Volume 17 (2005) – Issue 2

17. Jahrgang (2005) – Heft 2

Content | Inhalt

Norbert F. Schneider: Einführung: Mobilität und Familie

Ruth Limmer: Berufsmobilität und Familie in Deutschland

Heather Hofmeister: Geographic mobility of couples in the United States: Relocation and commuting trends

Sven Kesselring: New mobilities management. Mobility pioneers between first and second modernity

Gerardo Meil Landwerlin: Zusammenfassung

Walter Hanesch: Einführung: Ökonomische Situation der Familie

Marina Rupp/Kurt P. Bierschock: Kinderreich und arm zugleich?

Tanja Mühling: Lebenslagen von Niedrigeinkommenshaushalten – eine Analyse des NIEP

Peter Krause/Tanja Zähle: Einkommen und Armut bei Haushalten mit Kindern

Johannes Schwarze/Tanja Mühling: Empirische Forschung zur ökonomischen Situation und zum Armutsrisiko von Familien – Folgerungen und Ausblick

Abstracts and keywords | Zusammenfassungen und Schlagwörter

Ruth Limmer (pp. 8-26 )

Berufsmobilität und Familie in Deutschland

Zentrale Ergebnisse des Kooperationsprojekts „Berufsmobilität und Lebensform“ werden vorgestellt. Der Studie liegen zwei Prämissen zugrunde: (1) Bestimmte Formen beruflicher, räumlicher Mobilität können zur Ausbildung mobiler Lebensformen führen. (2) Berufsbiographie und Familienbiographie stehen in einem engen Interdependenzverhältnis. In die Untersuchung gingen fünf ausgewählte mobile partnerschaftliche Lebensformen mit/ohne Kind ein sowie zwei nichtmobile Vergleichsgruppen. Ziele der Studie sind: (1) Beschreibung der Verbreitung der Lebensformen sowie charakteristischer Merkmale mobiler Personen. (2) Analyse der Faktoren, die Mobilitätsentscheidungen beeinflussen sowie (3) der Folgen eingelöster Mobilitätsanforderungen für Beruf, Partnerschaft und Familie. Die Verbreitung wurde anhand sekundäranalytischer Auswertungen des SOEP (1997) und des Mikrozensus (1996) untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass etwa 16% der erwerbstätigen Bevölkerung zwischen 20 und 59 Jahren in einer der mobilen Lebensformen lebte. Alle weiteren Fragestellungen wurden auf der Grundlage von zwei Primärerhebungen bearbeitet (786 standardisierte Telefoninterviews; 309 leitfadengeführte Telefoninterviews). Ebenso wurden Partner(innen) der Untersuchungs- und Vergleichsgruppen einbezogen. Ausgewählte Ergebnisse der Primärerhebungen zu den drei zentralen Fragestellungen werden vorgestellt. Im abschließenden Resümee wird auf die anwendungsbezogene Relevanz der Forschung in diesem Bereich hingewiesen und weiterführende Fragestellungen vorgestellt.

Schlüsselworte: Berufliche Mobilität, Fernpendeln, Wochenendpendeln, Umzug, Varimobilität, Lebensform, Familienentwicklung, Berufsbiographie, Belastung.

Mobility and family in Germany

I present selected results of the cooperatively conducted project „Job mobility and living arrangements”. The study is based on two basic assumptions: 1. Certain modes of spatial job related mobility may cause mobile living arrangements. 2. Job and family biography are highly interdependent. Five different mobile living arrangements of couples with/without children are considered in the study and compared to two non mobile living arrangements. Main objectives of the study are: (1) describing the spread of the mobile living arrangements in question and characteristics of mobile persons, (2) analyzing the factors that have an impact on mobility decisions as well as (3) exploring the impact of realized mobility on job, partnership and family. Investigation of the spread of mobile living arrangements is based on data from the SOEP (1997) and the Microcensus (1998). Results show that about 16% of the economically active people aged between 20 and 59 years are living in a mobile living arrangement. All further questions were analyzed on the basis of 786 standardized telephone interviews and 309 qualitative telephone interviews. These include interviews with couples from each of the five mobile and two non mobile subgroups. Based on these data, I present selected evidence concerning the three main objectives. Final conclusion concerns the high applicative relevance of research on job mobility, and questions for future research will be presented.

Key words: Job related mobility, longdistance-commuter, shuttles, living arrangement, family development, job biography, stress.


