Volume 16 (2004) – Issue 2

16. Jahrgang (2004) – Heft 2

Content | Inhalt

Christian Alt, Susanne Schneider & Dr. David Steinhübl: Das DJI-Kinderpanel – Theorie, Design und inhaltliche Schwerpunkte

Christian Alt & Andreas Lange: Deine Familie, meine Familie? Die Perspektiven von Müttern und ihren Kindern

Christian A. Klöckner, Anja Beisenkamp & Sylke Hallmann: Familie aus der Perspektive von Kindern zwischen 9 und 14 Jahren

Inge Seiffge-Krenke & Jörg von Irmer: Wie erleben Väter Familienbeziehungen während der turbulenten Zeit der Adoleszenz ihrer Kinder?

Dirk Baier & Andreas Hadjar: Wie wird Leistungsorientierung von den Eltern auf die Kinder übertragen? Ergebnisse einer Längsschnittstudie

Guy Bodenmann, Jeannette Meyer, Gabriela Binz & Liliane Brunner: Eine deutschsprachige Replikation der Paartypologie von Gottman

Josef Hörl & Peter Schimany: Gewalt gegen pflegebedürftige alte Menschen in der Familie. Ein Zukunftsthema für die Generationenbeziehungen?


Abstracts and keywords | Zusammenfassungen und Schlagwörter

Christian Alt, Susanne Schneider und David Steinhübl (pp. 101-110)

Das DJI-Kinderpanel – Theorie, Design und inhaltliche Schwerpunkte

Vorliegender Artikel gibt einen Überblick über das DJI-Kinderpanel. Beschrieben werden seine theoretischen Wurzeln, die Ziele und Fragestellungen der Studie, das Design und die Methodik sowie die inhaltlichen Auswertungsschwerpunkte.

Schlagworte: DJI, Kinderpanel, Überblick

Children Longitudinal Study – Theory, Design and Key Contents

This article is a survey of the DJI-Children Longitudinal Study. It shows the theoretical roots, aims and questions of the study, the design and methodology and its key contents to analyse.

Key words: DJI, Children Longitudinal Study, overview


Christian Alt und Andreas Lange (pp. 111-129)

Deine Familie, meine Familie? Die Perspektiven von Müttern und ihren Kindern

Dieser Artikel versucht Antworten auf die Frage zu geben, ob Kinder und ihre Mütter ihre Familie ähnlich erleben und wovon die Wahrnehmung der Familie abhängig ist. Datenbasis sind Angaben von Kindern und ihren Müttern aus dem Kinderpanel des Deutschen Jugendinstituts. Dabei erweist sich Familie als Rückzugsraum, aber als auch Forum, auf dem unterschiedliche Perspektiven – wenn nötig – konflikthaft ausgetragen werden können. Es zeigt sich, dass die Anzahl wahrgenommener Konflikte deutlich mit den Umwelten, in denen Familien leben, variiert. Davon unabhängig wird das Familienklima als relativ positiv eingeschätzt. D.h.: Das jeweilige individuelle Befinden ist deutlich von den herrschenden Lebensumständen beeinflusst, die gelingende Bewältigung dieser sozialstrukturellen Faktoren ist innerhalb der Familien für die weit überwiegende Mehrheit der Kinder gewährleistet.

Schlagworte: Perspektive der Kinder, Familienklima, Familienkonflikte, Sozialstruktur, Umwelt

Your family, my family – the different perspectives of mother and child

This text tries to give an answer to the question if children and their mothers experience the “same family” and which factors influence the perception of family cohesion. The empirical basis for the analyses is the Panel Study on Children of the German Institute of Youth (DJI). The main finding is that the family is valued as a basic und fundamental place in terms of emotionality and wellbeing. Nevertheless mothers and their children have some different perspectives on the family, especially in terms of conflicts. The number of conflicts varies with the environmental circumstances, but most families are able to protect the well-being of their children from these sociostructural influences. Well-being, perception of the family, conflict, environmental influence.

Keywords: family cohesion, wellbeing, conflict, social structure, environment


Christian A. Klöckner, Anja Beisenkamp & Sylke Hallmann (pp. 130-143)

Familie aus der Perspektive von Kindern zwischen 9 und 14 Jahren

Dieser Beitrag referiert die Ergebnisse einer mehrjährigen repräsentativen Befragung von Kindern zwischen 9 und 14 Jahren. Die wichtigsten Einflussfaktoren auf das kindliche Wohlbefinden in der Familie sind familiäre Wärme, keine zu starke Kontrolle durch die Mutter, hohe Kommunikationsqualität und geringe Dominanz der Eltern.

