eine gute Ausgangsbasis ist für die Analyse der Motivationen, der Entscheidungsprozesse und der Beschränkungen, die die Nutzung des Raumes bestimmen. Wir beabsichtigen dadurch aufzuzeigen, dass Motilität sich innerhalb der Familiensphäre konstituiert und keinesfalls ein reines Persönlichkeitsmerkmal ist, das wiederum von angeborenen Fä- higkeiten oder individuellen Strategien abhinge. Somit ist die Motilität ein Motivationsfaktor, der das Funktionieren und die Strukturen der familialen Sphäre bestimmt. Nach Vorstellung des Motilitätskonzeptes und Darstellung der Implikationen, die sich daraus ergeben, werfen wir einen Blick auf die Effekte, die die Familienstrukturen und die Funktionsweise der Familie auf dem Erwerb der Motilität sowie auf dem Zeitpunkt haben, zu dem die Kinder das Elternhaus verlassen. Danach untersuchen wir die Zusammenhänge zwischen dem Wohnort und dem Motilitätserwerb und den Spannungen, die diese Zusammenhänge zwischen Wohnkontext und dem Funktionieren der Familie hervorrufen können. In unserer Schlussfolgerung werfen wir im Lichte unserer Forschungsergebnisse nochmals einen Blick auf die Räume, die von der Familie besetzt werden.

Schlagworte: Mobilitätskapital, Motilität, räumliche Beschränkungen, Familiensphäre, Wohnort

Motility and family dynamics: Current issues and research agendas

Mobility capital or “motility“ is an essential part of social integration in very modern societies, that, in turn, experience an increase in the number of ways in which people can move through time and space, and thereby ensure the simultaneous presence of human beings or actors. Today, strategic choices and mobility differentiations have taken the place of spatial constraint. We argue that motility is a good basis for the analysis of motivations, decision-making processes, and constraints that dominate the use of space. In doing so, we intend to show that, far from being a purely personal trait that essentially depends on innate skills or individual strategies, motility is construed within the family sphere. As such, it is a factor of the motivations that govern the functioning and the structures of the family sphere. After presenting the concept of motility and illustrating its implications for family life as well as for its spatial manifestations, we take a look at the effects of both family structures and family functioning on the acquisition of motility and on the point in time children leave home. We continue with an exploration of the links between residential location and the tensions that these links can produce between the residential context and the functioning of the family. As a conclusion, we take a renewed look on the spaces that are occupied by the family in light of our research findings.

Key words: mobility capital, motility, spatial constraints, family sphere, residential location