Heather Hofmeister (pp. 115-128 )

Geografische Mobilität von Paaren in den Vereinigten Staaten. Umzugs- und Pendeltrends

Es wird davon ausgegangen, dass die steigende Zahl von Doppelverdienerpaaren in den USA dafür ausschlaggebend ist, dass Umzugsmobilität abnimmt und Pendelzeiten steigen. Im Folgenden werden zunächst Daten zur Entwicklung der Verbreitung von Umzügen und Tagespendeln in den USA vorgestellt. In meiner eigenen Studie wird Pendeln als raum-zeitliche Brücke zwischen Wohn- und Arbeitsort konzeptualisiert, die a) die von den Partnern ausgehandelten Prä- ferenzen, die wahrgenommene Bedeutung der Berufstätigkeit, Barrieren und Chancen zum Ausdruck bringt; b) Konsequenzen für die Ausgestaltung familialer und partnerschaftlicher Beziehungen nach sich zieht, c) in Abhängigkeit vom Geschlecht unterschiedlich gestaltet wird; d) über den Lebenslauf hinweg in Abhängigkeit von ethnischer Zugehörigkeit, Klasse und Religion variiert. Es werden Befunde zu Unterschieden hinsichtlich des Familientyps und der Organisation familialer Beziehungen auf der Grundlage von Pendel-Mustern dargestellt. Abschließend werden Vorschläge für künftige vergleichende Studien vorgestellt, die eine differenziertere Betrachtung ermöglichen, wie Familien und Paare mit Anforderungen des Arbeitsmarkts umgehen, welche Anforderungen die Art der Mobilität von Paaren formen und wie nationale Besonderheiten zur Ausbildung spezifischer Mobilitätsformen beitragen.

Schlagworte: Doppelverdienerpaare, Umzug, Pendeln, Aufgabenteilung, Geschlechtsunterschiede, Familienform, Organisation familialer Beziehungen.

Geographic mobility of couples in the United States: Relocation and commuting trends

I propose that the rising number of dualearner couples in the United States impacts the trend toward declining residential mobility and rising commute times. I describe these mobility trends in the United States, first relocation trends and then daily commuting trends. My research views the commute as the bridge in time and space between home and work that a) reflects couples‘ negotiation of preferences, relative job importance, barriers, and opportunities; b) has consequences for family functioning, c) reflects gender differences in the ways time and place are organized, and d) varies across the life course, by race, class, and region. I describe differences in family type and family functioning based on the commuting pattern and suggest a course of future comparative research that may improve awareness of how families and couples handle labor market demands, what structures shape the picture of couples mobility, and how nationspecific circumstances orient couples toward certain kinds of mobility and away from others.

Key words: Dual-earner couples, relocation, journey to work, commuting, gender differences, family type, family functioning.


Sven Kesselring (pp. 129-143)

Neue Formen des Mobilitätsmanagements. Mobilitätspioniere zwischen erster und zweiter Moderne

Der Autor präsentiert Ergebnisse aus dem Projekt „Mobilitätspioniere. Zum Strukturwandel der Mobilität unter den Bedingungen reflexiver Modernisierung“ im Münchner Sonderforschungsbereich 536. Er beschreibt unterschiedliche idealtypische Strategien von „Mobilitätsmanagement“, wobei er den Akzent auf die Beschreibung von Konstellation von Mobilität und Immobilität, Bewegung und Bewegungspotenzialen (Motilität) legt. Er wirft die Frage auf, ob die gezeigten subjektorientierten Strategien im Umgang mit dem Mobilitätsdruck der Moderne eine veränderte Perspektive auf den strukturellen Wandel im modernen Mobilitätskonzept und der Mobilitätspraxis er- öffnen. Die Relevanz dieser Frage und der empirischen Ergebnisse wird hier vor dem gesellschaftsdiagnostischen Hintergrund der Theorie reflexiver Modernisierung diskutiert. Als Fazit im Hinblick auf weiterführende Forschungen schlägt der Autor eine Unterscheidung von Transit- und Connectivity-Räumen vor. Dadurch werden die neuen Konfigurationen aus räumlicher, sozialer und virtueller Mobilität unter den Bedingungen reflexiver Modernisierung sinnvoll erforschbar.

Schlüsselworte: Strukturwandel der Mobilität, Mobilitätspioniere, Mobilitätsmanagement, Reflexive Modernisierung.

New mobilities management. Mobility Pioneers between first and second modernity

The article presents empirical data from a research project on mobility pioneers. It shows different strategies of ‘mobility management’ and describes constellations of mobility and immobility, movement and motility (mobility potential). The author raises the question as to whether the reported subject-oriented strategies for coping with the modern ‘mobility imperative’ open up a perspective on a structural change in the modern concept of mobility and mobility practice. The theory of reflexive modernization is used to discuss this question and to help to understand the relevance of the empirical findings. In concluding, the paper focuses on further mobility research and introduces a distinction between ‘transit spaces’ and ‘connectivity spaces’ as relevant issues for research on new configurations of spatial, social and virtual mobility.

Keywords: Structural change in mobility, mobility pioneers, mobility management, reflexive modernization.


Marina Rupp und Kurt P. Bierschock (pp. 153-166)

Kinderreich und arm zugleich?