Schlagworte: Wohlbefinden, Familienstruktur, Perspektive der Kinder

Family from the perspective of 9 to 14 year olds

This text reports the results of a representative perennial survey of 9 to 14 year olds. The most important influences on the child’s well-being in their families are warmth, no over-control through the mother, high quality communication and low dominance of the parents.

Key words: well-being, family structure, child’s perspective


Inge Seiffge-Krenke und Jörg von Irmer (pp. 144-155)

Wie erleben Väter Familienbeziehungen während der turbulenten Zeit der Adoleszenz ihrer Kinder?

Bisherige Studien haben sich fast ausschließlich mit der Perspektive von Müttern befasst. In dieser Längschnittstudie wurde erstmalig die Perspektive von Vätern erhoben als ihre Kinder 14 bis 17 Jahren alt waren. 195 Väter nahmen an jährlichen Untersuchungen der familiären Beziehungen teil. Die längsschnittlichen Analysen zeigen über den gesamten Erhebungsraum deutliche Veränderungen im Familienklima und in den familiären Beziehungen. Die von allen Vätern einheitlich wahrgenommene Veränderungen betreffen den Abfall in der Konflikthäufigkeit über einen Zeitraum von 14 bis 17 Jahren, während gleichzeitig die Kontrolle und Strukturierung durch den Vater nachließ und den Jugendlichen mehr Unabhängigkeit zugestanden wurde. Auffällig war allerdings, dass Väter im gleichen Zeitraum Töchtern mehr Unabhängigkeit zustanden als Söhnen. Der Status der körperlichen Reife der Jugendlichen hatte keinen Einfluss auf die Beziehung zu Söhnen, wohl aber zu Töchtern. Bei spätreifen Töchtern ist die emotionale Qualität von Familienbeziehungen aus der Sicht von Vätern erheblichen Schwankungen unterworfen.

Schlagworte: Familiäre Beziehungen, Reifestatus, väterliche Perspektive, Längsschnittstudie

How do fathers perceive family relations during the turbulent phase of their children’s adolescence?

Research so far has dealt almost exclusively with mothers‘ perceptions of family relations during adolescence. In this longitudinal study, fathers‘ perceptions were assessed when their children were 14 to 17 years old. 195 fathers participated in annual surveys about family relationships. The longitudinal findings show great changes in the climate and relationships within the families. All fathers reported a significant reduction in the frequency of conflicts over the period from 14 to 17 years, with a simultaneous decrease of paternal control as the adolescents were allowed more independence. Noteworthy was that fathers gave daughters more independence than sons at a given age. The degree of physical maturity did not affect the relationship to sons, while it did to daughters. Fathers of late-maturing daughters reported wide swings in the quality of the family’s relationships.

Key words: Family relationships, pubertal timing, paternal perspectives, longitudinal study


Dirk Baier und Andreas Hadjar (pp. 156-177)

Wie wird Leistungsorientierung von den Eltern auf die Kinder übertragen? Ergebnisse einer Längsschnittstudie.

In den Sozialwissenschaften wenden sich immer mehr Forscher dem Problem der intergenerativen Vererbung von Werten zu. Die Frage nach einem adäquaten Design für Transmissionstudien wird hingegen weniger häufig thematisiert. Dieser Beitrag setzt sich sowohl methodisch als auch inhaltlich mit der Wertransmission auseinander. Es wird ein Design zur Operationalisierung innerfamilialer Transmission angeregt, das den Prozess der Transmission im Zeitverlauf, die Geschlechtsspezifizität der Transmission, die Wirkungen beider Eltern auf ihre (gegengeschlechtlichen) Geschwisterkinder sowie mögliche Kontextvariablen berücksichtigt. Ausgangspunkt ist dabei die Annahme, dass die Übernahme von Werten eine bewusste Entscheidung des Kindes darstellt. Am Beispiel der Transmission von Werten der Leistung wird gezeigt, inwieweit die Bildung und der sozio-ökonomische Status der Eltern, das Alter und die Außenkontakte der Kinder sowie die Eltern-KindBeziehung den Prozess der Transmission hemmen oder fördern.

Schlagworte: Wertetransmission, bewusste Entscheidung, Sozialisationskontexte, Jugend

How is achievement orientations being transmitted from parents to children? Results of a longitudinal study.

A growing number of social scientists is concerned with the problem of intergenerational value transmission. Nevertheless, an adequate design for transmission studies has yet to be found. This article on valuetransmission processes focuses on both methodology and content. A design for value transmission studies is proposed that takes account of: the temporal succession of the value transmission process, genderspecificity, effects of both parents on their opposite-sex offspring, and potential contextual factors. Central to the analysis is the assumption that acceptance of parents‘ values is a child’s conscious decision. A model of the transmission of achievement values serves as an example to explore how parents‘ education and socio-economic status, the age of the child, children’s extrafamilial contacts, and the parent-childrelationship either promote or inhibit either promote or inhibit processes of value transmission.

