Volume 13 (2001) – Issue 3

13. Jahrgang (2001) – Heft 3

Content | Inhalt

Helms, Lilian & Bierhoff, Hans-Werner: Lässt sich Untreue durch Geschlecht, Einstellung oder Persönlichkeit vorhersagen?

Mansel, Jürgen: Familiale Erziehung und Gewalterfahrungen. Hintergründe und Folgen der Viktimisierung

Wagner, Michael & Franzmann, Gabriele & Stauder Johannes: Neue Befunde zur Pluralität der Lebensformen

Wunderer, Eva & Schneewind, Klaus & Grandegger, Christina & Schmid, Gabi: Ehebeziehungen. Eine Typologie auf Basis von Paarklima-Skalen

Sturzbecher, Dietmar & Hess, Markus: Institut für angewandte Familien-, Kindheits- und Jugendforschung (IFK) an der Universität Potsdam in Vehlefanz


Abstracts and keywords | Zusammenfassungen und Schlagwörter

Lillan Helms und Hans-Werner Bierhoff (pp. 5-25)

Lässt sich Untreue durch Geschlecht, Einstellung oder Persönlichkeit vorhersagen?

Diese Untersuchung befasst sich mit der Frage, ob sich Männer und Frauen hinsichtlich der Häufigkeit und der Art der Untreue unterscheiden und ob Liebesstile, Bindungsstile, Sexuelle Einstellungen und Geschlechtsrollenorientierung einen Einfluss auf das berichtete Untreueverhalten haben. Befragt wurden 96 Personen zwischen 19 und 35 Jahren, die zur Zeit der Untersuchung in einer Beziehung lebten. Die Ergebnisse zeigten, dass Männer und Frauen gleich häufig über Untreue berichteten und dass sie sich in der Form der Untreue (emotional vs. sexuell) nicht bedeutend unterschieden, wenn das Alter der Befragten kontrolliert wurde. Ein Alterseffekt bestand darin, dass ältere Personen häufiger Untreue zum Ausdruck brachten als jüngere. Die Prüfung der Hypothesen ergab, dass spielerische und romantische Liebe, permissive und instrumentelle sexuelle Einstellungen und ein vermeidender Bindungsstil mit Untreue zusammenhingen. Spielerische und romantische Liebe sowie sexuelle Einstellungen erwiesen sich als unabhängige Prädiktoren der Untreue.

Schlagworte: Bindungsstile, Geschlecht, Geschlechtsrolle, Liebesstile, Sexuelle Einstellungen, Untreue

On the prediction of infidelity by gender, attitude or personality

This study examines whether men and women differ from each other with respect to frequency and type of infidelity, and whether style of loving, style of commitment, sexual attitudes and genderrole orientation influence reported infidelity. We interviewed 96 subjects who were between 19 and 35 years of age and living in a relationship at the time of the study. The results show that men and women report similar frequency of infidelity and that they do not significantly differ in the type of infidelity (emotional vs. sexual), when the subject’s age is controlled for. An age effect was that older persons reported more frequent infidelity than younger persons. Our test of the hypothesis indicated that playful and romantic love, permissive and instrumental sexual attitudes, and an avoidance style of commitment were related to infidelity. Playful and romantic love and sexual attitudes were independent predictors of infidelity.

Key Words: commitment style, gender, gender role, style of loving, sexual attitudes, infidelity


Jürgen Mansel (pp. 26-51)

Familiale Erziehung und Gewalterfahrungen. Hintergründe und Folgen der Viktimisierung

Prozesse der familialen Sozialisation und die von den Eltern präferierten Erziehungsverhaltensweisen sind nicht nur ein gewichtiger Hintergrund der Gewalttätigkeit der Jugendlichen, sondern sie stehen auch in einem engen Zusammenhang mit der Häufigkeit der Opfererfahrungen von jungen Menschen. Jugendliche, deren Eltern im Alltag ein rigides Sanktionsverhalten praktizieren, werden auch überproportional häufig von den Gleichaltrigen geschlagen und verprü- gelt. Auf der Basis einer Befragung von über 2000 Jugendlichen wird der Frage nachgegangen, welche Mechanismen für den Zusammenhang von elterlichem Erziehungsverhalten und den Opfererfahrungen Jugendlicher bedeutsam sind. Dabei wird davon ausgegangen, dass das elterliche Erziehungsverhalten Spuren im Alltagshandeln und im Auftreten von Jugendlichen hinterlässt. Diese Verhaltensweisen erhöhen dann die Wahrscheinlichkeit, dass Jugendliche zum Opfer von Gewalthandlungen Gleichaltriger werden. Das komplexe Zusammenspiel dieser Faktoren wird zunächst bivariat und anschließend in einer Modellrechnung überprüft. Abschließend wird gezeigt, dass Opfererfahrungen als kritisches Lebensereignis auf der einen Seite und die alltägliche Angst, Opfer einer Gewalttat zu werden, als zeitlich überdauernder Stressor auf der anderen Seite, sich im Wohlbefinden der Jugendlichen niederschlagen und mitverantwortlich für gesundheitliche Beeinträchtigungen sind.