In diesem Beitrag wird beleuchtet, wie sich der Übergang zum dritten Kind auf die finanzielle Situation von Familien auswirkt. Als zentraler Einflussfaktor wird zunächst die Erwerbstätigkeit der Mütter untersucht und das Armutsrisiko angesprochen. Eine detaillierte Einsicht in die ökonomische Situation großer Familien – im Vergleich mit kleineren Familien – wird anhand einer differenzierten Darstellung der Einkommenskomponenten des Post-Government-Haushaltseinkommens vermittelt. Dabei zeigt sich, dass Transferleistungen des Staates einen bedeutsamen Beitrag des verfügbaren Einkommens großer Familien bilden, dass aber dennoch große Familien deutlich geringere Äquivalenzeinkommen erzielen als kleinere und somit eine relative Benachteiligung feststellbar ist. Zur Illustration der Familiensituation werden Zitate aus narrativen Interviews mit kinderreichen Müttern hinzugezogen.

Schlagworte: kinderreiche Familien, Armut, Einkommensmodelle, Bedarfsorientierung

Are families rich in children economically poor at the same time?

In this contribution, we focus on the impact the transition to a third child has on the financial situation of families. At first, we investigate the labour market participation of mother as a critical factor of impact on family income and then address the issue of poverty risk. A more detailed insight in the economic situation of large families – as compared to smaller ones – can be obtained by a differentiated presentation of various components of the post-government household income. It can be shown that state transfers largely contribute to the disposable income of large families. This fact notwithstanding, when compared to smaller families, large families generate significantly lower equivalent incomes. Thus, a comparative disadvantage for large families can be observed. We illustrate the family situation by citing from narrative interviews with mothers in large families.

Key words: large families, poverty, models of family incomes, aiming at the needs.


Tanja Mühling (pp. 167-188)

Lebenslagen von Niedrigeinkommenshaushalten – eine Analyse des NIEP

Anhand von Ergebnissen aus dem Niedrigeinkommenspanel beschreibt der Beitrag, inwieweit es bei Haushalten, die dem unteren Einkommensquintil zuzuordnen sind, zu Unterversorgungen im Sinne des Lebenslagenansatzes kommt. Es zeigt sich, dass kinderlose Paare trotz knapper Ressourcen nur selten Problemlagen aufweisen, während Paare mit Kindern in dieser Situation sehr häufig Konsumentenkredite aufnehmen und bei Alleinerziehenden sogar kumulierte Unterversorgungen auftreten. Letzteres ist insofern problematisch, als hier auch negative Einflüsse auf die Lebenszufriedenheit nachgewiesen werden können.

Schlagworte: Niedrigeinkommenssektor, Lebenslagenansatz von Armut, kumulierte Unterversorgung

Living conditions of low-income households: Report from an analysis of the German Low-Income Panel

Using data from the Low-Income Panel, the focus of this contribution is on the extent and characteristics of undersupply in selected areas of life. There are striking variations of living conditions and poverty rates among households with low income. It can be shown that consumer debts are prevalent among low-income families of married couples and that the percentage of people facing accumulated undersupply is especially high among lone-parent families.

Key words: low-income households, lifesituation concept of poverty, accumulated undersupply


Peter Krause und Tanja Zähle (pp. 189-207)

Einkommen und Armut bei Haushalten mit Kindern

Im Mittel liegen die Einkommen von Haushalten mit Kindern bei langjähriger Betrachtung meist nur wenig unter dem Durchschnitt in der Bevölkerung. Von dem nach der Jahrtausendwende zu beobachtenden Anstieg der Armutsquoten infolge einer längerfristig zunehmenden Spreizung der Markteinkommen sowie einer Phase wirtschaftlicher Rezession und erhöhter Arbeitslosigkeit waren Haushalte mit Kindern überproportional betroffen. Die Untersuchung der Armut von Kindern führt zu einem scheinbaren Paradox: Auch wenn die überwiegende Zahl an Haushalten mit Kindern ökonomisch weitgehend gesichert erscheint, so weisen erhöhte und dauerhafte Armutsquoten doch auch auf eine steigende Zahl an Kindern und Jugendlichen hin, die infolge schwierigere Rahmenbedingungen (Zunahme an Ein-Eltern-Haushalten; hoher Anteil an Kindern mit ausländischer Bezugsperson) in oft unzureichenden wirtschaftlichen Verhältnissen aufwachsen und demzufolge zusammen mit ihren Eltern sozialpolitisch weiterhin zu begleiten sind.

Schlagworte: gestiegene Einkommensungleichheit, Armut von Kindern

Income and poverty in households with children

Longitudinal observations reveal that households with children usually have incomes that are only slightly lower than the average income of the general population. At the beginning of the 21st century, households with children were disproportionately affected by the increase in poverty that resulted from diverging market income levels and a period of economic recession with elevated unemployment rates. The analysis of child poverty revealed an apparent paradox: although most households with children appear fairly economically secure, elevated and prolonged poverty rates indicate that a growing number of children and youth are growing up in insufficient economic conditions (due to difficult settings in the household, i.e., increase in singleparent-households, higher proportion of immigrant children). These children and their parents need continued support through social policy measures.

Key words: increased income inequity, child poverty