Key Words: value transmission, conscious decision, socialisation, adolescence


Guy Bodenmann, Jeannette Meyer, Gabriela Binz & Liliane Brunner (pp. 178-193)

Eine deutschsprachige Replikation der Paartypologie von Gottman

Die Untersuchung geht der Frage nach, wie sich verschiedene Paartypen nach der von Gottman (1993) vorgeschlagenen Paartypologie in ihrem positiven und negativen Verhalten in der Partnerschaft unterscheiden. Zudem wird das dyadische Coping bei den verschiedenen Paartypen untersucht. Die Stichprobe umfasst 1783 Personen, welche an der Fragebogenerhebung zum Befinden verheirateter Personen in der Schweiz teilgenommen haben. Die Ergebnisse zeigen, dass die drei von Gottman postulierten stabil-zufriedenen Paartypen (impulsive, wertschätzende und vermeidende Paare) sich gegenüber ihrem Partner häufiger positiv verhalten als die dysfunktionalen Paare (hostil und hostillosgelöste Paare). Demgegenüber weisen die hostil/hostil-distanzierten Paare deutlich hö- here Werte in der Negativität auf und weisen eine ungünstigere Ratio Positivität zu Negativität auf. Interessant ist ferner, dass sich innerhalb der funktionalen Paartypen der impulsive Paartyp als am günstigsten erweist.

Schlagworte: Paartypologie, Gottman, Partnerschaftszufriedenheit, Kommunikation, dyadisches Coping.

A replication of Gottman’s couple typology in a representative Swiss sample

This study is the first attempt to investigate the typology of couples proposed by Gottman (1993) in a representative Swiss sample including more than 1700 subjects. Gottman assumed that validator, volatile and avoider couples constitute functional, satisfied and stable relationships whereas two forms of dysfunctional types of couples (hostile and hostile-detached) couples may be distinguished. The results of this study replicate the previous finding by Gottman (1993, 1994) indicating that all three types of functional couples reported significantly higher scores with regard to marital satisfaction, positive communication behaviors and dyadic coping whereas hostile and hostile-detached couples were characterized by higher scores in negativity. It is noteworthy that within the types of functional couples, volatile couples reported the highest scores in nearly all positive variables indicating that this type of relationship is more vital and passionate than the others.

Key Words: typology, Gottman, marital satisfaction, communication, dyadic coping.


Josef Hörl und Peter Schimany (pp. 194-215)

Gewalt gegen pflegebedürftige alte Menschen in der Familie. Ein Zukunftsthema für die Generationenbeziehungen?

Gewalt gegen pflegebedürftige alte Menschen in der Familie. Ein Zukunftsthema für die Generationenbeziehungen? Versucht man Problemlagen einer kommenden „Altersgesellschaft“ abzuschätzen, dann könnte auch die Gewalt gegen alte Menschen in der Familie zu einem wichtigen Thema der Generationenbeziehungen werden. Im vorliegenden Artikel werden Ursachen und Ausmaß dieses Problems diskutiert. Aufgezeigt werden Bedingungen, die alte Menschen besonders häufig zu Opfern bzw. Angehörige zu Tätern werden lassen. Vor diesem Hintergrund wird der Frage nachgegangen, wie wahrscheinlich es ist, dass demographische, epidemiologische und soziale Entwicklungen eintreten, die Gewalt fördernde Voraussetzungen schaffen. Zu vermuten ist, dass die Pflegeproblematik bei gleichzeitiger Ausdünnung des familialen Netzwerkes eine wesentliche Ursache von Gewalt gegen alte Menschen darstellt. Vor allem die Zunahme an Demenzerkrankungen dürfte aufgrund von familialer Überforderung die Situation in Zukunft verschärfen.

Schlagworte: Altersgesellschaft, Gewalt, alte Menschen, Generationenbeziehungen, Pflege

Violence toward care-dependent seniors within the family: a growing issue for intergenerational relations?

In an attempt to predict problematic aspects an „ageing society“, domestic violence against the elderly could become a vital issue in intergenerational relations. This article discusses the extent of the problem as well as possible causes. We describe conditions in which elderly persons are at particularly high risk of becoming victims and risk factors for relatives becoming perpetrators. We analyse the probability of demographic, epidemiological and social developments that could create conditions that promote violence. It must be assumed that the generally difficult situation of the long-term care sector, accompanied by shrinking family networks, are major reasons for violence against the elderly. In particular, the rising number of dementia cases could be an aggravating factor in the future because of overwhelmed family members.

Keywords: ageing society, violence, elderly, intergenerational relations, long-term care