Schlagworte: familiale Sozialisation, Erziehungsstil, Jugendliche, Gewalttäter und Gewaltopfer, Hintergründe und Folgen der Viktimisierung, Stress, psychosomatische Beschwerden

Family Socialisation and Experience of Violence. Factors and Consequences of Victimisation

Socialisation within the family and the predominant parenting style constitute important risk factors for violence to adolescents. There is a strong relationship between parenting style and how frequently youth are victimised. Adolescents whose parents regularly practice strict punitive behaviour are more likely to be hit and beat up by their peers. Based on a survey of 2000 youths, this paper analyses the mechanisms underlying the correlation of parenting style and the victimisation of adolescents. It is assumed that parenting style impacts adolescents’ general conduct and demeanour. This demeanour can, in turn, increase adolescents’ likelihood of being victimised by peers. The complex relationship between these factors is first tested in an equation with two variables, and then in a model calculation. The article concludes that both the actual experience of victimisation and the daily fear of further violence reduced adolescents’ sense of well-being and contributed to health problems.

Key Words: family socialisation, parenting style, adolescent, aggressors and victims of violence, determinants and consequences of victimisation, stress, psychosomatic illness


Michael Wagner, Gabriele Franzmann, Johannes Stauder (pp. 52-73)

Neue Befunde zur Pluralität der Lebensformen

Obwohl die Pluralisierung der Lebensformen seit langem in der Familiensoziologie intensiv diskutiert wird, ist immer noch nicht hinreichend geklärt, in welchem Ausmaß dieser Prozess tatsächlich stattgefunden hat. Die vorliegende Studie bestimmt die Pluralität der Lebensformen in drei Schritten. Erstens wird die Pluralisierung der Lebensformen in Deutschland im historischen Zeitablauf, zweitens in der Kohortendifferenzierung und drittens im europäischen Vergleich untersucht. Die Ergebnisse belegen eine nur sehr schwache Pluralisierung der Lebensformen zwischen 1971 und 1999, bedeutsame Schwankungen der Pluralität der Lebensformen innerhalb von Kohorten entlang der Altersachse, jedoch nicht zwischen Kohorten sowie eine nahezu durchschnittlich ausgeprägte Pluralität der Lebensformen im europäischen Vergleich.

Schlagworte: Pluralisierung, Lebensformen

New Results on the Plurality of Living Arrangements

Although family sociologists have intensely discussed the diversification of living arrangements for a long time, there is still insufficient knowledge about the extent to which this process has actually taken place. This paper examines the diversity of living arrangements in three steps: first, a chronological documentation of the diversification of living arrangements in Germany; secondly a description of cohort differentiation; and thirdly, a comparison with other European countries. Results indicate only a very slight diversification between 1971 and 1999. There are significant changes of diversity within cohorts along the age axis, but not between cohorts. Finally, the diversity of living arrangements in Germany is shown to be near the European average.

Key Words: diversification, living arrangements.


Eva Wunderer, Klaus A. Schneewind, Christina Grandegger & Gabi Schmid (pp. 74-95)

Ehebeziehungen. eine Typologie auf Basis von Paarklima-Skalen

Die vorliegende Arbeit versucht anhand der Fragebogendaten von 64 in Erst-Ehe verheirateten Paaren verschiedene Muster gemeinsamer Beziehungsgestaltung herauszuarbeiten. Auf Basis der „Paarklimaskalen“ mit den Dimensionen „Verbundenheit“, „Unabhängigkeit“ und „Anregung / Aktivität“ lassen sich vier Paarbeziehungstypen differenzieren. Die Typen unterscheiden sich in ihrem aktuellen Beziehungserleben, ihrer Wahrnehmung der gemeinsamen Partnerschaftsgeschichte sowie des aktuellen sozialen Kontextes. Ehedauer und Elternschaftserfahrung erweisen sich dagegen nicht als wesentliche Einflussfaktoren. Auch Puffereffekte in dem Sinne, dass ein beziehungszufriedener und -kompetenter Partner das weniger positive Erleben der Partnerschaft seitens des anderen Partners zum Besseren beeinflussen kann, lassen sich nicht feststellen.

Schlüsselwörter: Paartypen, Paarklima, Ehezufriedenheit, Ehestabilität, Ehe

Marital relationships: a typology based on the ‘Partnership-Climate Scale’

This study uses questionnaire data from 64 first-marriage couples to identify various patterns of mutual relationship design. Based on the ‘Partnership-Climate Scale,’ with the dimensions ‘commitment’, ‘independence,’ and ‘motivation/activity,’ we defined four types of partner-relationships. The types differ from each other with respect to: their current relationship experience, their perception of their common past, and the current social context. How long the couple has been married and whether they have children, however, does not significantly influence their relationship type. In addition, there is no buffer effect: a content and competent partner cannot improve the less-positive experience of the other partner.

Key Words: relationship types, relationship climate, marriage satisfaction, marriage stability, and marriage.